Nnterhaltnngsblatt
zur Neue» hessischen Zeitung.
, 4" 13. Sonntag, den 24 September. 1848.
Erinnerungen
Von H. König.
2. Ein edler Hesse.
(Schluß.)
Nun waren wir kurhessisch geworden, und unter den mit der Organisation der Provinz beauftragten Beamten erschien auch der Ober-Cammerrath Fulva. Der Zudrang Derer, die eine Anstellung suchten und die ihre Beförderung betrieben, läßt sich denken. Die heimlichen und oft krummen Wege, die man hierzu in Fulda liebte, entzogen solche Betriebsamkeit meinem unbefangenen Sinne. Zumal gehörte es zu den practischen Unkenntnissen meiner nnberathe- nen und oft gedankenlosen Jugend, daß und wie man sich einflußreichen Männern zu nähern und §u empfehlen habe, und eine gesellschaftliche Blödigkeit stimmte mich auch leicht, solche Schritte für überflüssig anzusehen. Genug, ich lebte so ziemlich in den Tag hinein, als mich eines dunkeln Abends Fulda zu sich entbieten ließ. Ich war eben in der Theaterprobe und eilte mit guter Ahnung, aber auch nicht ohne Beschämung zu dem Manne, den ich so ganz versäumt hatte.
Fulda war ein großer, stattlicher Mann, eine Heldengestalt, jedoch ohne entsprechende Gesichtsbildung. Vielmehr lag etwas Gespanntes, Unharmonisches in diesen Zügen, denen eine plumpe, etwas geröthete Nase und kleine Augen keine sonderliche Bedeutung verliehen. Um so wohlthuender war die Freundlichkeit und Leutseligkeit, die aus einem solchen Antlitze hell und warm hervor leuchten konnte. Dabei begleiteten eigenthümliche Bewegungen des Kopfes und der Hände, man möchte sagen — voll ungraziöser Naivität, jene Heiterkeit des Gemüthes, und nahmen sich an solcher imposanten Gestalt seltsam kindlich aus.
Mit dieser gewinnenden Freundlichkeit die ganze Unebenheit, die noch zwischen uns lag, überschreitend, kam Fulda mir entgegen, als ich in das Kerzenlicht seines Zimmers trat, und fragte mit lächelndem Zögern: Wollen Sie Sekretär bei der Finanz-Seetion der Regierung werden?
Aehnlicher Weise hatte mich einst der Mönch, der mich für sein Kloster werben wollte, gefragt: Wo hinaus mit der Feder?
Ich weiß nicht, ob eine so unberechnete Beförderung oder das so unverdiente Wohlwollen eines Mannes, dem ich so fremd stand, überraschender für mich war. In diesem Gefühle mag ich wohl etwas erregt geantwortet haben, als er ans meiner vergnügten Erwartung eine plötzliche Besorgniß schöpfte und in rasch wechselnder Stimmung ausrief:
„Aber Sie werden es nicht! Denken Sie nur nicht, daß Sie die Stelle schon hätten! Halten Sie sich lieber gefaßt, sie nicht zu bekommen. Fürsorglich nehme ich Sie zugleich auf den Etat der Licentbeamten mit auf. Ich darf in meinen Vorschlägen ohnehin nicht angeben, wie jung Sie noch sind, sonst geht der Kurfürst gar nicht auf Sie ein." — — —
So war denn eine unverhoffte Erwartung, jedoch mit dem Widerhaken einer eben so neuen Besorgniß in die Seele des jungen Mannes geworfen. Was mich über beide erhob, war das schmeichelhafte Räthsel der Gunst eines Mannes wie Fulda. Ich war noch zu wenig freimüthig, um ihn zu fragen, was ich, als ich über die dämmerige Straße nach meiner Theaterprobe zurück eilte, mich selber fragte: Wodurch wird dir ohne eigene Bewerbung, ohne fremde Fürsprache dies entgegenkommende Wohlwollen zu Theil? — — Am Ende blieb ich wenigstens geneigt, solche mir unerklärliche Gunst für ein Unterpfand der neuen Hoffnung oder auch für einen Ersatz getäuschter Erwartung anzusehen.
Dies begab sich in den letzten Wochen des Jahres 1816. Die Folgen der Mißernte traten immer bedrohlicher ein, und nöthigten die Regierung zu Maßregeln der Fürsorge. Die Vorräthe des Inlandes sollten ausgenommen werden, und ich erhielt den Auftrag hierzu für einen ländlichen Amtsbezirk. Bei frischem Wetter wanderte ich mit meinen Listen und mit munterer Lust, von einem Rentereidiener begleitet, von Dorf zu Dorf, durch Scheunen und über Fruchtböden. Ein langer und langweiliger Abend erwar-