Unterhaltnngs blatt
zur Neuen «Hessischen Zeitung.
*M 15. Sonntag, Seit 8. October. 1848.
Ein Tag in Heilbronn.
Genrebildchcn von Franz Dingelstedt.
(Fortsetzung.)
Sonderbarer Wechsel der Zeiten, der Erscheinungen, der Ereignisse! Mit Sorgfalt und Mühe sucht der Reisende in der tausendjährigen Stadt die Trümmer und Spuren von diesem Jahrhtausend auf, das ein einziges Jahrhundert verschlungen und umgewandelt hat. Unweit vom Götzenthurm mündet die Eisenbahn: main de fer et chemin de fer, welche eine wunderliche Syllabir-Uebung des lernenden und lehrenden Weltgeistes! Die alten Mauern fallen, die alten Gräben werden mit ihrem Schutt ausgefüllt, die alten krummen Straßen, die alten spitzen Erker gehen auf in der abscheulichen, glatten sich breit machenden Geradlinigkeit der modernen Ein-, All- und Un-Form. Fabriken entstehen, eine dicht neben, eine hart nach der andern, berühmte großartige Anstalten, in denen Bier und Papier, Messer statt Schwerter, Schwefelsäure, Schrot, Taback, Gold- und Silber-Waaren erzeugt, verarbeitet und weithin, ein Tafel-Service bis gen Konstantinopel sogar, versendet werden. Der enge und rauhe Stein- Kern der eheinaligen Stadt wird in bunten, glatten Vorstädten und in reichen Landhäusern, — das schönste davon, pompejanisch ausgemalt, gehört dem jetzigen Finanzminister, Kaufmann Goppelt, — täglich mehr zusammengepreßt und unkenntlicher verhüllt oder umhülst. Was ehemals eine Kirche war, zu St. Nikolas und zum Spital, dient zum Magazin, und nur in der geschmacklosen Verbauung und Verhölzerung der größten, dem heiligen Kilian gewidmet, sind sich alle Jahrhunderte, vom dreizehnten bis zum neunzehnten, treu geblieben. Nichts hat sich erhalten, wie es war, nicht einmal der Lauf des Neckar, der sonst nicht, wie jetzt, unmittelbar an der Stadt vorüberstoß, und den man durch Kanäle, Schleusen und Dämme erst der kriegerischen Vertheidigung, dann dem friedlichen Verkehr
mit und ohne Dampf dienstbar machte. So spiegelt sich in der Geschichte und in dem Bilde dieser einen Stadt, deren Gestalt vor dem dreißigjährigen Kriege in einer sehr interessanten Ansicht auf dem Rathhause noch zu sehen ist, der ganze deutsche, ja der menschliche Makrokosmos in seinem stäten Wechsel und in seiner wechselnden Stätigkeit merkwürdig ab. Von Kaiser Karl erbaut, von dem Würzburger Krummstabe, vom Dreschflegel des sränkischen Bauernkrieges und vom französischen Schwerte theils zerstört und theils erobert, vom Reichsadler in Besitz genommen und an den würt- tembergischen Hirsch abgetreten, hat Heilbronn an allen geistlichen und weltlichen, monarchischen und repuplika- nischen, kriegerischen und friedlichen, politischen und industriellen Schicksalen und Richtungen Theil genommen und Theil gehabt. Das Auge, welches droben von der grünen Höhe des Wartbergs herab, durch die anmu- thigsten Reben-Hügel und Waldungen, mitten in das Herz zweier ächt-deutschen Kreise, des fränkischen und schwäbischen, dicht aus den obern und untern Neckar, bis hinüber an die blauen Vogesen schaut, es umfaßt in demselben gesättigt-trunckenen Blicke eines der schönsten Rundbilder deutscher Natur und eines der inhaltsvollsten Relief-Bilder deutscher Geschichte. Wer nimmt es darum dem hier einheimischen Stamme übel, wenn er in stolzer Erinnerung, und in zäher Anhänglichkeit festhält an seiner Scholle Ueberlieferungen, wenn er der Kiefer, die im Brandenburger Sande kümmerliche Wurzel gefaßt und flüchtig-raschen Wuchs in geilem Trieb emporgeschleudert hat, wohl die kräftigen Zweige hinüberreichen will zu fruchtbringendem Bruderbünde, aber seinen ehrwürdigen Wipfel nicht beugen unter ihre schwankende Krone?!
Es war Abend geworden, ein voller, klingender Sommer-Abend, über unseren geschichtlichen Spaziergängen durch Heilbronn. Hatte sich auch mein Kummer