Unter haltnngsblatt
zur Neuen Hefsilsehen Zeitung.
^M 17. Sonnlag, len 22 ©dober. 1848.
Mannszucht der hessischen Krieger»
Eine Erinnerung aus Frankfurt.
Während des Aufenthaltes des ersten Bataillons der kurhessischen Garde zu Frankfurt nahte sich eines Tages ein alter, wohlgekleideter Herr einigen eben von der Mittagstafel im Schwan sich erhebenden Offizieren, nachdem er solche schon bei Tische auffallend firirt und offenbar bezüglich ihrer mit seinen Nachbaren ein lebhaftes Gespräch unterhalten hatte, und stellte die Frage: Ob fie wirklich Hessen-Kasseler wären? Als ihm dieses bejaht wurde, begann er mit allmälig immer bewegter werdender Stimme: Er sei Holländer, Fabrikant und heiße Blydenstein. Einst, vor mehr als 50 Jahren hätten Hessen - kasselsche Dragoner und Grenadiere in seiner Vaterstadt Enschede im Quartier gestanden. Es sei dieses zu jener Zeit gewesen, als das englisch-verbündete Heer unter dem Herzog von Zork in den neunziger Jahren Holland geräumt habe und in fast aufgelöstem Zustande längs der Grenze in Quartiere verlegt worden wäre. Es lebten wohl nur noch Wenige, welche jene drangsalvolle Zeit mit durchgemacht hätten, aber die Erinnerung an das vortreffliche Verhalten jener hessischen Krieger wäre auch heute noch unter den Bewohnern Enschedes eine lebendige. In den Erzählungen von Großvater an Sohn und Enkel würde der Hessen-Kasseler noch immer als eines Ideals stattlicher, tapferer und wohl disziplinirter Krieger gedacht und es gepriesen, wie die Stadt Enschede es allein jener hessischen Besatzung zu danken habe, von den namenlosen Bedrückungen, Brandstiftungen und Plünderungen gänzlich befreit geblieben zu sein, die allenthalben in der Umgegend durch die zuchtlosen Banden der Engländer und Emigranten verübt worden und die über so viele Familien Armuth, Elend und Entehrung verbreitet hätten. Er selber sei damals noch ein Knabe gewesen, doch lebe in ihm die Erinnerung noch jugendfrisch. Auch einzelne Namen habe er treu
im Gedächtnisse bewahrt. Möglich, daß er hier unter Söhnen oder Enkeln jener braven hessischen Offiziere sich befinde. Vor Allen erinnere er sich eines Hauptmanns Waldschmidt von den Dragonern, und eines durch seine Munterkeit und seinen Frohsinn sich auszeichnenden Fähnrichs von Loßberg von den Grenadieren. Ob die wohl noch lebten und wie es ihnen gehe? — Als ihm die Antwort geworden, der Hauptmann Waldschmidt sei längst todt, und auch der wegen seines Frohsinns und seiner Munterkeit ihm so sehr im Gedächtnisse gebliebene Fähnrich von Loßberg sei unlängst hochbetagt als pensionirter General-Lieutenant und Kriegs- Minister zn Grabe getragen worden, der anwesende Bataillons-Kommandant aber sei dessen Schwiegersohn, und auch das Regiment sei dasselbe, von dem damals seine Vaterstadt besetzt gehalten worden, denn jene Gre- nadiere wären Garde-Grenadiere (das heutige zweite Bataillon Leibgarde) gewesen, erkundigte sich der Fremde noch mit großem Interesse nach Mancherlei und nahm endlich mit Thränen in den Augen und unter wiederholtem Händedrücken Abschied. Es erfülle ihn, sprach er tief bewegt, mit wehmuthvoller Freude, am Abende seines Lebens noch einmal die Söhne und Enkel jener trefflichen hessischen Krieger von Angesicht zu Angesicht geschaut zu haben, denen er, die Seinigen und seine Mitbürger zu so großem Danke verpflicht wären, und deren Andenken daher unter ihnen von Kind zu Kindeskind ein gesegnetes geblieben.
Lieber Leser I es ist dieses —zumal in den bewegten Tagen der Gegenwart — freilich nur ein sehr einfaches und unscheinbares Vorkommniß; aber unwillkürlich knüpfen sich daran die stolzesten Erinnerungen, sowie die ernstesten Mahnungen.
Wenn der Hesse mit hohem Stolze des Kriegsruhms seiner Väter gedenken darf, wenn fast sämmtliche Abtheilungen des kleinen hessischen Heeres ein fast andert- halbhundertjähriges, rühmliches Dasein nachzuweisen vermögen, so darf er diesem Gefühle um so mehr im