U«ter Haltung« blatt
zur Neuen Hessischen Zeitung.
^M 2. Sonntag, den 9. Juli. 1848.
Göthe über Volk, Revolution und deutsche Einheit.
(Schluß.)
Eine andere merkwürdige Stelle, S. 86 fg., ist folgende: „Es ist wunderlich, gar wunderlich ,wie leicht man zu der öffentlichen Meinung in eine falsche Stellung geräth! Ich wüßte nicht, daß ich je Etwas gegen das Volk gesündigt, aber ich soll nun einmal kein Freund des Volkes sein. Freilich bin ich kein Freund des revolutionären Pöbels, der auf Raub, Mord und Brand ausgeht und hinter dem falschen Schilde des öffentlichen Wohles nur die gemeinsten egoistischen Zwecke im Auge hat. Ich bin kein Freund solcher Leute, ebenso wenig wie ich ein Freund eines Ludwigs des Fünfzehnten bin. Ich hasse jeden gewaltsamen Umsturz, weil dabei eben so viel Gutes vernichtet, als gewonnen wird. Ich hasse Die, welche ihn ausführen, wie Die, welche dazu Ursache geben. Aber bin ich darum ein Feind des Volkes? Denkt denn jeder rechtlich gesinnte Mann etwa anders? Sie wissen, wie sehr ich mich über jede Verbesserung freue, welche die Zukunft uns etwa in Aussicht stellt. Aber, wie gesagt, jedes Gewaltsame, Sprunghafte ist mir in der Seele zuwider, denn es ist nicht naturgemäß. Ich bin ein Freund der Pflanze, ich liebe die Rose als das Vollkommenste, das unsere deutsche Natur als Blume gewähren kann; aber ich bin nicht Thor genug, um zu verlangen, daß mein Garten sie mir schon jetzt, Ende April, gewähren soll. Ich bin zufrieden, wenn ich jetzt die ersten grünen Blätter finde; zufrieden, wenn ich sehe, wie ein Blatt nach dem andern den Stengel von Woche zu Woche weiter bildet; ich freue mich, wenn ich im Mai die Knospe sehe, und bin glücklich, wenn endlich der Juni mir die Rose selbst in aller Pracht und in allem Duft entgegen reicht. Kann aber Jemand die Zeit nicht erwarten, der wende sich an die Treibhäuser."
Seite 270 sagt Göthe: „Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht Eins werde; unsere guten Chausseen und künf
tigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige thun. Vor Allem aber sei es eins in Liebe unter einander! und immer sei es eins gegen den auswärtigen Feind. Es sei eins, daß der deutsche Thaler und Groschen im ganzen Reiche gleichen Werth habe; eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechs und dreißig Staaten ungeöffnet passiren können. ES sei eins, daß der städtische Reisepaß eines Weimar'schen Bürgers von dem Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für unzulänglich gehalten werde, als der Paß eines Ausländers. Es sei vom Inland und Ausland unter den deutschen Staaten überall keine Rede mehr. Deutschland sei ferner eins in Maß und Gewicht, in Handel und Wandel und Hundert ähnlichen Dingen, die ich nicht alle nennen kann und mag. Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das sehr große Reich eine einzige große Residenz habe, und diese eine große Residenz, wie zum Wohle der Entwickelung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse des Volkes gereiche, so ist man im Irrthum."
Eine Erinnerung an v Rotteck
Der Redaction dieser Blätter ist von hochachtbarer Hand der nachfolgende Briefwechsel mitgetheilt worden. Sie erlaubt sich, denselben zu veröffentlichen, weil der Inhalt — gerade in gegenwärtiger Zeit — für viele Leser dieses Blattes von großem Interesse sein wird. —
Hochgeehrter Herr Professor!
Wenn ein alter Krieger, der im nebelreichen Norden am Weserstrande wohnt, wo einst Hermanns Manen siegten, wohin aber jetzt nur schwache Strahlen fallen der scheinbar verglühenden Morgenröthe politischer und bürgerlicher Freiheit, seine hohe Verehrung, die seit zwanzig Jahren seine Brust erfüllt, durch Schriftzüge auszudrücken im Innersten der Seele gezwungen wird, so zürnen Sie dem Fremdlinge nicht, der Sie schon so oft im Geiste ans Herz drückte, wenn Ihre begeisternden Worte für Wahrheit und Recht