Einzelbild herunterladen
 

- 27 —

Und alle, alle Lande

Hören's und jubeln laut.

Deutschland, Deutschland macht Hochzeit, das blonde, feine Kind.

Doch sprich, wer ist der Bräut'gam, den es so innig minnt?

Das ist ein Herr von Eisen, den zog Natur aus Erz,

Der hat für Land und Leute ein großes, schönes Herz.

Das ist ein deutscher Degen ein Fürst und doch ein Mann,

Der edle, der getreue, Der Erzherzog Johann.

Nun jauchzet alle Glocken, nun klingt feldaus, feldein,

Nun rauschet alle Strome vom Belt bis an den Rhein,

Von Elbe bis zur Weser, von Donau bis zum Main:

Kein Oesterreich, kein Preußen, ein Deutschland soll es sein!

Nun jubelt Alle, Alle, daß cs dem Feinde graut,

Der Bräutigam soll leben und seine schöne Braut!

So fällt mit in die Freude Ein deutscher Dickter ein:

Kein Oesterreich, kein Preußen, ein Deutschland soll es sein!

Rinteln, am 6. August 1848. I. L.

Harmlose Mittheilungen aus dem Tage­buchs eitles Gemüthlichen*).

Den Fr. Oetker.

Die Familie ist die Grundlage des Staats; die Grund­lage eines tüchtigen Familienlebens aber ist eine tüchtige Gemüthlichkeit. Daraus folgt, daß die Regierungen nichts Besseres thun können, als die Gemüthlichkeiten zu befördern,

*) Dies Tagebuch wurde zwar zu ganz anderem Zwecke ge­schrieben, als um jetzt veröffentlicht zu werden; allein einige Mittheilungen daraus dürsten für Manche eine so angenehme, für Andere eine so unterhaltende Erinnerung gewähren, daß der Her­ausgeber es wagt, in die lebendige Gegenwart ein paar ausge­zeichnete Begebnisse der letzten Tage der todten Vergangenheit her- einzuziehkn. Ist es doch gar Dielen passirt, daß sich ihnen in wenigen Stunden die Dinge unter den Händen verkehrten und nmwandten.

und daß es daher nicht dankbar genug anerkannt werden kann, wenn die Staats-Wohlfahrts-Behörden jede Störung der öffentlichen oder häuslichen Gemüthlichkeit, jede Auf­regung der Gemüther K. fern zu halten suchen. Glücklich das Land, wo dies geschieht! Bencidenswerthes Vater- lândchcn, wo dies in so reichem Maße geschieht!! Wie behaglich kann man hier in Cassel hinter dem Theetopfe fitzen, sein Pfeifchen rauchen, sein Spielchen machen, sein Klatschchen halten, seinen wohlgeborenen resp, hochwohlge­borenen Leichnam punkt 10 Uhr bewußtvoll zu Bett legen! Kein Zeitungslärm stört uns, denn die Zeitungen sind verboten; keine boshaften Broschüren ärgern uns, denn die sind untersagt; keine gründliche Widerlegung beunruhigt uns^ denn wir lesen sie nicht; keine Petition, kein öffentliches Interesse beschäftigt uns, denn das könnte gefährlich sein, keine Grobheit inkommodirt uns, denn Herr Henkel besteht den Kampf mit den „Dreschflegeln" allein; keine Neue­rungen gefährden uns, denn wir stehen auf „historischem Boden" und „entwickeln uns organisch." Außerordentlich organisch! Und dabei ungemein fromm und gemüthlich! Des Morgens stehen wir gähnend auf und machen in Ge­schäften, in Acten, in „Standesbewußtscin" re.; um 2 Uhr beten die Frommen und die Gottlosen gehn spatzicren oder aufs Lesemuseum; um 7 Uhr treten die Pfeifen und Thee­kessel in Thätigkeit und um 10 Uhr geht man gähnend nach Haus und resp, zu Bett! Punkt zehn Uhr! — Es ist fünfzehn Minuten nach zehn, da ich dieses schreibe, und schon erlöschen die Lichter hinter den verhangenen Fenstern — eins nach dem andern; ich sehe am Schatten der Gar­dinen, wie man sich auszieht, sich die Nachtmützen aufsetzt, sich küßt und — nur noch wenige Minuten und die Nacht ist so todtenstill, daß ich den Pendelschlag der fernen Thurm­uhr deutlich höre. Nur ein benachbartes Künstler - Licht wacht noch, dann ein trauriges Kranken - Lämpchen, dann das meinige — auch vielleicht ein Kranken-Licht, aber ein gemüthliches. Es leuchtet mir zu meinen harmlosen Tage- oder vielmehr Nachtbuchs-Bemerkungen, womit ich mir die Ein­samkeit ausfülle; denn da ich leider keinen gemüthlichen Fa­milienkreis mit einem gemüthlichen Theekessel habe, so muß ich mich auf mich selber beschränken, — was freilich so ziemlich auf Eins hinauslauft.

Heute ist ein merkwürdiger Tag gewesen. Ich habe kein einziges Mal die Ausdrücke: „Standesbewußtsein", „histo­rische Grundlage", „organische Entwickelung", „Legitimation"