Unter h alt nngsblatt
zur Nenen Hessischen Zeitung.
,4“ 9. Sonntag, den 27. August. 1848.
Erinnerungen Don H. König.
Der melirteNock.
Ich war ein kleiner, armer Student, als unter der oranischen Regierung ein berühmter Mann nach Fulda berufen ward, von dem ich aber noch gar nichts wußte. Denn auf dem katholischen Gymnasium wurden wir mit dem Leben und den Werken der Heiligen sehr genau bekannt gemacht, erfuhren aber gar nichts von dem Leben und den Werken der deutschen Schriftsteller. Jener berühmte Mann war August Gottlieb Meißner, und er kam von P.rag, wo er 20 Jahre lang als Professor der Aesthetik und klassischen Literatur gestanden hatte. Er war damals ein angehender Fünfziger, fein gekleidet, von angenehmer, geistreicher Physiognomie und nachlässiger Haltung. In dieser Haltung lag vielleicht etwas vom Bewußtsein schriftstellerischen Ruhms, gewiß aber noch mehr körperliche Hinfälligkeit. Mit ihm machten sich seine Schriften in Fulda bekannt. Seine Skizzen, Erzählungen und Dialoge, seine Romane Alkibiades und Bianka Capello gehörten zur gesuchten Leetüre jener Zeit und hatten ihm einen poetischen Namen verschafft. Man rühmte die blühende Einbildungskraft, die glänzende Darstellung voll Anmuth und Witz. Eine gezierte Ausdrucksweise , geschraubte Wendungen entsprachen vielleicht dem Geschmacke seines damaligen Leserkreises mehr, als dem guten Styl. Auch seine historischen Gemälde, — sein Masaniello, Spartakus, Epaminondas und Cäsars Leben wurden geschätzt. Doch von allem dem hörten wir Studentchen erst viel später. Jetzt staken wir noch tief genug in unserm mühseligen Latein und in dem dicken Katechismus; das tägliche Meßglöckchen summte uns in den Ohren; die lateinischen Psalmen mußten Sonn- und Feiertags gevespert werden, und in kurzen Zwischenräumen ängstigte uns die vorgeschriebene Beichte.
So sahen wir bloß mit etwas scheuem Befremden den Mann an, der so berühmte Bücher geschrieben hatte, der so süß sprach, so bequem that, und den das geistliche Fulda
so ungern an der Spitze der höhern Schulen erblickte. Viel Wohlwollen fand der gute Meißner nicht, wohl aber manche Hemmnisse und kleinliche Neckereien. Er bewohnte im rechten Flügel des Gymnasialgebäudes das Erdgeschoß; und wenn wir Studenten zuweilen eine seiner Töchter über die Hausflur schweben sahen, hatten wir die Empfindung wie vor dem Anblick einer Fee. Solcher Gang, solche Kleidung, solche Sprache waren neue Offenbarungen im Revier der Fuldenserinnen. Der Name Bianka, den Eine derselben führte, verbreitete zugleich etwas von dem romantischen Dufte der väterlichen Dichtung. Meißner zog sich in der engen Stadt und vor den engherzigen Menschen in den Kreis seiner Familie und weniger Freunde zurück, wo der poetische und lebenserfahrene Mann die Kosten geistreicher und gemüthlicher Abende bestritt, unbeneidet von denen, die im einheimischen Geschmack einen derberen Aufwand der Geselligkeit liebten. — —
Wie bänglich war mir blödem Knaben um's Herz, als ich eines Nachmittags zum Director beschieden war. Ich zählte nämlich zu den Studenten, die einer Unterstützung bedurften und derselben für würdig erkannt wurden. Milde Fonds waren vorhanden, aus denen solchen Schülern nicht nur die nothwendigsten Schulbücher, sondern auch Kleidungsstücke beschafft wurden. Diesmal sollte ich mit einem neuen Ueberrocke bedacht werden. — So geh' doch nur! mahnte meine Mutter, als ich ängstlich zögerte. Und vergiß nicht, wenn der Schneider das Maaß nimmt, dich brav zu strecken, damit der Rock recht weit und lang werde, und du hinein wachsen kannst.
Und so stand ich denn in dem eleganten, wohlriechenden Zimmer und streckte mich. Denn der Schneider war eingetreten, und es war der erste Meister der Stadt, unter dessen Hände zu fallen ich jetzt das Glück hatte. Herr Mahlmann zog seinen Papierstreifen aus der Tasche, um ihn meinen Rücken hinab und um den Leib des lateinischen Schützen zu legen, und die Maaße mit dem Scheerchen einzukerben. Ob Meißner, der dabei stand, wahrnahm, wie