Unterhaltungsblatt
zur Renen Hessischen Zeitung.
JVp. 10. Sonntag, den 3. September. 18-58.
N a u h e i m.
Ein Wiedersehen nach V i e r Ja h r e n. Fortsetzung.
Eben so würde die Toole ohne alle Schwierigkeit unmittelbar in die Bäder gelassen werden können, wenn man in der Nähe ein Badehaus einrichten wollte, beziehungsweise nicht vorzöge, sie in die drei viel tiefer liegenden Bäder im nahen Prachtlokal Babel durch kostspielige Handpumpen zu treiben, was offenbar in der lobenSwerlhen Absicht geschieht, den armen Pumpenmännern mehr Verdienst zuzuwenden, oder wenn man endlich nicht den klugen Streich gemacht hätte, das jetzige Badehaus so hoch und so entfernt anzulegen, daß unterwegs die beste Wärme des (durch Aufwendung von mehreren Hundert Thalern jährlich) hingepumpten Wassers verloren geht. Um so unverzeihlicher ist es, daß noch Nichts geschehen ist, um die im Schlaf empfangene 9Bu Übergabe in ihrer ganzen Fülle und Kräftigkeit zum Besten der leidenden Menschheit zu verwenden. Früher wurde wohl, wenn auch ohne genügende Triftigkeit, auf Klagen und Borwürfe erwidert, daß die Saline eine bedeutende Masse Soole nicht entbehren könne re.; allein durch den neuen Sprudel ist auch dieser Scheingrund beseitigt worden, denn bei selbe liefert eine solche Wassermengc (über 86,000 Cubikfuß in 24 Stunden, also mehr als das Doppelte der früheren Quellen zufammengenommen), daß die Saline bei ihrer jetzigen Bedriebskraft sie gar nicht bewältigen kann, zumal zur Frübjährszeit noch bedeutende Ansammlungen im Reservoir Statt finden können. Erwägt man nun noch, daß ver neue Sprudel eine regelmäßige Temperatur von 26 Grad N., also gerade die gewöhnliche Badewärme hat und wèbcv durch Abkühlungen, noch durch Erwärmungen an Kraft und Hauch, wie die geheimnißvolle Wcrkstätte der Erde sie gewährt, einzubüßen braucht, daß er ferner unmittelbar und zwar mit solcher Fallhöhe in die Bäder gelassen werden könnte, daß jeder Krahn eine brausende, schäumende Wasser- und Gas-Douche wäre, daß endlich bei der verschwendrischen Freigebigkeit der Na
tur das Wasser, wie in vielen Bädern, nicht geschont zu werden braucht und dessen Heilkräftigkeit und namentlich die Wirksamkeit des in unendlicher Fülle ausströmenden Gases durch vierzehnjährige Erfahrungen in das glänzendste Licht gestellt worden ist; so wird die jetzige Mangelhaftigkeit und Kleinheit der Ladeeinrichtung nur dadurch begreiflich, daß man sich an alle die Nichtswürdigkeiten und Schlaffheiten, an all die bodenlose Erbärmlichkeit der frühern Regierung und ins Besondere des Finanzministers von Motz erinnert, worunter das Land feit siebenzehn Jahren hat leiden müssen. Es steht zu erwarten, daß die neue Zeit auch in dieser Hinsicht ihre belebende und heilbringende Kraft nicht unbewährt lassen wird; der jetzige Zustand darf nicht länger dauern; es würde eine Schmach sonder gleichen sein, ein neues Badejahr mit der ganzen Trostlosigkeit wieder beginnen zu lassen, die gegenwärtig so unverantwortlich, wenn auch freilich mitunter ganz kleidsam und pikant hier ansgebreitet liegt. Nauheim braucht kein Welt- und Lurusbad zu werden, es ist nicht nöthig, daß man prachtvolle Säle und Spielhöllen mit großartigen Kronleuchtern und Wandspiegeln re. einrichtc; aber es wäre doch wün- schenswerth, wenn neben zweckmäßiger und umsassender Ausdehnung der Badeeinrichtungen, wenigstens so viel Annehmlichkeit und Behaglichkeit gewährt würde, daß man im Schatten und resp, im Trocknen spazierengehen und zu jeder Tageszeit und bei jeder Witterung Obdach und angemessene Unterhaltung finden könnte. Jetzt ist zwar ein Saal da, aber mehr ein Scheusal, namentlich wenn er kurz vor dem Essen gewaschen worden ist. Auch ein Flügel ist da, und zwar auf Subscription; allein seit vier Jahren hat ihn gewiß Niemand aufgeschlagen, der ihn nicht ärger verstimmt gefunden hätte, als sich selbst. Sogar ein Kronleuchter fehlt nicht; nur wird er leider nicht angesteckt, und wenn dies ausnahmsweise geschieht, so wird es in der Weise bewerkstelligt, daß man einen Arm um den andern mit einem Talglichte in der Richtung des schiefen Thurmes von Disa besteckt oder auch wohl vier Lichter an einer