Unterhalt nngsblntt
zur Neuen Hieffifchen Zeitung.
3 Sonntag, den 16. Juli. 1848.
Aus Wien
Ein Tagebuchsblatt an einen Fretmd.
„Ich hoffe, daß von diesem Tage für unser gemeinsames, deutsches Vaterland großes Heil ausgehen möge." So lautete der Schluß der Anrede, welche Erzherzog Johann in sichtlicher Rührung und mit bewegter Stimme von dem Balkon der Reichskanzlei auf dem Franzensplatz an die unabsehbare Volksmasse richtete. In aller Augen glanzten Thränen, mir zuckten die Lippen und das Herz wollte mir springen , ich weiß nicht ob vor Wehmuth oder Freude. Ach! Freund, wir standen vor zehn Jahren neben den Ruinen der Habsburg; Du erinnerst Dich, welche unsägliche Wehmuth uns ergriff, als wir dort, in der schönen freien Schweiz die Geschlechter der Habsburger vor unserm Geiste vorüberziehen ließen, und Johann vor uns stehen blieb. Du erinnerst Dich, was wir dort über ih n gesprochen, über ihn gefühlt, dem die Liebe zu seinem Bergvolke, die Liebe seines HerzenS die Kraft verlieh, die ehernen Fesseln des Hofzwanges zu zersprengen. Nun, Freund, ebenso fühlte ich gestern, als ich neben Johann, der edelsten Ruine Habsburgs, gestanden. O ich hätte zerfließen mögen inWehmuth . . . . Jetzt ist mein theures Oesterreich gerettet; es wird sich anlehnen in den Tagen der Gefahr an bas ganze deutsche Vaterland und sein edelster Sohn, der Erzherzog Johann, wird nimmer aufhören, seine Stütze, sein Hort zu sein! Die Göttin Freiheit wird ihn baden im Morgenroth des ersten schönsten Tages von Deutschlands Wiedergeburt, sie wird ihm jugendliche Kräfte verleihen, auf daß er die Zierde und der Hort bleibe für Deutschland lange, lange Jahre hindurch.—Vom constituirenden Reichstage in Wien verspreche Dir wenig, mein Freund, recht wenig, beinahe — Nichts, und die Wirklichkeit wird immer noch hinter den Erwartungen Zurückbleiben. So weit bis jetzt die Wahlen bekannt sind, hat gegenwärtig schon der Slavismus um ein Fünftheil die Oberhand; dieß mögte noch hingehen, hätte man nur theilweise gebildete Männer gewählt! Nachstehende wahre Begebenheit wird Dir aber klar machen,
weß Geistes Kinder die Mehrzahl sind. Aus Galizien kamen 70 Deputirte, ächt polnische Bauern, von denen bestimmt nicht der vierte Theil die deutsche Sprache versteht. Sie begehrten in einem Gasthofe zwei Stuben ohne Möbeln, die Fußböden zum Lager mit Stroh belegt. Als sie mit ihrem Begehren abgewiesen wurden, begaben sie sich in eine Kaserne, wo ihnen auf Fürsprache zwei Kasernenstuben jur Verfügung gestellt wurden. Der Zufall brachte mich in einem Kaffeehause der Vorstadt in die Gesellschaft einiger dieser Volksvertreter, welche eben ein entsprechendes Quantum Slibowitz (Zwetschenbranntwein) als erstes Frühstück zu sich nahmen, und dazu den ordinärsten Tabak kauten; verstehe mich wohl, mein Freund — kauten, nicht rauchten. Ich unterhielt mich eine Zeitlang mit einem derselben, der zufällig etwas Deutsch verstand. Auf meine Frage, warum denn die Eröffnung des Reichstages abermals verschoben worden sei, erhielt ich zur Antwort: weil man noch auf die baierschen Deputaten warte, indem Baiern mit den Wahlen noch nicht fertig sei. Schlag 10 Uhr verließen sie das Kaffeehaus, und der Kellner meinte, sie müßten nun in die Kaserne exerzieren gehen, d. h. sie würden dort auf tempomäßiges Aufstehen und Niedersitzen dreffirt. — In Turnau, einem Marktflecken bei Baden, 3 Meilen von Wien, prâsentirten sich den Wahlmännern mehrere Candidaten; die Wahl fiel einstimmig auf einen Landmann, der in einer Art Kapuzinerpredigt den Bauern sagte: „Wenn ihr mich wählt, so darf von Steuern, Robot oder Zehent in Zukunft gar keine Rede mehr sein."— Alles dieß und hundert ähnliche Vorkommnisse geniren aber den kreuzfidelen Wiener ganz und gar nicht; er hat wohl den Rock gewechselt, indem Alles, was nicht Zopf genannt sein will, die Nationalgardeuniform und den Säbel oder ein deutsches Schwert trägt, aber seine heitere rosenfarbene Laune hat ihn bis jetzt nicht verlassen, und für den Zopf, wo er ihm immer begegnet, hat er stets einen drastischen Witz bei der Hand. Lieber Freund, Dir würde es hier schlimm ergehen, der Du einen