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Neue Hessische Zeitung.

Organ -er konstitutionellen Partei.

Mittwoch, 5. Zum 1850. W 26O. Abend-Ansgabe.

ScutfcblauO.

Berlin, 31. Mai. Die Vorlagen des Handelsministers für den Kasseler ZolUongreß sind von den Sachverständigen fast durchweg angenommen; ob aber das Resultat dieser Be­rathungen die Zustimmung des preußischen Staatsministerii erhalten wird, ist eine andere Frage. Herr v. d. Heydt hat an dem Finanzminister v. Rabe und namentlich an Hrn. v. Manteuffel entschiedene Gegner; die Rede des letzteren bei Eröffnung des landwirthschaftlichen Kongresses war in Vieser- Hinsicht bezeichnend. Es kann sich sehr leicht ereignen, daß die handelspolitischen Vorschläge des Hrn. v. d. Heidt vom Staatsministerium verworfen werden und daß man dem Kon­greß in Kassel eine Herabsetzung der Zolle, soweit die Finan­zen des Staates sie irgend gestatten, empfehlen und damit dem Steuervercin entgegenkommen wird. Die Absicht, diesen zu gewinnen, dominirt entschieden in unserer Regierung und überwiegt sogar den Wunsch, keines der süddeutschen Mitglie­der des Zollvereins zu verlieren; Sachsens Verbleiben ist oh­nehin gesichert. — Den Handelsvertrag mit Belgien ist Hr. v. d. Heidt zu kündigen entschlossen. Unsere Industriellen haben von jeher geklagt, daß die Begünstigung des belgischen Eisens vor dem englischen um 5 Silbergroschen per Centner der einheimischen Produktion nachtheilig sei, während die Be­günstigung des Leinengarns aus dem Zollverein und der Rheinweine sich als völlig illusorisch erweise, da Belgien eige­nes Leinengarn im Ueberflüß fabricire und keine Rheinweine, sondern fast nur französische Rothweine konsumire. Von bek gischer Seite werden dagegen große Anstrengungen zur Ver­längerung des Handelsvertrages gemacht; wie ich höre, hat sogar König Leopold deßhalb einen eigenhändigen Brief an den König von Preußen geschrieben. Auch der Einfluß engli­scher Agenten wird vielfach bemerkt, wie denn überhaupt in allen diesen Fragen die Intrigue jetzt ihr Spiel treibt. — Große Klage wird von unseren Fabrikanten über die Nach­theile der dreijährigen Zollperiode geführt und statt ihrer eine lechsjährigc gewünscht, wodurch een Zollverhältnissen doch einige Dauer gewährt und der Muth zur Begründung neuer Etablissements gegeben wird. Namentlich klagen die Roh- und Stabeisenmänner darüber und werden bei ihrer Konferenz am 3. Juni in Bonn deßhalb Anträge an die Staatsregierung formuliren. — Zwischen dem Herrn v. Patow, der vor einiger Zeit das Mißfallen des Königs auf sich gezogen und deßhalb feine Entlassung genommen hatte, und dem Hofe scheint eine freundliche Annäherung und Aussöhnung stattgefunden zu ha­ben; es sollte uns nicht wundern, eines Abends seine Ernen­nung zum Finanzminister an Hrn. V. Rabe's Stelle im Staats- anzeiger zu lesen.

— (Br. Z.) Es wird unS versichert, daß der geheime Finanzrath Seidel, der erst vor Kurzem von dem Kurfürsten von Hessen Anträge behufs Uebernahme des Finanzministe­riums erhalten hatte, jetzt zum preußischen Mitgliede für das Reichsgericht bestimmt sei.

Berlin, 3. Juni. Die D. Reform meldet jetzt ebeu- wohl die „ungeordnete und theils schon vollzogene Mobil- „machung von Truppenkorps, namentlich der Artillerie", als „ein sicheres Zeichen, daß unsere Regierung auf alle Even­tualitäten gerüstet sein will." Es scheint wirklich, als ob der unendliche Geduldsfaden, an dem man uns selbst aufzuhängen eben im Begriffe war, endlich gerissen sei. Wollte Gott, daß nuferen hohen Herrschaften die Schuppen vollständig von den Augen gefallen sein möchten. Es sind Anzeichen dafür vor­

handen. Es gibt glücklicherweise einen Punkt bei uns, wo das nationale Bewußtsein, welches anderwärts nur als Ideologie geachtet resp, verachtet wird, eine sehr verwundbare Existenz gewonnen hat, das ist die militärische Ehre unseres Staa­tes. Die offene Verhöhnung unserer nationalen Stellung und Aufgabe hat endlich diesen Punkt recht empfindlich getroffen. Die wachsende Frechheit, womit ein armseliges Diplomaten­gelichter lediglich im Vertrauen aus unsere Schwäche uns zu mißhandeln wagt, ist zuletzt selbst der Kreuzzeitung zu arg ge­worden. Nicht mehr der Streit der Meinungen und Parteien, sondern die Existenz und Ehre des Staates ist, welche die Gemüther bewegt. Es ist ein Glück, daß die Sache endlich in dieses Stadium eingetreten ist; denn wie groß auch die Langmulh und Schwäche der preußischen Politik bislang ge­wesen sein mag, von jetzt an kann sie nur stark sein, weil sie vom gesammlen Volksgeist unwiderstehlich getrieben wird. Aus dieser allgemeinen Ueberzeugung ist es zu erklären, daß Ge­rüchte hier Glauben finden, womit man sich vor etlichen Wochen würde blamirt haben, z. B. der Prinz von Preußen habe eine Scene mit'dem Czaaren gehabt und ein Bruch mit Rußland, ein Krieg mit Oesterreich sei als gewiß zu betrach­ten, eine Allianz mit England sei so gut wie abgeschlossen rc. In Warschau scheint cs nun gerade umgekehrt geschehen zu sein, Schwarzenberg ist abgereist und der Kaiser hat sich un­erwartet veranlaßt gesehen, dem Czaaren aufzuwarten rc. So­viel ist gewiß, eS stehen in der allernächsten Zeit entscheidende Schritte in der äußeren Politik bevor. Hieraus ist es vielleicht auch zu erklären, daß in der innern Politik die von der Re­aktion angedrohten, von der Demokratie befürchteten, von den Konstitutionellen bekämpften neuen Repressiv -Oktroyiruugen noch nicht eingetreten sind. UebrigenS sind die ultra-demokratischen Blätter in der letzten Zeit verhältnißmäßig sehr still gewor­den ; die konstitutionelle Zeitung scheint gute Nachrichten zu haben und hat ihre Polemik gegen die Regierung eingestellt; die D. Reform aber bringt einen geharnischten Artikel gegen Vie unionsfeindlichen Höfe. Gute Zeichen!

Berlin, 4. Juni. Nach dem Bülletin von gestern Abend hat der König im Laufe des gestrigen Tages wieder­holt an heftigen Schmerzen im entzündeten Fuß gelitten. In dem bisherigen günstigen Verhalten der Wunde ist keine Aen­derung eingetreten.

Berlin, 3. Juni. Das Corr. - Bureau schreibt: „Die unterm 22. Mai c. an das Kriegsministerium erlassene Kabi- netsordre, welche die teilweise Mobilmachung der Truppen und die Armirung der Festungen befiehlt, fängt mit den au­thentischen Worten an: „Zur Abwehr eines Angriffes von Süden oder Westen" — und nimmt dann Bezug auf die gegenwärtige politische Lage Deutschlands, um die Rüstungen zu motiviren. Es verlautet, daß der Finanzminister in der Sitzung des Slaatsministeriums, in welcher diese Angelegen­heit berathen wurde, sich gegen die Rüstungen erklärt und bervorgehoben habe, sie würden auf den CourS der neuen An­leihe einen niederdrückenden Einfluß ausüben. Dessen unge­achtet wurden die Rüstungen beschlossen und sind bereits, wie wir mehrfach gemeldet, in vollem Umfange im Gange.

— Nach einer heute eingetroffenen Meldung wurde Se. Maj. der Kaiser von Rußland am 2. d. M. in Suwalki er­wartet, wo gestern und heute die Besichtigung des dort ver­einigten 1. Armeekorps stattfinden sollte.

— Das Corresp.-Büreau meldet Folgendes: Aus Warschau sind jetzt Nachrichten von höchstem Belang und mit den gün-