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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, allgemeine Menschenliebe, Völkerbund, ewiger Friede — weiße Republik — Puff, verschwunden war er! Und die Pariser klatschten, und die Franzosen jubelten, und die Deutschen umarmten die Franzosen und beneideten die Pariser, wo sie sie nicht nachmachen konnten!
Wer Lamartine kennt, Poet vom Wirbel bis zur Zehe, eine durchaus liebenswürdige, edle Natur, voll kräftiger Anläufe und fliegender Erhitzungens, in Plauen mit wahrer Wollust schwimmend, bei öffentlichen Reden auf dem meisterhaften Gefälle seiner Sprache behaglich dahingetrieben, gern getragen vom Beifall einer enthusiastischen Versammlung, heut' ein Sklave des Augenblicks und morgen dessen Herr, der begreift vollkommen die Rolle, welche er vom 26. Februar bis zum 26. Junius gespielt hat; er begreift sie, wenn er sie auch nicht in allen Einzelheiten billigen kann, er billigt sie vielleicht auch in Erwägung einzelner unverkennbarer Erfolge und Verdienste, die den Augenblick freilich nicht überdauerten. Es ist das bewegteste Stück Dichterleben, das in unserm bewegten Jahrhundert bisher vorgekommen. Der Mann hat das Glück gehabt sich einmal Monde lang in der Sphäre zu befinden, die Jahre lang sein Ziel gewesen war. Er hat volkthümliche Politik getrieben mit den Abgeordneten der Italiener, Polen, Irländer, und magnetisch-diplomatische Erperimente gemacht mit Hrn. v. Arnim aus Berlin; er hat vom Balcon des Stadthauses herab einen wüthend gewordenen Pöbelhaufen durch sein majestätisches quos ego gezähmt, und hoch zu Roß ein Banner Bürgerwehr zum Kampfe geführt; er hat in den Prunkgemächern eines königlichen Palastes Bettlern und Taglöhnern Audienzen ertheilt, und — so berichtet ein Augenzeuge — in dem Wagen, mit den Pferden des entthronten Königs, als zweiter Phaëton — currus auriga paterni — das republikanische Paris durchzogen; er hat durch die Größe der Gegensätze um ihn her und der Emotionen in ihm sich in eine berauschende Täuschung über seine eigene Größe versetzt, uud in seiner Individualität ein Ereigniß personificirt, dessen Folgen er ebensowenig zu tragen als zu verhüten oder herbeizuführen wußte. In der Secunde wo ver Sturm aufsprang, taugte die Schreibfeder nicht mehr zum Maste des Staatsschiffes, die papiernen Segel zerrissen wie Spinnweb, und der alte, grobe, eiserne Degen mußte als Nothanker, als Steuerruder wieder Her- halte», dieses unausweichliche letzte Mittel, womit nicht bloß Könige und Völker, sondern auch Grundsätze und Parteien chre Streitigkeiten schlichten.
Und Lamartine? Wir fragen zum Schluffe noch einmal, wie zum Anfänge: Und Lamartine? So rasch wie er, verschwindet man selbst in unserer hastigen Zeit nicht; so wechselt nicht Grabesstille mit allgemein zujauchzender Begeisterung Ist es wahr, daß dieses Schweigen aller Stimmen über ihn sein Todesurtheil bedeutet? Ist es wahr was in Paris als öffentliches Geheimniß umhergeht, daß seine Solidarität, mit Ledru-Rollin andere als politische Basen gehabt? Ist es wahr, daß er zu sehr Franzose und nicht Dichter genug gewesen, um seine seit Jahr und Tag notorisch zerrütteten Umstände mit den noch mehr zerrüt
teten des Landes aufzubessern? Ich glaub' es nicht, ich kann's nicht glauben, will's nicht glauben, bis es mir bewiesen wird. Gebt Acht, eines schönen Morgens steht er wieder auf der Tribüne, die Arme unterschlagen oder die Hände in den Hosentaschen, den schwarzen Frack bis an den Hals zugeknöpft, eine fliegende Röthe auf den spitzen Backenknochen. Er hält eine Lobrede auf Cavaignac.
Darin, Hand auf's Herz, unterscheiden sich unsere deut- chen Lamartine, die den französischen nicht bloß übersetzen mögten, sondern auch auf deutschem Grund und Boden fortsetzen, darin unterscheiden sie sich vortheilhaftest von ihrem Musterbilde. Dieses wird nur Worte der Anerkennung und des Dankes für Cavaignac, den Vater des Vaterlandes, haben; bei uns hingegen heißt der Fürst Windisch-Grätz ein Reactionär und ein Bluthund.
Freilich: Cavaignac ist obgleich ursprünglich von Adel, doch kein „Aristokrat" und kein „Reactionär;" auch wurde ihm kein Weib und kein Sohn ermordet!
In Fulda vor einem Jahre» Sonette von Fr. Oetker.
XL Einem Freunde am Negierungstische.
Glücksel'ger Freund, Du hast Dich wohl gebettet!
Wie kannst Du hier so herrlich decretiren, Umgeben rings von staubigen Papieren Und an den grünen Acten-Tisch gekettet!
Wenn ihr die Welt nicht auf den Schultern hättet!...
Stets emsiglich im Acten-Referiren, Stets eiferlich im Actenbündel - Scbnüren — Nur Acten — und das Staatswohl ist gerettet. —
Armsel'ger Freund! Du kennst ein beß'res Streben, Du ahnst, daß so kein Segen zu erringen, Und bist doch ganz dem Teufel übergeben'
Getrost! bald wird der Freiheit Knospe springen, Es kommt ein Lenz mit frischem jungen Leben, Getrost, es wird, cs soll und muß gelingen!
XII. Entschuldigung.
Wie magst Du nur mein armes Auge schmähen, Daß all sein Glühen eitel Liebes-Flammen? Willst Du der Rosen dunkle Gluth verdammen, Weil sie in Sehnsucht auf zur Sonne sehen?
Sie werden ewig mit einander stehen Die Seelen, die aus einem Himmel stammen; Des Meeres Fluthen schlagen hoch zusammen, Daß sie zur selben Frist versprühn, verwehen. —
Nicht meiner Augen heiße Minnegluthen, Die Reize schilt, die Brust, die Holden Wangen, An denen sie mit stummer Inbrunst hangen!
Und soll nicht ganz mein Leben sich verbluten. Da neige Dich, geliebte Schwester - Seele, Daß Herz dem Herzen selig sich vermähle!
Verantwortlicher Herausgeber) Fr. Oetker. — Druck und Verlag von Th. Fischer in Hassel.