Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Montag, 10. Zum 1850. JM 267» Morgen - Ausgabe.
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Dentschlaud.
Berlin, 4. Juni. Die Thätigkeit der konstitutionellen bundesstaatlichen Partei im Großherzogthum Hessen unter Führung der Herren v. Gagern, Reh und Genossen, so wie der Vorgang Nassau's haben nicht verfehlt, ihren Eindruck auf die Regierung jenes Landes zu äußern. Das Großberzog- thum wird sich an der Errichtung des Provisoriums bethcili- gen, da Hr. v. Lepel, wie ich erfahre, angewiesen ist, dasselbe un Fürstenkollegium zu vertreten. (D. Z.)
Berlin, 5. Juni. (Köln. Zeitg.) Im FürstenloUe- gium wird für Preußen Generallieutenant v. Radowitz Sitz und Stimme führen. Seine Ernennung ist durch Kabincts- ordre vom 1. Juni bereits erfolgt, wie mir aus guter Quelle versichert wird. Eine Kabinctöordre von demselben Datum hat zugleich für die Zeit seines Urlaubs Herrn v. Svdow zu seinem Stellvertreter vcsignirt. Des Großherzogthums Hessens Eintritt ist so gut wie entschieden, und Herr v. Lepel erwartet stündlich seine Vollmachten. Für Baden ist Mepsenbug vesignirt. Sie werden bemerkt haben, wie die servile und radikale Presse, ebenso wie die ministerielle österreichische, die Entscheidung über die deutschen Dinge nach Warschau verlegt. Ihr hämisches Frohlocken wirst den Schein tiefster Demüthigung auf Deutschland. Wer deutsch fühlt, muß ihn abzuwehren suchen, denn es ist eben nur ein Schein. Was in Warschau vorging, war kein Staatsakt. Verwandte Fürsten haben sich über Vie verschiedene Auffassung der dänischen und deutschen Frage in vertraulicher Weise besprochen, nicht die konstitutionelle Regierung Preußens hat dort verhandelt. Daß es höchst wünschenswerth war, wenn der Kaiser über die Politik Preußens, an welcher der König unter allen Umständen testhält, durch den Mund eines hochverehrten Prinzen unseres Hauses Aufschluß erhielt, ist wohl nicht zu bezweifeln, denn Rußlands Haltung konnte uns bei der gegenwärtigen Lage der Dinge doch wahrlich nicht gleichgültig sein. Daß Preußens Politik aber nicht von dem Ausfall dieser Unterredung abhängig gemacht wurde, daran zu zweifeln verbietet die Ehre des StaatS. Die Ankunft Schwarzenbergs in Warschau hüt eigentlich dem dortigen Zusammentreffen erst einen Charakter gegeben, den es nicht hatte. Es ist indessen bezeichnend genug für die Absichten, die darin verfolgt wurden, und die leicht ihre Erklärung darin finden dürften, daß man beiderseits für künftige Eventualitäten das Terrain sondireu und erfahren wollte, welche Haltung eigentlich Rußland in dem Streite der beiden deutschen Großmächte beobachten werde.
Berlin, 5. Juni. Während die Union, wenn nur Schritt vor Schritt, vorwärts schreitet, steuert Sachsen, seitdem es den Bundestag anerkennt und ihm seine Kammern unterordnet, mit vollen Segeln der absolutistischen Magnetinsel entgegen, an der die Regierungen ssrüh oder spät zerschellen. Sachsen hatte für Alles seit 1848 die Zustimmung der Stände reservirt, für alle Reichsgesetze, für die Anerkennung der Centralgewalt, für das Maibündiß — hier schuf die Reserve sogar jene berühmten Vorbehalte und Keime des Rücktritts — endlich für Erfurt, wo die Parität in ter Abstimmung von der Beschickung des Parlaments allein retten konnte. Jetzt aber, beim Auferstehen des Bundestages, beim
Umsturz der Verfassung, jetzt geht die großartige Politik fach- sicher Staatsmänner über die Köpfe der Volksvertreter hinweg, und der Bundestag aunuUirt die Stände! Da ist es doch besser in Preußen wohnen, wo trotz Schwankungen und Re- culadcn ein gewisses Maß bürgerlicher Freiheit unter allen Umständen gesichert bleibt. (W.-Z.)
Berlin, 6. Juni. Die Deutsche Reform vertheidigt in einem gegen die allerdings in mehrfacher Beziehung unpassenden Angriffe Der Conftit. Zeitung gerichteten Artikel die preußischen Rüstungen. Wenn die Rüstungen auch wirklich weiter nichts als eine bedeutungsvolle Demonstration für die Union gegen deren Feinde enthalten, so werden sie uns, welches auch unsere Meinung über die preußische Politik in anderen Beziehungen sei, schon als ein Zeichen des Selbstgefühls nach außen nur willkommen sein und wir können eine von Den Freunden Der Union angestellte kleinliche Aufrechnung ihrer Kosten gegen den Werth der Union um so weniger begreifen, als dabei doch in jedem Falle der Werth Der letzteren herabgesetzt wird. Die Deutsche Reform erklärt, daß die Fürsorge für Preußens Ehre und für die Durchführung seiner wohlbc- rechligten Politik in diesem Augenblicke Maßregeln erforderte, welche die Regierung selbst so lange als möglich verzögert hatte, deren weitere Unterlassung aber die größte Verantwortlichkeit für künftige weit größere Opfer nach sich ziehen könnte. Die angeordnctku militärischen Vorbereitungen seien zwar nur Vorsichtsmaßregeln, aber nothwendige, unabweisliche Vorsichtsmaßregeln, — daß Preußens Regierung nach keiner Seite hin den Krieg weder suche, noch für unabweislich halte, daß sie aber für den Fall, wo ein fremdes Kabinet übermüthigen Drohungen Folge zu geben versuchen sollte, von vorn herein zur Abwehr bereit da stehen müsse, daß sie endlich in solcher Vorbereitung Der Abwehr das sicherste Mittel erkenne, Den Gegnern die Lust zum leichtfertigen Angriff vergehen zu lassen. — Die Regierung, fährt Die Deutsche Reform fort, bat ihre sehr bestimmten Ansichten und Gefühle von Nationalehre, welche sie in der ganzen Entwickelung der Unionspolitik befolgt hat, und in welchem glücklicher Weise diejenigen Schichten Der Gesellschaft, welche man sich traditioneller Weise als Die vorzüglichsten Hüter der preußischen Ehre zu betrachten gewöhnt hat, mit ihr übercinstimmen. Unsere Regierung hielt cs der Ehre und Den Pflichten Preußens zuwider, irgend einem deutschen Staate ein Bündniß mit Waffengewalt aufzudrängen, welches nur Durch die freie, innige Zustimmung eine wahre Bedeutung haben kann; sie hielt es ihrer Ehre zuwider, den deutschen Bürgerkrieg zu provociren, unter dem Vorwande, Die deutsche Einheit zu begründen. Sie ging unter der gcwigeu- haftesten, sclbstverleugnendsten Beobachtung aller Bundes- und Bruderpflichten auf Der Bahn der freien Verständigung mit Den übrigen Staaten der Erfüllung ihrer deutschen Ausgabe entgegen, — und erst jetzt, wo man ihr selbst auf dem Wege ihres Rechts mit Drohungen eutgegentritt, da erkennt sie es als ihre unmittelbarste und dringendste Ehrenpflicht, den etwaigen unberechtigten Angriff mit Entschiedenheit zurückzuweisen. Möchte es selbst wahr sein, daß aus der jetzigen Union, wie man behauptet, „kein deutscher Bundesstaat, nicht einmal ein Großpreußen", würde, möchte cs sich auch nur um Den freien Anschluß eines einzigen noch so kleinen Staats handeln,