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Unterhaltnngshlatt

zur Reuen Hessischen Zeitung.

J^o. 4. Sonntag, den 23. Juli. 1848.

Elias.

Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen," aber auchzu spät" :es grünte und blühte" längst. Ostern hatte diefimal das frischeste Grün, die frühesten Blüthen zum Festschmucke der Volkerauferstehung voraus genommen. Leider verschleppte sie ihn, den die herrlichen Apriltage der Frankfurter Parlamentsfeste hervorgelockt hatten, in kalte Regenschauer und in trübe politische Stürme. Dennoch, wenn ich am späten Abende die Karlsstraße hinauf nach demtodten Mann" ging, oder von meinen Fenstern in's nächtliche Gewölk blickte, hörte ich aus dem nahen Schel- has'schen Garten her eine Nachtigall, die aus abträufeln­dem Gebüsche sang. Und wenn ich früh aufstand, Etwas zu lesen oder zu empfinden, schlug sie noch immer. Es war die Sehnsucht der Liebe in trübst, en Stunden. Aber wo blieb in der anarchischen Trübseligkeit unseres nationa­len Vorfrühlings die Nachtigall?

Nun war Pfingsten gekommen, und ruhte mit heiterm, heißem Himmel über dem Hader der Menschen und über dem Frieden der Natur. Alles strömte nach der Aue in Erinnerung an die alte Gewohnheit, den ersten Festtag in der waldigen Tiefe des Fuldathales, den zweiten auf der waldigen Wilhelmshöhe zu begehen. Ich durchwanderte die einsamsten Gänge dieser reizenden Zuflucht heißer Son­nentage. Kaum vernahm ich noch die luftigen Stimmen der Menschen, die sröhlichen Klänge der Musik; Amseln und Drosseln schlugen, die wilden Tauben girrten um mich her, und der Kuckuk schrie seinen prophetischen Namen. Eine Bank nahm mich auf unter dem Hangenden Gefieder einer Riesenfichte und vor mir lag der Spiegel des Wasserbeckens. Hier schatteten die prächtigen Baumgruppen über das stille Gewässer; dort spiegelten sie sich darin ab, und durch das gaukelnde Spiel von Licht und Schatten zogen die Schwäne glänzend in ihrer gefiederten Grandezza.

Die Natur hat in überfließendem Maß jene stille, zarte Theilnahme, womit edle und feine Menschen Jedem nach dem augenblicklichen Bedürfnisse seines Herzens begeg­

nen. Gewiß blickte sie an diesem Pfingstnachmittage, wie mich mit heimlicher Rührung, hundert Andere mit fröhli­cher, lachender Heiterkeit an. Sie schien es zu ahnen und mit zu empfinden, was in wehmüthiger Mischung von Lust und Leid meine Seele bewegte. Auf die Ostern unserer nationalen Auferstehung war Pfingsten gefolgt, und in lau­tend feurigen Zungen der Geist über Deutschland ausge- gossett. Aber wenn man diese aufgeregten und aufregenden, diese übertriebenen und übertreibenden Jünger der neuen Verkündigung sah und hörte, brauchte man eben kein Un­gläubiger zu sein, um mit den Kalten und Verdrossenen auszurufen: sie sind des jungen Weines voll! Ja, es war noch der ungeklärte brausende Most der neuen Freiheit, an dem man sich berauschte. Wer den vorausgegangenen Durst, wer das lang unbefriedigte Bedürfniß des Volkes kannte, der begriff es, daß man nicht überall Maß hielt; aber das Ungemessene blieb darum nicht weniger betrübend. Wie hatten wir nicht über die erste, stolze Erhebung des Volkes gejubelt, und hofften, wie die Freiheit, so werde auch das Glück an der Hand der Vernunft unserm edeln Volke zu­kommen! Ach! wir erkannten nicht gleich, und sehen es zum Theil noch nicht ein, welchen Fluch uns der entflohene Despotismus zurückgelassen. Denn von ihm erzeugt ist ja das unglückliche Mißtrauen, das wir mit so vieler Sorgfalt hegen und hätscheln, und auf das wir so stolz sind, während es uns um die Freude an unsern Thaten und um den Segen der Freiheit zu bringen sucht. Auf dieß Mißtrauen stützt sich der dünkelhafte Republikanismus, dieß Mißtrauen verlockt uns zu all' den argwöhnischen Uebertreibungen, die der Rückkehr der alten Unterdrückung, wenn sie irgend möglich wäre, nach und nach, damit es nichr knarre, ein Hinterpförtchen öffnen mögten. Wie kommt es nur, daß uns dieß Mißtrauen gegen den alten Despotismus lieber ist, als das Vertrauen auf unsere Kraft, die ihn bezwang? Dieß Mißtrauen nimmt uns allen Edel- muth, alle Pietät. So geben wir die Männer, die ihr Lebenlang für die unterdrückte Freiheit vorgekämpft, entbehrt