Unter Haltungsblatt
zur Neuen Hessischen Zeitung.
.M 12. Sonntag, den 17 September. 1848.
Harmlose Mittheilungen aus dem Tagebuche eines Gemüthlichen.
Von Fr. Oetker.
(Schluß.)
Februar 1. Der Monat Februar heißt zu deutsch „Hornung," b. h. Monat der Hornthiere, „Hornviecher" u. s. w. Ich bin neugierig, ob man heuer sagen kann: nomen et omen habet.
Februar 18. Ich bin nicht neugierig mehr! — Vor einigen Tagen sah ich einen schwer bepackten Wagen von zwei magern Pferden gezogen, oder vielmehr nicht gezogen, denn die Pferde ruhten sich aus. Der zugehörige Blousen- Mann stand von Ferne und peitschte so lange drohend und selbstbewußt in der Luft umher, bis die armen Gaule keuchend auf ihn zukamen. Der magerste war der willigste, weil er aber der magerste war, so kam er am wenigsten fort und erhielt daher, wie billig, die meisten Schläge. Das Hornvieh! oder vielmehr Nichthornvieh! — Heute lieferte der Herr Referent in der „Vaurevers -Angelegenheit" den unumstößlichen Beweis, daß er zu den ersten Juristen Deutschlands gehört, indem er zuerst Sätze auf- stelitk, die vor ihm noch Niemand ausgesprochen hat.
Februar 23. Bickell ist heute Nachmittag gestorben. Das Wetter klärt sich mehr lind mehr auf; wir gehen dem Frühling entgegen. —
Februar 24. Ich bin ganz und gar nicht neugierig mehr!
Die heutige Kasseler Zeitung kündigt „Goldbergersche Galvano-elektrische Nheumatismen-Ketten," das Stück zu 15 Sgr., stärkere zu 1 Thlr., ganz starke zu 172 Thlr. an. Unter den zahlreichen Uebeln, gegen welche sie nützen sollen, wird auch die „Harthörigkeit" aufgeführt. Ich habe mir deßhalb sofort eine „ganz starke" bestellt und gebeten, dieselbe, wo möglich noch zu verstärken, um damit einem gewissen Jemand ein Geschenk zu machen. „Batet es nicht, so schadet es nicht; denn auf eine Kette mehr oder weniger kann in Kassel Nichts (ankommen. — Paßt übrigens auch auf andere Orte! —
Item: Vorgestern wurde über den Antrag des Herrn von Buttlar auf theilweise N e mancipatio» der Juden berathen. Herr von Schenck behauptete, der Antrag stehe mit der Verfassungs-Urkunde nicht im Widerspruche, Herr Schwarzenberg hielt ihn aber für durchaus verfassungswidrig: wer von Beiden hat nun wohl Recht? Uebrigens ist Herr von Buttlar mein Mann, weil er manch Mal so recht drollig-gemüthlich-naiv, oder gemüthlich- drollig -naiv, oder gemuthlich-naiv-drollig rc. sich gehaben kann. So erzählte er am Ende seines vorgestrigen Vortrages die interessante Geschichte, wie ihm 1833 an demselben Tage, an welchem er die Juden habe „emanciptren helfen," vom Ju- denthume begegnet worden sei. Er habe nämlich mit seiner Familie die Sehenswürdigkeiten des hiesigen Museums in Augenschein genommen. (Es kostet dies, beiläufig gesagt, 3 Thlr.) Da sei ihm von einem holländischen Juden (hört! hört!) der Vorschlag gemacht worden, man wolle sich für eine Familie ausgeben, und so den Genuß billiger machen rc. Natürlich habe er, Herr von Buttlar, aber diese Versuchung zur „Betrügerei" mit Unwillen zurückgewiesen, und nun solle er noch an die Würdigkeit der Juden zu allgemeiner Emancipation glauben. — Schauderhaft! höchst schauderhaft!! Welch ein Glück, daß Herr von Buttlar standhaft blieb! Wie hätte er sonst seinen diesmaligen Judenbeschränkungs-Antrag begründen wollen! Denn die gedruckte Begründung wird schwerlich Viele überzeugen, wenn sich auch einige abgehärtete Lungen durch den endlosen dritten Satz ohne Gefahr deS Erstickens hindurchlesen sollten. Es war aber auch zu arg! Konnte denn der miserabele Holländer nicht wissen, daß cs hier nicht hergeht, wie an andern Orten, wo man die vorhandenen Kunstschätze unentgeldlich sehen läßt, oder wo es doch erlaubt ist, sich mit Andern zu gemeinschaftlichem Besuche zu vereinigen?! Und wenn er das nicht wissen konnte, wie mogte sich dann der unwissende Jude beigehen lassen, so mir nichts dir nichts Mitglied der Familie derer von Buttlar werden zu wollen? Der Erzjude! der Holländer! — Gelegentlich dieser Geschichte sieht man aber recht deutlich, wie außer-