Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Sonnabend, 8. Juni 1850. ^F 263. Abend-Ansgabe.
Kassel, 8. Juni.
Die gestrige Ständesitzung hat an dem Ministerium Hassenpflug eine moralische Exekution vollzogen, bei welcher uns das neuliche Motto des „Dolksfreundes" von Vilmar einfiel: allons fouelter les vauriens!
Herr Nebclthau trug den Antrag des Budgetausschusses über die außerordentlichen Krebitanfordèrungen des Ministeriums vor. In kurzen Sätzen wiederholte er den unsern Lesern bekannten Inhalt seines Berichts. Vom .financiellen Standpunkte zeigte er die Unthunlichkeit, ohne Finanzgesetz große Summen in die Hände von Männern zu legen, welche dem Lande nicht die mindeste Garantie für die richtige Verwendung geben, welche nicht das geringste Vertrauen genießen. Das sei wahrlich nicht die Art, um großen Finanzkalamitäten vorzubeugen. Hierzu bedürfe es einer umfassenden Bttrachtung der Finanzlage und der möglichen Einschränkungen, einer neuen gesetzlichen Normirung des Staatshaushaltes, wobei die Versammlung einem Ministerium Hassenpflug gegenüber die ängstlichste Gewissenhaftig- keit und Genauigkeit anzuwenden im allgemeinen Landcsin- teressc dringend verpflichtet sei.
Hierauf erhob sich der Landtagskonimissar und las einen längeren Aufsatz des Finanzministers vor, in welchem eine Kritik des Ausschußberichts versucht wird. Sehr naiv beginnt der Aufsatz mit der Bemerkung, daß die h. Versammlung zwar berechtigt sei, dem Staatsministerium ihr Mißtrauen auszudrücken, nicht aber, Zweifel in dessen Versicherungen zu setzen und die nach solcher Versicherung „im Landesinteresse" angesonnenen Geldforderungen zu verweigern. Hierauf einige faustdicke Verdrehungen des Ausschußberichtes, demnächst etliche Anklagen gegen die angeblich sehr kostspieligen Reformen unter dem Märzministerium, Anklagen, welche hundertmal im „Volksfreund" gestanden und als ein Produkt der Unwiffenheit des „Volksfreundes", geschrieben, um den „schlichten Bürger und Landmann" hinters Licht zu führen, hundert Mal gezüchtigt' worden sind. Schließlich doch die naive Versicherung, daß man Ersparungen dermalen nicht anzugeben wisse, auch zur Ausarbeitung von Reformvorschlägen und eines neuen Finanzgesetzes noch keine Zeit gehabt habe. Uebrigens sei die Ständeversammlung nicht im Stande, das Finanzgesetz noch im Juni zu vollenden. Das Ganze ist in einem hochfahrenden vormärzli- chen Tone abgefaßt.
Herr Nebelthau war „in dem Falle", diesen Aufsatz sogleich auf seinen wahren Gehalt znrückzuführen. Er belehrte den Herrn Landtagskommissar darüber, daß eine Ständeversammlung, zumal in Geldsachen, zumal unter einem Ministerium Hassenpstug, bloßen „Versicherungen", welche nicht aktenmäßig nachgewiesen seien, Glauben nicht zu schenken habe, ja sogar nach §. 144 der Verfassungsurkunde, welchen er dem Landtagskommissar so gefällig war, wörtlich vorzulesen, gar nicht schenken dürfe. Die Verdrehungen, Verdächtigungen und Behauptungen des Ministerialaufsatzes wies er augenblicklich mit Zahlen nach und wunderte sich schließlich, daß in der schönen Zeit von 3'/2 Monaten so gar nichts habe geschehen können. Nach den gewaltigen Angriffen, welche das neue Ministerium unterm 12. März gegen das Budget der abgetretenen Verwaltung geschleudert, habe man nichts anderes als ein neues Finanzgesetz erwarten müssen, zu dessen Vorlage doch seit jener Zeit Muße
genug gewesen. Auch an vielversprechenden Reformprojekten habe es im Ministerialblatte, dem „MarburgerVolksfreunde", doch nicht gefehlt. Bei dieser Hinweisung bemächtigte sich der Versammlung die allgemeinste Heiterkeit.
Die ganze so eben verlesene Erklärung, bemerkte Herr Nebelthau noch, beweise nur zweierlei: erstens, daß es damit dem Ministerium um eine Demonstration vor dem Lande, um einen Angriff auf die hohe Versammlung zu thun sei, welche sich aber werde zu vertheidigen wisfen, Falls dieß überhaupt nöthig sein sollte. Dann zeige sich, daß das Ministerium überhaupt kein Finanzgesetz, sondern eine außerordentliche Geldverwilligung wolle, ohne Zweifel aus guten Gründen. Die Berathung^ des Finanzgesetzes sei schon im December v. I. in dem Ausschüsse vorbereitet gewesen. Ob und wie schnell die Versammlung sie beendigen werde, sei ihre Sache, und vermöge das Ministerium gar nicht zu beurtheilen.
Mit dieser Replik schien der Herr Landtagskommissar vollständig beruhigt zu sein, wenigstens wußte er nichts darauf zu erwidern.
Herr Oetker meinte, cs sei alles Mögliche, daß man der Versammlung das Recht einräume, Mißtrauen in das Mi- nistenum zu setzen, und daß man ihr nicht das Vertrauen oktroyiren wolle. Uebrigens stehe der Ausschußbericht ganz auf finanziellem Boden. Er würbe auch abgesehen hiervon aus politischen Gründen dem Ministerium keinen Silbergroschen anvertrauen. Für das Land und dessen Bedürfnisse bewillige er Alles; in die Hand einer demLandes- interesse verderblichen Regierung gar Nichts.
Herr Henkel meinte, Eine Deckung habe Hr. Hassenpflug, das sei der Bundestag. Es sei gesagt worden, Hassenpflug habe in den 3*/2 Monaten nichts gethan. Freilich im Lande habe er nichts gethan; aber draußen desto mehr. Im Lande nicht mit plumper Reaktion anzufangen, welche ohnehin jetzt noch nicht möglich gewesen, dazu sei er wohl schlau genug. Er wolle wie Archimedes einen Punkt draußen haben, von wo die Freiheiten und die Verfassung des Landes aus den Angeln gehoben werden könnten. Dieser Punkt sei der Bundestag. Der Bundestag sei sein Tröster und bis zu seinem Erscheinen sollen ihm die Stände das Oel auf die Grubenlampe gießen, sie sollen ihm Geld verwilligen; das würden sie aber bleiben lassen.
Hier versuchte der Landtagskommissar gegen seine Gewohnheit eine Bemerkung. Daß das Ministerium die Verfassung umstürze, müsse er als eine Verdächtigung zurückweisen.
Der Präsident bemerkte, Hr. Henkel habe ja nur erklärt, Hassenpflug wolle den Bundestag wieder herstellen. Hr. Henkel: Ja wohl, das werde man doch nicht läugnen wol- len? was sich aber an den Bundestag knüpfe, das werde er in und außer dem Hause sagen.
Der Landtagskommissar wußte hierauf nichts zu erwiedern.
Auch Hr. Eberhard ergriff das Wort. Diesen Mann mit der unverwüstlichen Herzensgüte, mit der Geduld und Lang- muth des Lammes, diesen Mann, von dem wir fast glaubten, er könne gar nicht zürnen und wisse nur zu vermitteln, gestern sahen wir ihn im heiligen Zorne einer tiefen sitt- tichen Entrüstung und in der ganzen und vollen Entschiedenheit eines Kämpfers. Das Ministerium habe von den Finanz-Kalamitäten dieser Zeit, von den erhöhten Ausgaben