Einzelbild herunterladen
 

Unterhaltungsblatt

zur Neuen Hessischen Zeitung.

»4'0 16. Sonntag, den 15 October. 1848.

Ein Tag in Heilbronn.

Genrebildchen von Franz Dingelstedt.

(Schluß.)

Wir hatten, in ländlichem Einspänner spät Abends nach Heilbronn heimgekehrt, die Nacht unter den Fit­tigen des „Falken" vortrefflichst zugebracht. Andern Morgens geleitete ich den Freund an's Dampfschiff, das ihn Neckar-abwärts mir entführen sollte. Ein schmales, kleines, niedres Ding von einem Schiffe, inexplosible getauft; könnte aber auch inexpressible heißen, so eng ist es, eine bloße Wasserhose, wahr­scheinlich durch vieles Waschen eingeschrumpft. Desto mehr lud man an Waare, Vieh und Passagieren hin­ein, so daß das Verdeck einer Arche Nvah nicht un­ähnlich sah: Männlein und Fräulein, paarweise und einfältig, Heidelberger Studenten mit den unvermeid­lichen Hunden, Turner mit sonneverssnsterndem Bart­wuchs, und, mitten in dem lustigen Gewimmel Kom­mender und Gehender, Lachender und Grüßender, eine sehr ernste, traurige Gruppe: — Auswanderer vom Schwarzwalde! Wie ost ich dieses Bild in meiner neuen Heimath auch sehe, täglich beinahe um die gute Jah­reszeit, so geht es mir dennoch immer tief erschütternd durch Mark und Bein. Was ist das für eine Heil­kunde für den kranken Gesellschaftskörner, die, um das Uebermaaß an Saft und Blut abzulassen, sich in das beste Fleisch schneidet?

Da saßen sie, auf ihren Betten, Koffern, Kasten, Körben; Kinder, die noch kaum den ersten Laut ihrer Muttersprache unter dem Vaterhimmel hatten lallen lernen, und Greise, denen die neue Welt wenig mehr als ein Grab verhieß. Stumm, gesenkten Hauptes saßen sie da. Ohr- und Herz-zerreißendes Schluchzen klang aus der Bretterbude am User, wo sie die Fahr­karten zu lösen sich drängten. Ein junges Mädchen rührte mich von allen am tiefsten: eS kauerte, abseits von der Schaar, ganz allein zu der großen Reise ge­

rüstet, auf seinem neuen weißen Reise-, statt Braut- Koffer, worauf mit großen Buchstaben geschrieben stand: Christiane Häberle. 1848. Die Jahreszahl war halb verwischt, ob vom Regen unterwegs, ob von Thränen, eigenen oder fremden, die am Vor-Abend der Abreise auf den Firniß träufelten?!

Fahr' wohl, armes Kind! Möge die Sonne der neuen Welt diese Thränen niemals wieder stießen sehen und das Bild der alten dir so erloschen sein und blei­ben, wie die Ziffer des Jahres, da du sie verlassen!

Die Glocke bimmelte; ein anderer Abschied stand bevor! Fahr'wohl, auch du, alter, treuer, trauter Freund! Dafür daß du einen flüchtigen Hauch kindlicher, kindi­scher Lust mir wiedergebracht hast in das ernsthaft ge1 wordene Leben, dafür daß in deinem lieben Bilde noch einmal der Schatten glücklicher Jugend beglückend und verjüngend mir auferstanden ist, dafür segne ich dich und dank' ich dir zu tausend Malen! Fahr' wohl, und grüße mir, wie ich dich grüße, die ganze, liebe, heilige Heimath! —

Und er fuhr. Zwar nicht wohl, aber er fuhr doch. Es war heiß und voll und eng auf dem „Wilhelm", und kein Zweifel, daß er unterwegs einige Male auf­laufen würde, der Wilhelm nämlich, und sicher zu spät ankommen in Heidelberg, um den letzten Bahnzug zu treffen. Aber er fuhr doch, und was will der Mensch mehr?

Ich schlich, den letzten Blick der Rauchsäule nach­sendend, traurig in die Stadt zurück. Unterwegs, — es gibt eine Nemesis auf der Welt, was man auch dagegen sagen mag, — unterwegs begegnete ich meiner Eisbären-Familie von gestern; es war nicht weit von der Neckarbrücke, hübsch weit schon vom Dampfschiffe. Sie wanderten alle beisammen, Vater, Mutter, Kinder, Nachtsäcke, Hutschachteln, und Regenschirme; auch der bisher unsichtbar gebliebene Seetiger aus dem Alkoven enttäuschte mich durch seine Erscheinung, — wieder ein­mal ! — bitterlich. Ganz behaglich schritten sie von