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fete mich dann in der Familie des Rentmeisters, dessen drei wohlbeleibte Töchter fast nur Lottospiel und Lachen anzu- bicten hatten. Hierher brachte der Amtsbote am Abend vor Christtast als Bescherung für mich die Nachricht, daß ich Negierungs-Sekretär der Finanz-Sektion mit einem gegen meine bisherige kleine Besoldung sehr ansehnlichen Gehalt geworden sei. Hoffnung und Furcht hatten nun das Kampfgebiet meiner Einbildungskraft verlassen, aber nur um mir, als ich zur Stadt zurückkehrte, in der Wirklichkeit zu begegnen.
Fulda empfing mich mit wahrer Niedergeschlagenheit. Beim Empfang des Kasseler Packets mit den Anstellungs- Rescripten für das Personal des neuen Collegiums hatte er einem Subalternen freudig zugerufen: „Ihr Freund ist Sekretär!" Aber siehe da! bei Abzählung der Rescripte fehlte das meinige. Glücklicher Weise fehlte es überhaupt für den Sekretär. Fulda war in der Pein ausgeplaudert zu haben, was vielleicht gar nicht genehmigt war.
Das Räthsel löste sich erst am Neujahrstage, als die Post das Neskript für mich und die Nachricht brachte, die Stelle sei dem Archivar Friedrich Murhard zugedacht gewesen, und erst als dieser lieber aus dem Dienste als aus Kassel habe scheiden wollen, sei das Reskript für mich aus- gefertigt worden.
So trat ich nun mit schöner Erwartung in ein Amt, das meinem Stolze und meiner Bescheidenheit zugleich entsprach, indem es mir in einem ansehnlichen Colleg einen Sitz gewährte, während ich mir gern eingestand, daß es mir, um auch eine Stimme zu haben, noch an der nöthigen Vorbildung fehlte.
Nun hatte ich in und außer den Sitzungen Gelegenheit, meinen Gönner kennen zu lernen. Schon daß er mit dem Auftrage, die Behörde für eine neu gewonnene Provinz zu organisiren, aus Kassel geschickt war, sprach für seine höhere Geschäftstüchtigkeit. Und er kam ohne den hessischen Zopf, der doch unter dem damaligen Kurfürsten in guter Aufnahme stand. Schon seine Geschäftsfeder verrieth den Mann von schöpferischer Begabung, und sein Stil war frei von den Fußstapfen des Aktenpedantismiis. Er war einer der seltnen Beamten, die ihren Dienst vollkommen befriedigen, ohne in der Dienstbarkeit der Geschäfte die letzte Befriedigung ihres Sinnes und Herzens zu finden, deren Seele erst zu hungern anfängt, wenn ihre Akten gesättigt find. Glücklicher als diese sind vielleicht jene Beamten zu
nennen, denen das Joch ihres Dienstes 'zugleich als ihr Stolz auf dem Nacken liegt. Die gewöhnlichen Arbeiter finden an den abgemachten Akten ihr Genüge; die bessern behalten noch den eifrigen Blick auf die Furchen, die sie gepflügt, — das frohe Auge auf die Saat gerichtet, die daraus hcrvorkeimt; aber nur wenige regen erst, wenn sie die Feder niedergelegt haben, das Gefieder und die Brust der Lerche, die aus jenen Furchen empor steigt, um den höhern Aether und die Abendröthe des Ewigen zu suchen. So blieben jenem Fulda hinter den befriedigten Geschäften noch immer Natur, Poesie und Wissenschaft dreifaches Bedürfniß. Seine Kenntnisfe waren ausgebreitet, sein Geschmack gebildet, sein Urtheil treffend, seine Theilnahme an allem Bedeutenden lebendig und sein Sinn auf das Edle gerichtet. Ein ungemeines Zartgefühl, ja eine Weichheit der Empfindungen überraschten an einem Manne von so derber, kolossaler Gestalt. Doch ist solche Bereinigung widersprechender Eigenschaften dem deutschen Naturel nicht so ungewöhnlich. Wenn dies zähe stürmische Wesen des kräftigen Mannes, diese hastigen, oft eckigen Bewegungen, mit zärtlichem Lächeln, mit hinschmelzendem Wenden und Neigen des Kopfes, unter kindlichem Spiel der Hände, rasch wechseln konnten, wenn man seine staatswirthschafllichen Gesichtspunkte, seine umfassenden Ideen für das Interesse des Landes mit der Zerstreutheit seiner Junggesellenwirthschaft verglich, oder ihn von den ängstlichen Ziffern des Budgets aufspringen sah, um das von dem Pedellen im unbeliebigen Augenblicke überbrachte Packet des Monatsgehalts in die Ecke des Zimmers zu schleudern; so war man lächelnd geneigt, es genial zu nennen. Doch war es weniger Genialität des Geistes als des Gemüths. Kurz, Fulva war ein Choleriker mit der ganzen Reizbarkeit und edeln Kraft dieses Temperaments. Jedes Geschöpf hat seinen geborncn Feind: der edle Choleriker hat deren hundert an der Ueberzahl der Pedanten und Egoisten. Mit zwei solchen Exemplaren hatte sich Fulda viel herumzuschlagen. Einige Zeit war ihm nämlich zu den Vorarbeiten der Organisation ein nunmehr verstorbener Steuerrath beigegeben, und man erzählte sich einst, Fulda habe in seiner Ungeduld jenes Kataster menschlicher Albernheiten, so corpulent es war, aufgepackt, die große Schloßtreppe hinabgetragen und unter der Halle niedergesetzt. Dies hieß doch, sich faktisch und symbolisch Einen vom Halse schaffen! Ein heftiger Streit Fuldas mit dem ihm vorgesetzten Präsidenten, einem