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Unterhaltnngsbkatt

zur Neuen Hessischen Zeitung.

, 1« 14 Sonntag, den I. Vctobcr. 1848.

Ein Tag in Heilbronn.

Genrebildchen von Franz Dingelstedt.

Um das Rhinozeros zn sehn, beschloß ich nach Heil­bronn zu gehn." Gellerts Fabeln, mit Variation.

Das bin ich nämlich dem geneigten Leser zu sagen schuldig, daß dieses Rhinozeros seines Zeichens ein See­tiger war. Seetiger! Welcher Reiz in diesem, aus Meer und Wüste zusammengesetzten Worte! Ellenlange Zettel klebten an allen Ecken Stuttgarts, worauf das verlockende Bild dieses Seetigers zu sehen war, in ei­ner Attitüde vor seinem Wärter, wie Carlotta Grisi vor Perrot in dem Balletdie Willis", auf dem hoch- ästhetisch gekrümmten Schweife unmuthig sich balanci- rend, die schwimmhäutigen Flossen gleich liebenden Ar­men zärtlichst ausgestreckt, und mit einem Paar Augen, nein, unbeschreiblich schönen Augen, und mit zwei Reihen Zähne, die für Perlen freilich zu groß sind, aber für einen Tiger ungemein bescheiden und wundernüdlich", wie man in Rinteln sagt. Unter diesem Bilde stand die Beschreibung: Der Seetiger kommt direct von Neuholland, mißt 5' 3" rheinisch vom Kopse bis zum Schweif, zählt erst fünf Lenze, besitzt noch seine vollkommenste Unschuld (physische wie politische), kleidet sich halb in Fischschuppen und halb in Tigerfelle und genießt täglich zum Frühstück ein Schock Austern, zu Mittag sechs Pfund Steinbutt, zum Kaffee zwei Pfund Forellen, und zum Nachtmahle fünf Portionen Rheinsalm, abwechselnd mit Essig und Oel, en mayonnaise, au gratin oder ä la matelote. Das Wasser lief mir im Munde zusammen, während ich diesen Speisezettel überlas, und mit einer wehmüthigen Erinnerung an den Rocher de Cancal zu Paris, rief ich aus:Wenn ich nicht ein deutscher Dichter wäre, mögte ich wohl ein neuholländischer Seetiger sein!"

Gemäßigte Leute hätten die.imSchwäbischen Mer­kur" verheißene Ankunft des Seetigers in Stuttgart abgewartet ; ich, in meiner alten Leidenschaft für wilde

Thiere, die ich der freundlichen Leserin erröthend ein­gestehe, vermogte das nicht. Zudem: ich bedachte, daß ich schon so manchem zahmen Menschen meilenweit nachgelauffn war, um in der Regel, wenn ich ihn ge­funden, enttäuscht, und wenn ich ihn verfehlt, verdrieß­lich heimzukehren; weshalb sollte ich nicht einmal einer wilden Bestie stundenlang entgegeneilen?

Ich hatte endlich noch einen anderen Grund, der mich zu der Fahrt nach Heilbronn nöthigte, einen nütz­lichen neben dem schönen. Ein hessischer Löwe, der mich in Schwaben besuchte, eilte heim, und dem gab ich auf diese Art das höfliche Geleite. Nicht solch ein hessischer Löwe, wie er auf den seligen guten Groschen stand, die mir ach! in sehr beschränkter Anzahl! der Gymnasialdiener jeden ersten des Monats brachte, um sie am letzten für Disciplinarstrafen und Preßver­gehen wieder abzuholen; nein, kein solcher Löwe nicht! Auch kein gestempelter Löwe, desgleichen weiland auf meinen Hansteinischen Ministerial - Nasen oben das Maul dräuend gegen mich aufriß und die Pranken er­hob. Diese beiden Löwen-Gattungen, Felis leo ar- genteus und Felis leo zopfatus, hatte ich seit Jahr und Tag nicht mehr erblickt, und derjenige, welcher mich unlängst in meiner Bade-Wildniß am Neckar über­raschte, gehörte einer ganz anderen Species an: es war ein ächter Löwe, Felis leo politico - literarius, ein lion mit standesgemäßem Stachelbart und etwas dünngewordener, aber dafür allmähligergrauender Mähne.

Diesen Löwen an der linken Hand, meine Fran am rechten Arm, das Bildniß deS Seetigers vor Augen und im Herzen, bestieg ich, bei einer Hitze von 25° R. im Schatten, den Waggon deS Eisenbahnzuges, welcher zu der glücklich gewählten Mittagsstunde von 2 Uhr 15 Minuten einige hundert Menschen, in einigen Fuß Länge und einigen Zoll Breite räumlich zusammenge­faßt, mit absoluter Geschwindigkeit von 2 Meilen in der Stunde, auS der Hauptstadt deS Königreiches Würtemberg in die ehedem freie Reichsstadt am Neckar