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verstummen mußte, warf ein Paar ihrer himmlischen Laute in die tiefe Einsamkeit, in die hoch aufhorchenden Mauern. Da erwachte ein wundersames Echo. In den Fenster-Nischen sind, immer von Kerners Hand, Aeolsharfen aufgestellt, freilich mit bestäubten, erschlaff­ten, zerrissenen Saiten. Aber bei dem verwandten Klange erhub sich der entflohene Wohllaut; lange, leise Laute schwirrten und schwammen durch die Lust. Waren es die Seufzer der armen Opfer, welche die gelobte Zeit des Faustrechtes in diesem Gemäuer begrub? Waren es geisterhafte Grüße des entfernten Freundes, dessen Seele in geheimnißvollein Bezüge steht mit der Veste, die sein Werk ist und seine Wonne?

Hier, auf der nämlichen Bank, hatte ich zum ersten Male vor zehn Jahren mit Justinus gesessen; es war damals, als ich, ein wandernder Poet am Schulmeister­stecken, Schwabens Gauen durchzog, — ohne zu ahnen, daß ich einst Hütten darin bauen sollte, Hütten und doch wohl auch — Gräber. Er führte mich selbst her­auf, er stimmte seine Aeolsharfen, er ließ sie tönen im Abendhauche, er zog sein wunderlich Spielwerk, die Maultrommel, heraus und musizirte mir eins vor. Wenn mich profanen Burschen ein unverhaltenes Lä­cheln beschlich über das Instrument, das sich der Alte ausgesucht, so schlug er mich gutmüthig mit seiner flei­schigen Hand auf die dürren Backen und sagte: „Bischt noch e junges Blut, wirscht's auch verstehe lerne!" Und in der That, man muß, um den Dichter, seine Richtung, und seine Gedichte zu verstehen, so mit ihm gesessen, sein Haus, seinen Thurm, seine Burg durch­krochen haben. Da sieht man allerdings Geister, wenn auch andere wie er, und mit anderen Augen. Aber freilich, bis zum Verständniß der Maultrommel bin ich noch nicht gedrungen, obgleich er nachmals noch oft, auf meinem Bette hockend, mit ihrem schnurrenden Ge- flister mich in den Schlaf gelullt hat.

Bergunter ging's dann in lustiger Eile. Bürger's Lied wurde angestimmt: „Wer sagt mir an, wo Weins­berg liegt?" und die alte Sage kritisch beleuchtet, auch allerlei erbauliches Gesprächsel gepflogen über Weiber­treu, die nur als Ruine gefunden werde, und die nir­gends zu findende Männertreu. Die Urtheile über der

Kunde Werth und Wahrscheinlichkeit waren getheilt. Die Frau behauptete natürlich, die Weiber hätten ihre Männer wirklich Huckepack die Burg hinabgeschleppt. Meinem philologischen Gewissen stießen Skrupel auf, die eine kleine Probe nicht besiegte. Räumliche und zeitliche Verhältnisse mit grammatisch-historischem Scharf­sinn überlegend, kam ich zu einer Conjectur, der man einige Kühnheit und viel Erfahrung nicht absprechen wird. Kaiser Konrad, heißt es, lag an die acht Mo­nate vor Weinsberg. Während dieser Zeit waren die Ritter und Reisigen mit ihren tugendsamen Weibsen da droben auf dem kleinen Plateau der Burg eng ci'nge- geschlossen .... quibus causis religiöse compositis, equidem censuerim, feminas illas conjuges in ef- figie corain Imperatore Augusto ab arce securn deportasse.

Die geneigte Leserin lasse sich die Stelle von einem legitimen Freunde verdeutschen.

Ich für mein Theil gestehe, daß ich nur so die Sache begreiflich, natürlich und möglich finde. Daß namentlich Kaiser Konrad bei dem Anblicke der also ab- und ausziehenden Weibsen sie mitsammt ihren schul­digen Ehehälften laufen gelassen, dieses scheint mir mirum quantum plausibel. Fragt doch einmal 11er- inannum nostrum über den Werth dieser Interpretation, die ich gern verior quam doctior genannt wissen will!

(Schluß folgt)

Das Dorf am Abend.

Laut wird's im Dorfe; die Kinder sich schaaren Froh vor den Thüren und spielen im Kreis, Springen zum Vater, der müd' und beladen Kehrt vom gesegneten ländlichen Fleiß.

Dort kommt die Mutter; sie führet den Kleinsten; Größere treiben die Heerde herbei;

Knaben und Mädchen, sie scherzen und lachen, Voll von des Uebermuths Dorfschelmerei.

Und selbst im Stalle, der einsam gestanden, Mäckerts und blockt es, es brüllet und schreit; Alles ist lustig, genießet den Abend, Der nach der Arbeit die Ruhenden freut.

Ave Maria! ruft dreimal die Glocke, Betend entblößet der Vater das Haupt, Stille umher, man erhebt sich zum Himmel — Glückliches Volk, das arbeitet und glaubt!

Gertrude von Hohenhausen.

Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck und Verlag von Th. Fischer in Caffel.