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Unterhaltungsblatt

zur Neuen Hessischen Zeitung.

tA» 7. Sonntag, den 13. August. 1848.

Das Hutabnehmen.

Eine hochnöthige Vertheidigung.

Von Fr. Oetker.

(Schluß.)

Das Hutabnehmen dient zunächst sehr vorteilhaft dazu, um uns von den Thieren zu unterscheiden. Kein Thier nimmt den Hut ab, ausgenommen etwa, wenn man es menschlich dazu abgerichtet hat. Zwar unterscheidet sich der Mensch auch auf andere Weise von den übrigen Erdenbe­wohnern, so z. B. dadurch, daß er häufig über den Durst trinkt, was bekanntlich kein Vieh thut; allein bei der offen­baren Wichtigkeit des Gegenstandes und da es in vielen Fällen äußerst schwierig wird, einen gehörigen Unterschied zwischen Menschen und Unmenschen aufzufinden, so ist es von Interesse, alle möglichen Merkmale zu bewahren und zu beachten. Sodann kann man zweitens durch das Hutab­nehmen am besten sein Dasein beweisen. Der große Phi­losoph Cartestus sagte zwar nur: cogito, ergo sum, zu deutsch: ich denke, folglich bin ich vorhanden; allein, da das Denken nicht Jedermanns Sache ist, und heut zu Tage nach jenem Satze Viele gar nicht mehr eristiren würden, so ist es von großer Bedeutung, daß man auch durch eine windmühlenartige Bewegung des Armes sein Dasein kund geben und insbesondere die Gegend des Denkens, nämlich den Kopf, dadurch bemerkbar machen kann, daß man einen Filz davon reißt. Zudem ist es auch mit dem Denken eine bedenkliche Sache. Wo sollen am Ende alle Gedanken hin? Nach dem Satze:Zwei Seelen y«b ein Gedanke", müßte allein Cassel, welches nach Preime's neuestem Adreßbuche 34,547 Seelen hat, 17,873^ Gedanken haben; was sollte aber wohl aus den Volksversammlungen werden, wenn neben den Rednern und Schreiern auch noch alle diese Gedanken laut werden wollten? Schauderhaft! höchst schau­derhaft I Gewiß thun daher Diejenigen wohl, welche durch­aus ihr Dasein kundgeben müssen, daß sie dies nicht durch Nachdenken, sondern durch Hutabnehmen und Schweigen oder aber durch Hutaufbehalten und sinnloses Schreien be­werkstelligen.

Das Hutabnehmen ist ferner eine nützliche und anmu- thige Leibesbewegung. Es wohnte mir einst ein junger Mann gegenüber, der sich lange Zeit tagtäglich im Hut­abnehmen übte. Er stellte sich dabei vor einen Spiegel, setzte abwechselnd einen Hut oder eine Mütze auf und machte dann das ganze Erercitium des Hut- und resp. Mütze- Abnehmens mit der größten Unverdrossenheit durch. Bald trat er dicht vor den Spiegel und zog im Stehen, bald ging er einige Schritte zurück und machte im Vorschreiten sein Compliment. Es war wahrhaft erhebend, wie der Mann sich abquâlte, um den erforderlichen Grad von Gra­zie hervorzubringen. Endlich schien er sich genügt zu haben; er sahe,daß Alles so gut war." Doch nein! Er war erst mit der Rechten fertig; nun wurde auch noch vierzehn Tage lang die Linke eingeübt. Ich frage: Was hätte der Mensch dabei haben sollen, wenn's mit dem Hutabnehmen nicht eine herrliche Sache wäre? Zudem: seit mit dem Kleinerwerden der Schürzen auch der Schürzenweg hie und da enger geworden ist, soll im Hutabziehen einiger Ersatz entdeckt worden sein, so daß der am höchsten steigt, der am tiefsten grüßt ; indeß bedarf dies noch der Bestätigung, namentlich in jüngerer Zeit. Jeden Falles ist aber viertens das Hutabnehmen das beste Mittel, seine Hochachtung für Jemanden an den Tag zu legen. Statt vieler Belege nur zwei. In dem fränkischen Kloster Banz lebte ein Mönch, der ein erstaunlicher Freund von Schinken und Würste war. Das ist eben nichts Auffallendes, wird man mir einwenden. Gewiß nicht! Wohl aber verdient die Art und Weise Beachtung, wie der gute Mann seine Dankbarkeit und seine Ehrerbietung gegen den Urquell seines Lieblings- Essens an den Tag legte. Er that nämlich, wie die Klo­ster-Chronik meldet, vor jedem Schweine, das ihm begeg­nete, den Hut ab. Item: Der weltberühmte Arzt Boer- have hielt mit Recht den Fliederthee für ein treffliches Heil­mittel. Auch er entblößte daher vor jedem Hollunderbaume, den er am Wege traf, das Haupt. Man kann hier zwar recht füglich erinnern, daß noch nicht Jeder, der Einem be-