Unterhaltungsblatt
zur Neuen Geffifehen Zeitung.
jy. 5. Sonntag, den 30. Juli. 1848.
Annette von Droste - Hülshoff.
Eine Grabschrift.
Am Bodensee liegt auf einer Höhe der badischen Ufer- seite, Angesichts der glänzenden Alpenkette, ein Friedhof zwischen Rebenhügeln. Die Kreuze mit verwelkten Blumenkränzen bezeichnen die Ruhestätten der Einwohner des Bergstädtchens Meersburg. MeSmers vergessenes Grab ist darunter, und an einem sonnigen Maitage dieses Jahres hat man eine deutsche Dichterin dort zur Ruhe gebracht. Es war Annette Elisabeth von Droste; sie hatte die letzten Jahre ihres Lebens in die reine Schweizerluft geflüchtet, die ihr Brustleiden lindern sollte. Ein Herzschlag führte am 24. Mai unerwartet ihr Ende herbei. Ihr Grab gehört zu den schönsten Stellen der deutschen Erde; der See, den die Dichterin so oft besungen, singt ihr jetzt ein ewiges Schlummerlied, und die grauen Thürme des alten Schlosses, die von ihren Gedichten frisch umkränzt wurden, lehnen sich an die grünen Berghänge und find dem Wallfahrer schon von fern ein Denkmal ihres Namens.
Deutschland hat von jeher seine Dichter erst im Tode bekränzt; auch Annette Droste wird erst jetzt zu allgemeiner Anerkennung kommen, wenn nicht überhaupt der Genius der Poesie seine Fackel senkt vor dem Kriegslärm der Politik, und alles Schöne untergeht im Absolutismus der faljchen Freiheit! Aber noch ist der Boden nicht zertrümmert, den der deutsche Geist mit seinen schönsten Kräften urbar gemacht hat, noch haben Herz und Gemüth ihre unveräußerlichen Besitzthümer, noch gelten die Gesetze der Schönheit und der Kunst, noch hat die Poesie den goldenen Schlüssel zu den Pforten des Himmelreichs in der Menschenbrust. An den Auserwählten, die es zu erschließen vermoglen, gehörte vorzugsweise die Heimgegangene Dichterin. Ihre Gedichtsammlung birgt einen Schatz von Innerlichkeit, der nie versiegt und bei jedem poetisch begabten Leser stets neue Gedanken weckt; ihn vollständig zu heben, ein volles Verständniß, wird aber freilich nie einem Ungeweihten gelingen. Wem die Tiefen der poetischen Anschauung nicht zugäng
lich sind, der muß vor den geheimnißvollen Aussprüchen dieser Dichterin und mehr noch vor der spröden Neuheit ihrer Form zurückschrecken. Aber selbst dem Ueberblick der Oberflächlichkeit sowohl, wie dem der Splitterrichterei wird die Meisterhand imponiren, die sich siegreich hier des Stoffes bemächtigt hat, und sogar in den Mißgriffen noch sichtbar ist. Die Urkraft dieses Dichtergeistes konnte sich nicht in den ausgesabrenen Gleisen unsrer Lyrik unmuthig weiblich bewegen, sie schneidet überall tiefer ein, wie man es gewohnt ist, oder sie verläßt dieselben ganz, Schlachtgemälde wilde Naturschauspiele und Balladenstoffe dagegen eintau- schend. Die Gefühls-Lyra unsrer Sängerinnen: Liebesweh, dunkle Sehnsucht, Naturschwärmerei, hat der Droste keine Coinposition zu verdanken, sie hat ganz andere Töne angeschlagen als ihre deutschen Mitschwestern. Mit der englischeil Muse hat sie dagegen manche Verwandtschaft; an Innigkeit der Empfindung steht sie der Hemans nicht nach; am ähnlichsten ist ihr aber Alfred Tennyson, der gefeiertste Dichter Englands in der Neuzeit. Eins seiner schönsten Gedichte, „Mariana in der einsamen Meierei," hätte Freiligrath gar nicht so meisterhaft übersetzen können, wenn er nicht die neue Ausdrucksweise benutzte, welche die Droste bei Ausmalung ihrer Landschaftsbilder der Natur gleichsam selbst abgelauscht hat. Genialität ist überall der Stempel ihres Schaffens gewesen, die Kritik wird nicht anstehen, sie als die genialste Dichterin unsrer Zeit zu verkünden; sie vereinigte die Voraussetzungen dieses Wortes vollständig in sich. Denn was heißt genial anders, als abstammend vom Genius, dessen Merkmal es ist, das pla- tonsche Menschheitsideal: die Vollendung durch Vereinigung der Geschlechtsvorzüge, des männlichen Geistes und des weiblichen Gemüthes, darzustellen? Die Gedichtsamnrlung der Droste in der Hand, wird jeder Leser die reichhaltigsten Belege zu diesem Ausspruch finden, die weichste Gemüthstiefe neben der hellsten Geistcshöhe!
Die Originalität ihrer Innerlichkeit ging auch auf ihr äußeres Leben über. Wie eine Einsiedlerin lebte sie auf