- 32 -
den Hals gehängt, nein daß er selbst in den höchsten Gra- dirbau gehängt und solcher Gestalt für ewige Zeiten inkru- stirt würde, „ihm selbst zur wohlverdienten Strafe, Andern aber zum abscheulichen Erempel!"
Nauheim ist ein unvergleichlicher Ort zu einem ruhigen Badeleben, zu einer stillen Beschaulichkeit. Ich wüßte nicht, wo man ein paar Wochen so behaglich verdämmern, io ungestört verträumen könnte als hier. Die einfachen Umgebungen, die gemessene Geschäftigkeit der Leute, die ernsten Bauten und Maschinerien, die ragenden Gradirvorrichtungen, die dröhnenden Bohrarbeiten, die ächzenden Gestänge, die unterirdischen Wasserleitungen und Röhren-Gänge: das alles und hunderterlei sonstige Dinge versetzen in eine so eigenthümliche Stimmung, daß man sich für einen ganz neuen Menschen hält. Man thut Nichts und ist doch beschäftigt, man kommt nicht weit und sieht doch immer was Neues, man will nicht denken und fragt doch nach hunderterlei Ursachen und Wirkungen, man strengt sich nicht an, und ist doch behaglich ermüdet, man unterhält sich nicht und hat doch niemals lange Weile, man stellt keine Forschungen an und versenkt sich doch in Tausenderlei und in Nichts! So trieb ich's, so war mir's vor vier Jahren, lind so auch noch jetzt! — Nur hatte ich damals einen sinnigen Freund zur Seite und wohnte in einem „Salon," dessen Fenster auf ein reizendes Gärtchen ging, während ich jetzt die „Unglücksstube" (tote eine liebenswürdige Frau sie getauft hat) bewohne und manchmal den Kopf ausstrecke, um Junggesellen- Betrachtungen über eine reiche Sammlung von „Kleidchen und Hemdchen" auf der Zugleine gedankenvoll anzustellen. Mein Tagwerk ist äußerst einfach und regelmäßig. Um 6 Uhr stehe ich auf und gehe trinken, um 8 Uhr kehre ich heim und stelle Betrachtungen an rc., um neun Uhr trinke ich Kaffee — ach, und was für Kaffee! und wie trinke ich ihn! und wo! Dicht neben dem Hofrauine meiner Wohnung ist ein Gärtchen voll prächtiger Georginen und duftender Levkoyen und Reseda. Ein frischer Morgenwind streicht darüber hin und die Sonne gießt innig und warm ihre frühesten Strahlen darüber aus. Im Schatten eines Birnbaums steht ein Tisch und auf diesem Tische finde ich den „herrlichen Trank, von sorglicher Hand mir bereitet"; zwei reizende Kinder trinken plaudernd mit; ein Rothkehlchen schaut neugierig zu, und Sonntags zieht auch das helle Geläute der Kirchen
glocken feierlich über mir hin, an den nahen Hügeln und im weiten Thale der Ufa leise verhallend. — Um 10 Uhr bade ich; dann schreibe oder denke oder lese ich Etwas, bis gegen 1 Uhr „das Verlangen nach Trank und Speise" sich meldet und die schallende Glocke des Kursaales ihre einladenden Töne erschallen läßt. Nach Tisch bringt man ein Stündchen im Kurgarten zu; Nachmittags werden Spaziergänge und Partieen gemacht — einsam oder in Gesellschaft — nach dem Teichhause, nach der Haseleck, nach Rödgen, nach Schwalheim, nach Steinfurt, nach Ziegenberg, nach Friedberg, auf den Johannisberg, oder wohin sonst Verabredung oder Laune führt — bis gegen neun, höchstens zehn Uhr Jeder sich heimfindet, und mich die gastliche Stille meiner „Unglücksstube" wieder aufnimmt. — Nicht wahr? ein glückliches Treiben trotz der „Unglücksstube!" Ein glückliches? Wer ist wohl heut zu Tage noch glücklich, wenn er schon „zu seinen Jahren gekommen" ist? Ante mortem nemo beatus!
(Fortsetzung folgt.)
Zur Fahnenweihe.
Melodie. Eine feste Burg rc.
Seht ihr eS flattern, das Panier,
Es harret auf die Weihe,
Der Ordnung und des Friedens Zier,
Die Gott uns stets verleihe.
Schwarz-roth-golden, wißt,
Seine Farbe ist,
Weil aus dunkler Nacht
Durch Morgenrothe's Pracht Wir geh'n zur goldnen Zukunft.
Im Dunkel lag das deutsche Land,
Weil seine Kraft zersplittert;
Im Morgenroth reicht sich's die Hand, Zum festen Bund verbrüdert.
Lobet Gott, den Herrn,
Golden scheint der Stern,
Den der Herr uns zeigt,
Der niemals auch verbleicht, Wenn Zwietracht uns nicht scheidet.
So wollen wir das Kleinod weih'n
Und Deutschlands Färb' entfalten,
Doch auch getreue Hessen sein, Bei Fürst und Land stets halten.
Will dem Vaterland
Droh'n der Feinde Hand,
Unsrer Eintracht Zier,
Die Fahn', geweiht, uns führ' In Gotts dreiein'gem Namen.
N. Emil D ietz.
Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck und Verlag von Th. Fischer in Cassel.