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Unterhat tungsblatt

zur Neuen «Hessischen Zeitlnig.

«A» 11. Sonntag, den 10. September. 1818.

9t a 11 b e t m.

Ein Wiedersehen nach vier Jahren.

(Fortsetzung.)

Die Ufer des in sanften Windungen zur Dampfmaschine führenden Soolgrabens bilden bei schattigem Wetter einen angenehmen Spaziergang. Brennt aber die Sonne auf die baumleeren Böschungen, so ist es gerathener, die Sei­tengänge an den hohen Gradirwänden zu suchen, wo stets, selbst im heißesten Sonnenblicke, eine erquickliche Kühle weht. Die Verdunstung der niedertröpfelnden Soole bringt diese erfrischende Erscheinung hervor, und der mit feinen Salztheilchen geschwängerte Hauch, der über und neben dem auffangenden Bretterboden sich hinzieht, wird zugleich als ein gesunder und heilender Duft zum Einathmen empfoh- len. Namentlich sollen Personen mit schwacher Brust die Pfade an den Gradirungen zu ihrem täglichen Spazier­gange wählen und zwar an der Seite, wo ihnen vom Winde die verdunstende Soole zugeführt wird. Dem Einflüsse der mit Salztheilchen reich erfüllten Atmosphäre schreibt Dr. Bode es auch zu,daß die knotige Lungensucht unter den hiesigen Einwohnern verhältnißmäßig selten vorkommt, am seltensten aber unter den Salinen-Arbeitern." Damit die Schwachen sich um so nachdrücklicher stärken mögten, hatte man bisher wohlweislich unterlassen, irgend eine Bank in der Nähe der Gradirwände anzubringen; vor einigen Tagen aber ich meine, der Schlag hätte miet? gerührt er­blicke ich plötzlich zwei funkelneue, grasgrüne Bänke, und habe natürlich nichts Eiligeres zu thun, als mich darauf zu setzen, nämlich auf die erste beste. Ich leichtsinniger Mensch! konnte ich denn nicht längst wissen, daß man hier Nichts ohne tiefere Bedeutung thut? Wußte ich nicht seit Jahren, daß man die Badetücher für großgewachsene Leute nur um deßwillen zu klein eingerichtet hat, damit Diejeni­gen einen Trost daran haben, welche für die sieben Fuß hohen Hakeubretter zu kurz gewachsen sind? Konnte ich nicht ahnen, daß man die Spaziergänger nicht plötzlich einer nachtheiligen Bequemlichkeit überantworten wollte, sondern sie nach und nach auf die künftige Behaglichkeit vorzube- reiten gedachte, und deshalb die Bänke erst frisch mit grü­ner Oelfarbe anstrich? Ich büßte daher lediglich meine Unachtsamkeit, als ich mich, mit Erlaubniß zu sagen, in den grasgrünen Oelanstrich herzhaft hineinsetzte; und wenn man etwa geltend machen wollte, das Verfahren der Bade­verwaltung sei doch äußerst unbedacht und unvorsichtig ge­wesen, indem sie ja Gefahr gelaufen, daß einer oder der andere Aufstehende die anklebenden Bänke mit fortgenom­men habe; so sinkst das darin seine Beseitigung, daß die Bänke kläglicher Weise sofort angenagelt worden waren.

Auch meine Bank blieb deshalb ruhig stehen, und wäre ja Etwas fortgegangen, resp, hängen geblieben, so hätten es nur meine Unaussprechlichen sein können, was natürlich der Badeverwaltung keinen bemerke»swerthen Nachtheil gebracht haben würde.

Die Gradirwände können mittels angebrachter Treppen und von einem Thurme aus, unter welchem das Ende des Schwalheimer Gestänges arbeitet, bequem bestiegen werden. Sie sind oben flach und gewähren einen eben so luftigen als genußreichen Spaziergang. Namentlich ist's zur Nacht­zeit auf diesen dunklen, langgestreckten Höhen gar eigen und schön. Ein leichtes Schauern überläuft Einen, wenn man in die Tiefe hinabsieht, wo die Gestänge ächzen, die Dampf­maschine arbeitet, das riesige Wasserrad wie ein schwarzes Ungethüm sich brausend dreht. Dazu überall das flüsternde Gesicker der abtröpfelnden Soole und der Schaum, der von den Pumpen weiß und gespenstisch umherfliegt! Wenn dann der Mond aus dem Wetterthale heraufsteigt, voll und glü­hend, und sein mildes Licht über die fernen Höhen des Taunus und über die nahe, weite Ebene ausgießt; wenn dort die Burg Friedberg, drüben das Teichhaus und hüben die rauchenden Schlote der Saline aus denk ungewissen Dämmerscheine hervortreten, wenn der Johannisberg klar sich erhebt und der verlassene Thurm wie eine wachsame Warte in den hellen Nachthimmel hincinfchneidet; wenn dann das luftige Hüttchen des Gravirwärters schirmend sich aufthut, zu einer einsamen Rube, oder zu einem gemein­samen Traume Hand in Hand, Herz an Herz: da ziehen wohl wunderbare Gebilde, klingen wunderreiche Sagen und Weisen vorüber, da wird Alles offenbar, was sich an Sehnsucht und Hoffen, an Lust und Leid im tiefsten Her­zen verborgen. Wer sie festzuhalten, wer sie auszusprechen wüßte, diese Bilder und Töne, die Wunder alle! ja alles Glück und allen Schmerz einer solchen Stunde! -

Die meisten und bedeutendsten Ausflüge werden nach Honiburg, nach Friedberg und Schwalheim unternommen, denn die Besuche ves Teichhauses und des Johannisberges können eigentlich nur als Spaziergänge im Orte betrachtet werden. Mir sind Ziegenberg und die Rövger Mühle die liebsten Ziel- und Ruhepunkte für ländliche Fahrten. Hom­burg ist mir ein schrecklicher Ort. All dieser Pomp, diese Pracht, dies Schaugepränge, dies ewige Geschnatter und Gegattcr, dies Klimpern und Klappern, dies Rennen und Laufen, die Putzen und Sichsebenlassen, dies Gaukeln und Gaffen von tausend Affen und Lasten: was kann es ge­währen, als eine kurze Unterhaltung und eine endlose Lang­weile, als Eindrücke der widrigsten Art? In Homburg kann nur leben, wer an Leib und Seele verdörrt ist, oder wer mit sehenden Augen blind scheint, oder wer über den