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zur Neuen Hessischen Zeitung.
^^ 18. Sonntag, -en 29. Vctober. 1848.
Göthe's Briefe an Frau von Stein.
Zu der Reliquiensammlung, die von der deutschen Pietät für den unsterblichen Dichterheros angelegt ist, wird jetzt durch die Herausgabe seiner Briefe an die Frau von Stein*) ein besonders charakteristischer 'Zuwachs kommen. Es ist der dritte Briefwechsel, den Göthe mit einer ausgezeichneten weiblichen Persönlichkeit geführt hat. Zuerst wurde uns durch Bettina das Briefgeheimniß überliefert, dann erlaubte es der Tod, die Besitzthümer der Gräfin Auguste Stollberg zu veröffentlichen, und jetzt, zwanzig Jahre nach dem Ableben der Empfängerin, werden uns auch die merkwürdigen Briefe an Frau von Stein mitgetheilt. Das Verhältniß zu Bettina war viel wichtiger und inhaltsreicher als die Correspondenz Göthe's, die darin mitgetheilt wird; zwischen den Briefgedichten Bettina's nehmen sich Göthe's Worte so kalt aus wie Steine, die nur in den Kristallquell geworfen sind, um desto mehr Sprudel und glänzende Schaumperlen hervorzurufen. Göthe crperimentirte mit dieser überströmenden Natur, er fühlte sich innerlich erfrischt dadurch, aber auch beunruhigt, und bestrebte sich, seine objective Haltung zu bewahren. Die Briese an Auguste Stollberg, freilich auch mehr als dreißig Jahre früher geschrieben, geben dagegen rücksichtslos sein subjectivsteS Empfinden, gleichsam die Naturlaute seiner Erregungen, und sind darum wohl unbedingt der treueste Abdruck seines sonst stets verschlossenen Innern, um so werthvoller, als er damals gerade in der Blüthezeit männlicher Jugend stand und der Genius des Schaffens mächtig die Schwingen in ihm regte. Die Briefe an Frau von Stein beginnen ungefähr in derselben denkwürdigen Periode und sind, zwar bei Weitem nicht so schwungvoll, nicht so inhaltreich als die an Auguste Stollberg, doch fast ebenso bezeichnend für seine Eigenthümlichkeit. Er kam. damals zum ersten Mal nach Weimar, als bildschöner Günstling des Hofes und der Frauen, als
*) Besorgt von Schöll. Weimar 1848.
gefeierten Dichter des Werther und Götz von Berli- chingen, kaum sechs und zwanzig Jahr alt, übermüthig, erregbar und höchst liebebedürftig. Durch einen Freund war er schon auf Charlotte von Stein aufmerksam gemacht worden, ehe er sie kannte, und'sie war ebenfalls von demselben Freunde (Zimmermann in Hannover) mehrfach brieflich geneckt worden, daß der Verfasser des Werther ihren Schattenriß leidenschaftlich bewundert habe. Frau von Stein war damals drei und dreißig Jahr, ungefähr sieben Jahr älter als Göthe; sie besaß eine reizende Gestalt, die sie durch zierliche Kleidung noch mehr hervorzuhebeu wußte; ihre Züge müssen durch den Ausdruck großer Sanftmuth, verbunden mit der Lebhaftigkeit eines schönen Augenpaars, ausgezeichnet gewesen sein. Das Portrait, welches dem ersten Bande der Briefsammlung beigefügt ist, widerspricht dieser Annahme zwar nicht, sieht aber durch die altfränkische Kleidung und die Haarfrisur im Geschmack einer Alongenperrücke zu sehr rococo aus, um die Begeisterung des jungen Göthe für diese Silhouette begreiflich zu machen. tEr selbst erschien damals zwar auch noch, wie ausdrücklich bemerkt wird, in seinem berühmten Kostüm ü la Werther und spricht in den Briefen mehrmals von dem Zopf, den er aufbindet, um der geliebten Frau zum Andenken Haare davon abzuschneiden! In dieser steifen Zopfperiode war nichts desto weniger eine Fülle und Beweglichkeit der Empfindung möglich, wie keine andere Zeit sie aufzuweifen hat. Es war der Ucbergaug von den sentimentalen Siegwartromanen in den kräftigen neuen Drang, den Göthe und Schiller in die Bücher- und Gemüthswelt brachten. Göthe schloß sich sehr bald mit Leidenschaft der liebenswürdigen Frau an, ohne es sich recht klar zu machen, ob es die Leidenschaft der Freundschaft oder die der Liebe war. In seinen Briefen finden sich wahre Sturmausdrücke der Empfindung, aber immer nur flüchtig, aphoristisch hingeworfen, immer nur unwillkürlich den innern Drang verrathend. Die größte Anzahl dieser Sammlung find eigentlich