Nene Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Freitag, 7. Juni tv50 j\g 263» Morgen - Ausgabe.
Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigegeben. Die Morgen Ausgabe wird von '/,11 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kassel von 5 bis 7 Uhr expedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur'Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Luckkardt'schen und Dollmann'schen Buch - und Kunsthandlung. Der Abonnementspreis beträgt halbjährlich 3 Thir., vierteljährlich 1 Thir. 15 Sgr., wofür alle kurhessischen Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Naum einer Petitzeile berechnet.
Deutschland.
Berlin, 2. Juni. Der Bevollmächtigte eines süddeutschen Staats hat die neueste Wendung der Dinge für so entscheidend angesehen, daß derselbe, während er, so lange der Verwaltungsrath im Amte war, im Gasthofe wohnte, gegenwärtig mit seiner Familie sich hier zu einem bleibenden Aufenthalt eine Wohnung miethete und sich häuslich niederläßt. Im Lause dieser Woche wird die Interims-Regierung ins Leben treten. Ihrer Installation soll in naher Frist die Publikation der Reichsverfassung folgen. Sobald die Verfassung verkündigt ist, wird das Reichsministe- rium von dem Reichsvorstande der Union ernannt. Wenn die gespreizte Chronik des Fürstenkongresses, welche mit den fünf Fischen und fünf Broten von Resultaten desselben die Millionen der deutschen Nation zu befriedigen sich getröstet, von solchen Erlebnissen gewußt hätte, welcher Hyperbeln hätte sich der mikroskopische Verfasser da bedient! — In der Armee herrscht kriegerische Stimmung. Aber von der Rohheit, welche glaubwürdige Reisende über den trunkenen Uebermuth der österreichischen Garnisonen an der Grenze schildern, findet sich hier keine Spur. Das preußische Officierkorps ist sich im Allgemeinen bewußt, daß ein Krieg gegen Oesterreich Deutsche gegen Deutsche, wenigstens auch gegen Deutsche führen würde. Die vsterr. Osficiere an der schlesischen Grenze toasten auf die Wiedercroberung von Schlesien. Bei einer festlichen Gelegenheit war von Officieren des Observationskorps in Böhmen der Einmarsch in Berlin Gegenstand eines mit Begeisterung ausgenommen™ Trinkspruchs. Hier wirkt in dieser, vielleicht allein in dieser Hinsicht die Neue Preuß. Ztg. wohlthätig, indem sie das verwandte deutsche Element Oesterreichs stets in Erinnerung bringt, allerdings meist in verfehlter Hauplabsicht. Käme es aber zu einem Kriege zwischen Preußen und Oesterreich , so hat die Grande Misère ouverte der prcußi- schkn, sogenannt „preußischen" Politik den Einen sicheren Vortheil, daß kein wahrheitliebender Mensch behaupten wird, Preußen habe diesen Krieg provocirt. (H.N.)
Berlin, 3. Juni. (H. N.) Die demokratischen Manöver, welche sich bestreben, die Union zu diskreditiren, sind nicht ohne alles Geschick. Bald gibt ihr Rußland seine Zustimmung, bald wird Oesterreich eine derartige siehe de con- solation für Preußen sich schon gefallen lassen. Wenn aber die Union so wenig mehr bedeutet, daß selbst die Diplomatie im Fürstenkollcginm mitlagen könnte, warum schafft sie dem Wiener Kabinet so viel Sorgen? Diese kleine ruinirte Union nöthigt Schwarzenberg zu weiten Reisen. Sie raubt ihm den Schlaf. Warum das? Sollte ihr doch noch eine gewisse Zukunft inwohnen?
— Das Fürstenkollegium wird in naher Zeit zusammen- treten. Fast alle Regierungen haben ihre Bevollmächtigten ernannt. Man hat die Installation auf acht Tage verschoben aus Gründen, die sich noch nicht mittheilen lassen? Wenn sich dieselben aber bewähren, so werde ich Ihnen Günstiges zu melden haben.
Berlin, 3. Juni. Die neueste Nachricht läßt Oesterreich seine Verfassung aufgeben, mit den deutschen Provinzen allein in den Bund treten und alle separatistischen Unionsplane mit
diesem: Schach dem Reichsvorstand! durchkreuzen. Wenn doch die wirkliche Geschichte so rasch verfahren wollte, wie die Einbildungskraft unserer Historiker in den Journalen! Sie wäre amüsanter. Der Umsturz österreichischer Verfassung würde sicherlich mit etwas Getöse vor sich gehen. Wer konnte davon auch nur rin Jota Wahrheit melden, so lange Schwarzenberg in Warschau war? Jetzt ist er abgereist, verstimmt, wie unsere Zeitungen melden. Verstimnit worüber? Geht dem österreichischen Minister die Reaktion in Europa noch nicht schnell genug? Die Todten freilich gehen schneller. In einigen Tagen wird es überall beißen, Rußland sei ganz mit uns zufrieden. Einer Ihrer Herren Korrespondenten hat cs schon trefflich geschildert, wie die Leute auf Nachrichten aus Warschau warten, als komme von kort allein der Segen. Es war stets absurd und widerwärtig, russische Adhäsionen zu kombiniren. Alles läuft auf diplomatische Gleichgültigkeit hinaus. Ob man weiche fürstliche Gemüther mit der Protektion des Nordens zu fesseln hofft, können wir freilich nicht wissen. Aber daß wir bei dem Allen nichts zu gewinnen haben, liegt auf der Hand. Uebrigens weiß man hier in der Thal an der besten Stelle sehr wenig oder nichts von jenem österreichischen Plane, einen Theil seiner Verfassung uns zum Aerger — wir verlieren ein so treffliches Argument — auf deutschen Altären zu opfern. — Dänemark gibt in den Unterhandlungen nach und verlangt nicht mehr, daß die Successionsfrage deputirl werde. Aber es wünscht größere Präcision in der „Wahrung der Rechte". Dem Frieden ist man also einen Schritt näher gerückt. (W.Z.)
— Nach dem Bülletin vom 5. hat der König eine ruhige und [dimerenfreie Nacht gehabt. Die Entzündung am Fuße nimmt allmählich ab; die Heilung der Wunde schreitet vor.
Berlin, 4. Juni. Die nach der C. C. mitgetheilte Rücktrittserklärung Sachsens vom Vertrage vom 26. Mai v. I. ist sicherem Vernehmen nach in der Sitzung des^ Ver- waltungsratbes vom 29. Mai von dem Vorsitzenden desselben, Hrn. v. Sydow, verlesen und mit einer Erklärung begleitet worden. Dieselbe ging dahin, daß zur Zeit kein Bedürfniß vorliege, auf die einzelnen Argumentationen einzugchen, womit die sächsische Regierung, nachdem sie bereits im Februar d. J. an dem mit dem Vertrage vom 26. Mai v. I. völlig unverträglichen Ucbereinkommcn Theil genommen, ihre nunmehrige ausdrückliche Lossagung von eben diesem Vertrage noch des Näheren zu motiviren versuche. Indem er daher den Antrag stelle, unter ausdrücklicher Wahrung und Aufrechtbaltung aller von den verbündeten Regierungen gegen die sächsische vertragsmäßig erworbenen Rechte, die jetzige Erklärung der letzteren Regierung einer weiteren Erwägung zur Zeit nicht' zu unterstellen, gebe er sich der gerechten Hoffnung hin, daß die sächsische Regierung nicht auf lange Zeit ren Standpunkt verlassen werde, den sie am 26. Mai v. I. einnahm, und auf dem sie gemeinschaftlich mit Preußen die den Bedürfnissen Deutschlands entsprechenden und seitdem noch nicht gelösten Verpflichtungen übernahm. Der Verwaltungsrath hat hierauf die Erklärung des königl. sächs. Staatsministers vom 25. Mai d. J. mit dem Anträge des Vorsitzenden dem Verfassungsausschuß zur Berichterstattung übergeben. Aus diesem Sachverhalt geht deutlich hervor, daß Preußen und die Union, wenn sie auch im Augenblicke von