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Kassel, 30. Mai. Gestern Abend gab Herr Louis Wlach mit seiner Gesellschaft im Oesterreichischen Saale eine Reihe mimisch-plastischer Vorstellungen, welche een lebhaftesten Beifall fanden und verdienten. Besonders ausgezeichnet waren „die Toilette der Venus" nach einem antiken Basrelief, „die Grazien mit dem Blumenkörbe" nach einer antiken Bronce- statue, „Oedipus und Antigone" nach einem Gemälde von Sohn, „Kassandra's Tod durch Ajax" nach einer Statue von Schadow, und vor Allem die Schlußgruppe „Diana beschützt Arethusa vor den Verfolgungen des Meergottcs." Wir glauben auf die ferneren Leistungen des Künstlers aufmerksam machen zu müssen, damit das Publikum durch die ruhige Stille, womit er hier ausgetreten ist, nicht beirrt werde. Für Bedenkliche noch die Bemerkung, daß der Zwiespalt zwischen dem Schönen und der „modernen Anständigkeit" nicht zum Nachtheile der letzteren gelöst ist. Für manche Stellungen dürfte sogar das erstere gegen die steifen „Kostüm-" der Darstellerinnen billigen Einspruch erheben können. Die reine Gewalt der Schönheit ist eine bessere Hüterin, als die berechnete Absichtlichkeit in der Verhüllung. Fr.
Zur Strafproceßordnung.
^/ Fulda, 21. Mai. Wenn die Mitwirkung des Staatsbürgers, welcher nicht Techniker ist, da wo es das Leben berührt, gesetzlich in Anspruch genommen wird, so glauben wir auch berechtigt zu sein, eben weil wir eine Thätigkeit entwickeln sollen, über Vortheile und Nachtheile, Vorzüge und Mängel des Gesetzes für den Fall einer Revision uns auszusprechen. Zu diesem Ende haben wir uns den Vorwurf gemacht, einige Bemerkungen zu dem Gesetze, die Umbildung des Strafverfahrens betreffend, in riefen Blättern niedcrzulegcn.
1) Das Gesetz schreibt vor, daß bei allen öffentlichen Sitzungen, die von tem Obergerichte oder Schwurgerichte ab- gehalten werden, B ü r g e r g a r d i st e u als Wache ausgestellt werden sollen. Wir halten diesen Dienst für eine große Belästigung , welcher eine empfindliche Wunde de» geringeren Gewerbetreibenden schlägt. Abgesehen davon, daß der Gardist verhindert ist, Etwas zu erwerben in den Stunden, in welchen er den Dienst zu leisten berufen ist, so gibt dieser Dienst auch oft noch Veranlassung, daß noch mehr nebenbei verzehrt wird, als die ganze Familie zu Hause zu unterhalten kosten würde. Man sollte daher nur ausnahmsweise zu Requisitionen der Bürgcrgarke schreiten und für die gewöhnlichen Falle die ohnedies vorhandenen Gendarmen oder Gerichtspedellen, Policei- Oificianten u. dgl. für Aufrechthaltung der Ordnung Bedacht nehmen lassen.
2) Die Präsidenten sollten bei den schwurgerichtlichen Sitzungen auf die Individualität der Geschworenen, ihre sonstigen Berufs Beschäftigungen und Lebensweise billige Rücksicht nehmen und rie Gewohnheiten derselben dcßfalls beachten, daher nicht ohne dringende Veranlassung die Sitzungen über drei Stunden ausdehnen, ehe wieder eine entsprechende, Geist und Körper auffrischende Pause eingetreten ist. Dem aufmerksamen Beobachter wird cs nicht entgehen, wie nach einer langen Sitzung eine Erschlaffung, Abmattung oder eigenthümliche Aufregung einzelner Geschworenen zurückbleibt, welche Zustände sogar gesundheitsgefährlich werden können, wegen Ungewohntheit.
3) In §. 234 des Gesetzes sehen wir mit Bedauern in Abs. 1. als nicht geeignet zur Verrichtung eines Geschworenen, die Geistlichen aller Konsessioncn aufgeführt. Wir können uns keinen haltbaren Grund denken, warum man eine so intelligente Klasse von Staatsbürgern von Beurtheilung der Nachtseite socialer Umstände ferne halten will? Die lebendigen Anschauungen, die diesen Herren oft in grassestcn Zügen hier vorgeführt werden, können vielleicht manche Motive ab- geben, um in ihren Kanzclvorträgen recht praktisch ins Leben einzugrcifkn. Wir sind daher des Dafürhaltens, im gedachten Paragraphen die Worte „Geistliche aller Konfessionen" zu streichen. (Wird fortgesetzt.)
Vermischtes
Es gewahrt eine interessante Beobachtung, in welchem Grade die politischen Verhältnisse auf die Progression der Bevölkerung Berlins eingewirkt haben: 1840 zählte Berlin 300,000 Civil -Einwohner (mit Ausschluß des Militärs), 1847 400,000 Civil - Einwohner. 1849 ergab rie Zählung vom 3. December 408,000 Civil - Einwohner. Die Bevölkerung nahm von 1840 an jährlich zu um 4 und 4’4 pCt., von 1847 — 49 jedoch nur um 1 pCt. jährlich. BiS 1847 geschah die Vermehrung durch Zuzug um 3'/^ pCt. und durch Geburten nur um 72 pCt. Von 1848 — 49 balancirt dagegen Zuzug mit Abzug und die Vermehrung entstand fast nur durch den Ucberschuß der Geburten über die Sterbefälle.
— Am 6. Mai d. I. fand in ter Singakademie in Berlin eine seltene Feier Statt. Die verwittwete Stadträthin Hesse beging ihr 50jähriges Jubiläum als Mitglied derselben. Obwohl bereits 67 Jahre alt, wirkt sie doch noch im gegenwärtigen Augenblicke sowohl in den Koncerten , als in den Gesangsübungen Viesks um klassische Musik hochverdienten Instituts eifrig mit. Zur Feier des Tagcs wurde der Jubilarin von den Mitgliedern der Akademie unter Leitung ihrer Direktoren Grell und Rungenhagen, schon am Morgen eine Vokalmusik in ihrer Wohnung gebracht und ihr dabei ein goldener Eichenkranz überreicht. Am Nachmittage wurde die Musik in der Montagsversammlung der Akademie vor einer größeren Versammlung wiederholt, und am Abend noch ein Ständchen hinzugefügt. Frau Hesse gehört einer sehr ausge- breiteten Familie an, deren allgemeinere Bestrebungen für Kunst und Wissenschaften durch Namen wie Bendemann, Hübner, Dropsen, Schadow und Anderer bekundet werden. In wenig Wochen steht ein zweites Jubiläum bevor.
— Der grüneberger Weinbau feiert in diesem Jahre fein 500jähriges Jubiläum. „Möge man" — so ruft der grünc- berger Gewerbe- und Gartenverein — „den ehrwürdigen Jubilar nicht länger mit Spott und Hohn verfolgen! Gerechtigkeit gegen den grüneberger Wein!" Wir erinnern bei dieser Gelegenheit an das Geschichtchen, das sich in der guten Stadt Grüneberg begab: Dem Könige wurde auf seiner Durchreise Grüneberger Wein vorgesetzt, den er so gütig war, äußerst trinkbar zu finden. Die Herren Stadtratbe waren aber über das königliche Lob ihres Weines so begeistert, daß sieousriefen: „Ja, Ew. Majestät! und dieß ist noch gar nicht von unserem Besten!" „Nun, — antwortete der König lächelnd — so hoffe ich, daß Sie mir nächstes Mal vom Besten geben!"
— Nach einem Cirkulare des Konferenzrathes Schumacher in Altona entdeckte der Dr. Petersen auf der dortigen Sternwarte am 1. v. M. einen schwachen teleskopischen Kometen im Sternbilde des Drachen. Der Ort des Kometen ist am 2. und 3. d. M. und zwar am letzten Tage folgendermaßen bestimmt:
Asc. Reda Declin.
Mai 3. 9 U. 52' mütl. Alt. Zeit 19 11. 23' 7", 7 ' 71» 28' 5", 2 die tägliche Fortbewegung ergaben die Beobachtungen:
in Asc. Reda = — 63", 3 Zeit, in Declinat. — -J- 9' 44".
Zu den Anekdoten, welche man über die Jurisprudenz in Oesterreich zu berichten hatte, liefert ein galizischer Korrespondent des „Lloyd" einen neuen Beitrag. Ein Grundherr führte bei der brzezaner KreisbehLrde Klage über Abmeldung seiner Dominialwiesen durch fremdes Vieh, worauf ihm ein abweisender Bescheid in den Worten gegeben wurde, „raß das Vieh, indem es die grundherrlichen Wiesen abfraß, nicht den entferntesten Gedanken gehabt haben konnte, eine Gewaltthat zu begehen." Dieser Bescheid wird in Galizien feit einiger Zeit schon als bindende Norm behandelt und die Grundhcrrcn leiden furchtbar unter dieser kommunistischen Richtung. Das Verhältniß zwischen Bauern und Grund- Herren wird als ein äußerst beklagenswertstes geschildert. Der Bauer, von der Robote befreit, arbeitet, wie in Ungarn, auch in Galizien nicht einmal um Geld, und bequemt er sich dazu,