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Unierhaltungsblatt

zur Neuen beffischen ZeiLirng.

^M 6. Sonntag, den 5. August. 1848.

Das Hutabnehmen.

Eine hoch nöthige Vertheidigung.

Von Fr. Oetker.

Wir leben in einer gefährlichen Zeit, in der Zeit der Verneinung, des Umsturzes! Nichts steht mehr fest; überall wird gezweifelt, gerüttelt, getadelt, geändert, nieder- gerissen; ja wahrlich,

Uns blieb nur die schlimme Kunst, zu zweifeln und zu richten,

Und erhebt sich ein Gigant, so ist er's im Vernich­ten !"

Man würde es kaum glauben, wenn man's nicht täg­lich vor Augen sâhe: auch das Ehrwürdigste bleibt nicht unangetastet, die älteste Sitte nicht unangefochten. So schrieb ich schon im Jahre 1842, als man freventlich das spießbürgerlicheWohlgeboren", das freiherrlicheHoch­wohlgeboren" angriff und mir Nichts dir Nichts in öffent­lichen Blättern dieAbschaffung des Hutabnehmens" be­antragte. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, ich mußte mich der wohllöblichen Bräuche annehmen, die so alt sind, wie die Zopfe und Philisterei; ich schrieb deßhalb eine hochnöthige Vertheidigung" des Hutabnehmens und übergab sie imSalon" der Oeffentlichkeit. Aber was gewährt ein Salon für eine Oeffentlichkeit? Zudem ist derSalon" längst schlafen gegangen, wie alle Salous sich schließen gehen; dieFeinde des Bestehenden" aber sind wieder erwacht und die Feinde des Hutabnehmens waren begreiflicher Weise nicht die letzten. Sie treiben ihr höhnendes Spiel wieder ärger als je! Unb wie haben sie sich inzwischen vermehrt! Selbst Bernhardt, der edle, ru­hige Bernhardi, ist zu ihnen übergetreten und hat Sie, meine schönen Leserinnen, sogar aufgefordert, deutschfarbige Hutschleifen als Dispense vom Hutabnehmen zu verkaufen, also gewisser Maßen förmlichen Ablaßkram zu treiben. O, Sodom und Gomorrha! Mit Recht, meine schönen Leserinnen, finb Ihre reizenden Hände hierauf nicht einge- gangen; allein die Hände Vieler meiner unschönen Leser

gingen darauf gern ein, und deßhalb ist es hohe Zeit, daß wohlgesinnte Männer die Sachein die Hand" neh­men undauf der breitssten Grundlage" undmit aller Energie durch alle zu Gebote stehenden Mittel" (meinct- wegen auchgesetzlichen Mittel," weil das vorsichtiger ist) der Anarchie (wie gern sagte ich Reaction, wenn es nur paßte!) entgegentreten.Alle Wohlgesinnten, sagte 1842 Herr Professor Huber in seiner Schrift:Das confervative Princip"" müssen sich jetzt vereinigen, um den Verneinenden, den Jungdcutschen, den Lügengeistern rc. mit vereinter Kraft entgegenzuwirken." Das paßt auch hier. Wohlan denn! vereinigen wir uns! Wahrlich, wir wären ja nicht werth, jemals einen Filz in galanter Begrüßung abgezogen zu haben, wenn wir zu dem Umsichgreifen des argen Unwesens schwiegen. Ich selbst ich kann es leider nicht leugnen nehme zwar schon seit Jahren den Hut nicht mehr ab, ausgenommen etwa, wenn ich auf Jemanden Wenig oder gar Nichts gebe; allein das darf mich nicht hindern, die Wahrheit zu bekennen und das Recht zu vertheidigen, ich muß mir da mit dem Satze sehr gottesfürchtiger Männer helfen: Thut nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Werken! Und gesetzt auch, ich handelte nicht nur anders, sondern dächte auch anders, als ich schreibe und rede, wäre denn das so was ganz Entsetzliches? Ein Unglück wäre es vielleicht, aber ein Unglück, das sich immerhin ertragen läßt, wie man schon an den vielen über Nacht liberal Gewordenen sehen kann, die äußerlich in kerzengrader Freiheit basieren und innerlich oder wenn es Niemand sieht, noch fortwährend gehorsame Diener" machen. Was nun die Gegner des Hutabnehmens anlangt, so ist es zwar nicht leicht, ihren wohlgesetzten Redensarten beizukommen; sic streiten nicht bloß mit Worten, sondern auch mit Gründen, und sind überhaupt, wie auch Herr Huber seiner Zeit von den Con- servativ-Gegnern einräumen müßte, meist Mauer von Geist und Talent. Allein was kümmert uns das? Können wir sie nicht wiverlegcn, so machen wir es, wie die s. g. Dür-