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geschieht. Der Professor der Aesthetik war so cynisch, daß der Präsident den Ausbruch der Indignation in der beleidigten Versammlung nur durch Mahnung an die Freiheit der Rede beschwichtigte, indem er beifügte, man müsse dem Redner überlassen, die Linie zwischen parlamentarischer Sitte und Gemeinheit zu ziehen. Abg. v. Lasaulx aber glaubte diese Linie nicht überschritten zu haben, nachdem er geäußert: Spreche man davon, daß der Eintritt Gelammt-Oesterreichs mit den Ungarn, Slawen und Czechcn das deutsche Reich undeutsch mache, so entgegne er, ein Engländer oder Franzos werde in ähnlichem Falle einer Frage um Machtvermehrung einen solchen Warner nicht einmal selbst auslachen, sondern durch seinen Bedienten auslachen lassen, ja ihm, wie Don Quixotc's Löwe dem Junker, seine Kehrseite zeigen. Dieses Bruchstück genügt wohl zu der Charakteristik des Vortrags, dessen eigentlicher Zweck in dem kühnen Gedanken ange- deutet war, die russische Einmischung in Deutschlands Gestaltung als eine anzuerkennende Wohlthat für Deutjehland, als einen vollberechtigten Anspruch Rußlands anzupreisen, nachdem er einleitend die nationale Bewegung Deutschlands als eine von Frankreich gekommene politische „Kartoffclkrank- Heit" bezeichnet hatte. Die Rede des Ministerpräsidenten Dr. v. d. Pfordten bot zwei charakteristische Momente. Er fragte: „WaS ist konservativ, was revolutionär?" Konservativ sei das Festhalten am bestehenden Recht, revolutionär jedes Verläugnen desselben, inhaltslos revolutionär jedes Verläugnen desselben, ohne dafür etwas zu bieten. Konservativ sei nur, wer das alte Bundesrecht anerkenne, revolutionär Jeder, der dies nicht thue, wenn er sich auch mit dem Schein konservativer Tugend umhülle. Diese hoffnungsvollen Erklärungen bildeten indessen nur den Rahmen zu einer Schmähung der deutschen Partei, welche sofort nach dem Ende der Rede von Dr. Jäger (Redakteur des Vogesenboten) als unerhört zurückgewicscn wurde. Man habe in der Debatte gesagt, meinte Herr Dr. v. d. Pfordten, nur eine Partei sei 1848 konservativ gewesen, nämlich die unita- rische, sie habe das Volk vom Umstürze der Throne zurückgehalten. Nein, das Volk selbst habe diese nicht umstürzen wollen, wohl aber jene Partei, um sie in Preußens Hand zu geben. Auf den Barrikaden habe die republikanische Partei gekämpft, die unitarische sei in Glacehandschuhen und lakirten Stiefeln in den Salons umbergeschlichen mit konservativen Redensarten. Sie habe die Wölfe in Schafskleidern gespielt, sie sei heimlich revolutionär gewesen, sie sei heuchlerisch konservativ gewesen; man müsse sie beim wahren Namen nennen, weil ihre Mitglieder sich gegenseitig als die edelsten Männer bezeichneten. Den offenen Revolutionärs gegenüber könne die Regierung Mäßigung zeigen, diesen Heuchlern könne sie nie Versöhnung bieten. Nachdem es in diesem Tone leidenschaftlicher Erregung mit dem entsprechenden Mienen- und Gebervenspiel eine Zeit lang fortgegangen, fügte der hohe Redner auch noch einige andere politische Belehrungen bei. Namentlich erörterte er, wie die Reaktion nicht von den Regierungen ausgehe, sondern vom ruhebcdürftigcn Volke, welches seine materiellen Interessen danieverliegcn sehe. Jede „energische Maßregel" einer Regierung werte ja vom Steigen der Fonds gefolgt. Einigen sehr bekannten und breitgetretenen Lob- und Gemeinplätzen in Betreff des Münchener Vertrags und des Anschlusses an Oesterreich, der Herbeiziehung desselben mit seiner Gesammtmonarchie u. dgl. folgt dann die Erörterung, wie Deutschlands Heil nur darin gefunden werden könne, daß der individuelle Hochmuth der Anerkennung der Staatsmacht weiche. „Zu Gott müssen wir zurückkehren, die Sclbstvergötterung muß ein Ende nehmen; wer Gott nicht fürchtet, achtet auch keine weltliche Autorität" u. dgl. m. Diese religiöse Emphase fand bei der strcngkirch- lichcn Richtung natürlich bereitwillige Aufnahme, wie denn vorher nichts verfehlt worden war, um die partikularistisch baierischen und materiellen Sympathien zu gewinnen. Um aber endlich auch die Unentschiedenen einzuschüchtern, hieß cs
schließlich, die Uebereinstimmung der Volksvertretung mit der Regierung werde dieser neue Kraft geben, die Nichtübereinstimmung die Verwaltung zwingen, ihren schweren Kampf auf- zugeben und vom Schauplatz abzutreten. Diese angedrohte Ministcrkrisis, das seit sechs Wochen zum vierten Male angewendete Mittel (Kapital- und Einkommensteuergesetz, Armeekredit, Pfälzer Belagcrungsfrage) verfehlte seine Wirkung nicht und ergab das im Eingang bezeichnete Resultat. (D. A. Z.)
Oesterreich.
^Lien, 12. Juni. Heute ist die amtliche Bekanntmachung erschienen, der zufolge die Zolllinie zwischen Oesterreich und Ungarn am 1. Oktober d. J. aufgehoben wird. Die Publikation der italienischen Landesverfassung wird demnächst erwartet. — Es bestätigt sich, daß die Abreise des Kaisers nach Warschau wirklich fest beschlossen war, aber aus triftigen Gründen unterblieb. — Aus verläßlicher Quelle vernehmen wir, daß nun, trotz des Belagerungszustandes, den Journalen die Kautionsgelder pcremtorisch abverlangt werden sollen. (W.Z.)
Dänemark.
Kopenhagen, 11. Juni. Die Berlingsche Zeitung wiederholt, daß die von den schleswig-bolsteinschen Vertrauensmännern gemachten schriftlichen Vorschläge von der dänischen Regierung zurückgewiesen, und setzt hinzu, daß sowohl Hr. Heinzelmann wie Hr. Prehn bereits abgereist sind, während Gras Reventlow - Farve sich noch hier aufhält, doch erwartet sie, daß auch er sich entfernen wird. Die Regierung würde ohne Zweifel die gemachten Vorschläge veröffentlichen, und daraus beweisen, wie wenig man auf schleswig - holsteinscher Seite zur Annäherung an einen Frieden geneigt sei. Aehn- lichcs wird von den übrigen Zeitungen berichtet. Faedrelan- dct will wissen, die Statthalterschaft habe den ursprünglich wirklich vom russischen Gesandten Meyendorff ausgegangenen Vorschlag, der auf einen interimistischen Statthalter für beide Herzogthümer, mit getrennten Verwaltungsdepartements und Ständeversammlungen, ausging, in ihrem Sinne verbessert, und dadurch die Zurückweisung veranlaßt.
Frankreich.
Paris, 12. Juni. Die Majorität einigte sich für eine persönliche, nicht mit der Präsidentschaft verbundene, und jährlich mit dem Budget zu bewilligende Gehaltserhöhung. — Im Departement Niederrhein ist bei einer Ersatzwahl Girardin mit 30,000 Stimmen als Dcpulirter erwählt worden. Der Gegenkandidat Müller erhielt 21,000 Stimmen. — Ein Manifest, das die Versöhnung beider Bourbonen verkündet, wird erwartet. (Tel. Dep. d. Berl. Ztg.)
Briefkasten und Briefwechsel
H. zu N. Ist idoch für ein größeres Publikum wegen der speciellen Beziehungen zu wenig verständlich.
Ickanntmachungen.
[479] Zum An - und Verkauf von Staatspapieren, desgleichen zu Wechselgeschäften aller Art, empfiehlt sich H M Dellevie, Hckwigsstr. Nr. 995, der Realschule gegenüber.
Wilhelmshöhe.
[449] Sonntag den 16. Juni Table d’hète um 121/, Uhr, sowie Restauration â la carte, wozu ergebens! cinladet __~_______C P. Schombardt.
[451] Mineralwasser
dießjähriger Füllung.
Der Unterzeichnete empfiehlt zu gegenwärtiger Saison unten verzeichnete, frisch angenommene Mineralwasser zur geneigten Abnahme bestens, als: Kissinger Ragozi, Homburger Elisabeth, Marienbadcr Kreuz - und Eger Franzensbrunnen, Emser Kränchen und Keffclwasscr, Adelbeiks Quelle, Selterser, Geilnauer, Fachinger, Schwalheimcr, Driburger, Pvrmonter Stahl- und Dorfgeismacr Wasser, Wildunger Salz- und Sauerbrunnen, Weilbacher und Nenndorfer Schwefel-, Fricdrichshallcr und Püllnaer Bitterwasser.
________C. H. K ii in inel, obere Königöstraße Mr. 161.
Kurfürstliches Hoftheater.
Sonnabend den 15. Juni. bäcilie von Albano Dramatisches Gedicht in 5 Auf;. von S. H. Mosenthal.
Verantwortlicher Herausgeber: Fr. £ etter. — Redaktion: Fr. Qetker und Dr. A. Pfaff. — Druck von Friedr. Scheel in Kassel.