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Unterhaltungsblatt

zur Neuen Hessischen Zeitung.

8. Sonntag, den 20. August. 1848.

Harmlose Mittheilungen aus dem Tage- bnche eines Gemüthlichen.

Von Fr. Oetker.

(Fortsetzung.)

Januar 19. Herr Büff erinnerte gestern daran, daß der Landgraf Philipp der Großmüthige über seine Landstände Thrä­nen vergossen habe. Diese artige Bemerkung gefiel mir unge­mein wohl, und zwar um so mehr, als ja auch die jetzige Ständeversammlung von der Art ist, daß man Thränen vergießen mögte. Ferner sagte der Herr Deputirte Wein­zierl von Fulda:das Repräsentativ-System sei eine hohle und abstrakte Theorie" re., wir aber ständenmitten im Le­ben und machten Geschichte". Diese artige, nämlich groß­artige Bemerkung gefiel mir auch ungemein wohl, und zwar um so mehr, als Herr Weinzierl neulich die wunder­liche Geschichte machte, daß er die Censur und die Censoren- Gehalte vertheidigte. Endlich sagte Herr Nebelthau zu Herrn Henkel in heftigem Tone,der Legitimations-Aus­schuß sei nie in der Stündeversammlung" re. Auch diese artige, nämlich unartige Bemerkung gefiel mir ungemein wohl, und zwar um so mehr, als der Legitimationsausschuß incl. des Herrn von Dehn-Rotfelser manchmal nirgends zu sein scheint, wenigstens nicht bei Trost. Uebrigens bezog sich die Antwort des Herrn N. auf eine Frage des Herrn H., wie es mit der Legitimations-Angelegenheit des Herrn Wippermann stehe. Es ist sehr erfreulich für mich, zu be­merken, mit welcher gründlichen Gemüthlichkeit dieser Ge­genstand behandelt wird. Wippermann wird Anfangs von den Schaumburger Bauern gewählt, da hat er keinStan- dcöbewustsein"; dann wählen ihn die Städter, da kommt er in Untersuchung; dann spricht das Obergericht aus, daß kein Grund zur Untersuchung vorliege, da fehlt der beglau­bigten Ausfertigung des Urtheils das Siegel. Bedenklicher Casus! sehr bedenklicher! höchstbedenklicher Casus! Der Le­gitimations-Ausschuß, seiner Mehrheit nach aus Juristen bestehend, getraut sich nicht, die Sache zu ent­scheiden, er faßt nach langem Bedenken den Entschluß,

den Rechtspstege-Ausschuß (der Mehrzahl nach aus densel­ben Mitgliedern bestehend) um Rath zu fragen. Dieser ersucht nach reiflicher Ueberlegung die Landtags- Commission um Auskunft. Die Landtags-Commission be­richtet nach sorgfältiger Erwägung des Falles an das Ministerium des Innern, das Ministerium des Innern ersucht wahrscheinlich das Justiz-Ministerium, das Justiz- Ministerium wird das Obergericht fragen, das Obergericht das Landgericht u. s. w., nämlich rückwärts zurück. wenn wir's nämlich erleben.

Januar 24. Herr Wagner von Aulda, Landrichter und Landtagsdeputirter, stellte in Beziehung auf die land­ständische Behandlung der Legitimationsfragen, an öffentlicher Wirthstafel den Satz auf:Schlägst du meinen Juden, so schlage ich deinen Juden".Herr Neutzel, ebenfalls Deputirter, behauptete, nachdem er in der Stille satt gewor­den war,Deutschlands Verfassungen wurzeln auf .histo­rischem Boden".

Januar 26. Gestern Abend ist der Ober-Appellations« rath Münscher gestorben. Die Luft war heute bedeutend reiner und heller als gestern.

Januar 28. Herr Henkel zählte heute die verschiedenen Quellen unseres dermaligen Rechts auf, um zu zeigen, daß wenn wir nicht so viele Rechtsqnellen und unzählige Ge­setze hätten, als wir glücklicher Weise haben, Herr Lederer einen Antrag auf Einführung von Marktgerichten nicht gestellt haben würde. Er fing mit der Bibel und zwar mit den 5 Büchern Moses an. Er war aber noch nicht bis an's Canonische Recht gelangt, als Herr Büff, der Anfangs gegen die Fortsetzung der Rede als würdiger Jünger seines Herrn und Meisters ordnungswidrig sich er­hoben hatte, den Versammlungssaal unwillig verließ. Ich schloß daraus in meiner gemüthlichen Ecke, daß es mit den vielen Rechtsquellen doch etwas gar Erschreckliches sein muß; denn wie wäre sonst Herr B. so erschreckt davon ge­laufen? Sodann kam heute dieprovisorische An- stellungâ der Anwälte zur Sprache. Herr Henkel sagt dar-