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gerufener Arzt einen Verband anlegen konnte. Ihre Majestät die Königin waren sofort aus dem Waggon gestürzt und zu Allerhöchstihrem Gemahl geeilt. Die Wuth des versammelten Publikums über die fluchwürdige That ist nicht zu beschrei­ben. Die Schilvwachen und das Publikum hatten sich sofort auf den Mörder geworfen, die Männer schlugen mit Händen und Stöcken auf ihn los, die Frauen schrien und weinten, nur mit Mühe gelang es einigen der Wachen, den Mörder der allgemeinen Wuth zu entreißen und ihn nach einem Zim­mer des Bahnhofs zu bringen, welches das mit jedem Augen­blick zahlreicher werdende Publikum mit Drohungen und Ver­wünschungen gegen den Mörder umlagerte. Dieser, das Ge­sicht mit Blut überströmt aus mehreren von der Wuth des Volkes erhaltenen Wunden, ist ein Mann von circa 45 Jah­ren , länglichem scharf markirtem Gesicht und antwortete nur mit einem starren finstern Blick auf die zahllosen Verwünschungen, während die Wachen ihm die Hände auf den Rücken schnürten. Die große Zahl der herbeieilenden Stabsofficiere und Mili­tärs, der hohen Beamten und der geachtetsten Bürger bekun­dete die Liebe, welche der Monarch genießt, und den Schre­cken, der sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt ver­breitete. Se. königl. Hoheit der Prinz von Preußen kam in vollem Lauf auf den Bahnhof; unter den Ersten sahen wir die Minister v. d. Heydt, v. Schleinitz, v. Manteuffel. Der Meuchelmörder ist, soviel bis jetzt ermittelt worden, ein seit dem Herbst entlassener Artillerist aus der Handwerker-Kom­pagnie. Der Mann soll aus Mitleid schon seit 2 Jahren auf dem Etat mit durchgeschleppt worden siin und sich vielfach durch Exaltation bemerklich gemacht haben, die auch die Ur­sache seiner Entlassung war. Auf dem Bahnhöfe wurde er­zählt, daß er seitdem durch Aufreizung noch mehr exaltirt worden sei. Er trug eine Uniform, von der man noch nicht weiß, woher er sie bekommen. Die Waffe, mit der er ge­schossen, war ein Tcrzerol mit auffallend großem Kaliber. In diesem Augenblick ist ein vorläufiges Verhör mit ihm ange­stellt worden. Eine Eskadron Garde-Dragoner (Rittmeister v. Krosigk) ist so eben auf dem Bahnhof angekommen, um den Mörder zum Gefängniß zu eskortiern. Wir bemerken nachträglich, daß auch viele der fremden Gesandten, darunter der englische und französische, auf den Bahnhof eilten. Um l3/4 Uhr fuhren Se. Maj. der König, begleitet von Ihrer Majestät der Königin, auf Allerhöchstwelche der Monarch den verwundeten Arm lehnte, von dem Bahnhof nach Charlotten­burg zurück. Ein stürmisches donnerndes Hurrah empfing und begleitete den Wagen des Königs und den leer folgenden der Königin und bekundete die allgemeine Liebe des Volks. Die Masse, die sich vor dem Bahnhof versammelte, war zahllos.

Kiel , 18. Mai. Das hiesige Korrespondenzblatt enthält eine Uebersicht über die beim Kieler Ausschüsse eingegaugenen freiwilligen Beiträge für die deutsche Flotte. Nach der Re­kapitulation betragen diese Beiträge aus Holstein 62,440 Mk. 15 Schilling, aus Schleswig 19,968 Mark 14 Sch., von der Armee 126 Mk. 6 Sch., aus Schleswig-Holstein sonst 480 Mark 9% Sch., aus dem übrigen Deutschland 1746 Mark 15’/a Sch., aus Rio de Janeiro 30 Mark; also im Ganzen beim Kieler Ausschüsse eingegangen: 84,793 Mk. 12 Sch.

Kiel , 21. Mai. Gestern Mittag lief hier beim Gene­ralkommando von der Kommandantur zu Friedrichsort die Meldung ein, daß 4 dänische Kriegsscgclschiffe und 2 Dampf­schiffe von Alsen her mit allen Segeln auf den Hafen zu­steuerten. Bei dem wunderlichen Verhältniß zwischen uns und den Dänen, einer lediglich faktischen Waffenruhe mußte man auf einen Angriff gefaßt sein. Das hier liegende Militär wurde sofort beordert, sich zur Stelle zu halten und jeden Augenblick des Generalmarschcs gewärtig zu sein; Fort De­lius nnv die ellerbccker Schanze wurden besetzt, das Damps- schiff „Löwe" zum Rekognosciren hinausgesandl. Zwei Stun­den später wurde gemeldet, daß die Schiffe, nachdem sie eine Zeitlang vor dem Hafen gekreuzt, wieder in der Richtung nach Alsen im Absegeln begriffen wären. Zwei Signalschüsse, die um 11 Uhr Nachts von der Festung fielen, lassen ver­muthen , daß damals wieder Schiffe in Sicht gewesen sind.

Ein Rundschreiben des Departements des Innern an die Ober- beamten, Prälaten, Distriktsdeputirten, Magistrate und lagefüh­renden Beamten ordnet Maßregeln an, damit für den Fall einer plötzlichen Mobilmachung der Armee bei Einberufung der von den Linienbataillonen beurlaubten sowohl, als der zu der Reserve gehörigen Mannschaften jeder Verzug möglichst vermieden werde.

Dresden, 19. Mai. Der preußische Lieutenant Glü- mer ist wegen seiner Betheiligung am Maikampf auch in zwei­ter Instanz zum Tode verurtheilt worden; dagegen hat das Ober-Appellalionsgericht den in erster Instanz wegen „Hoch­verraths" zum Tode verurteilten Handarbeiter Kappler vom Hochverrathe freigesprochen, ihn aber wegen „Aufruhrs" zu lOjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, weil man nicht anneh­men könne, daß er so genau die Bestimmungen der Reichs­verfassung gekannt, um beurtheilen zu können, daß ihre ge­waltsame Einführung Hochverrath sei.

Leipzig, 19. Mai. Ein bedauerlicher Fall hat sich vor­gestern Nacht hier zugetragen. Ein Soldat, der in Folge der Maiereignisse in der Kaserne gefangen saß und dem Verneh­men nach zu 15 Jahren Zuchthaus (Andere sagen zum Tode) verurtheilt war, versuchte es, Nachts aus seinem Gefängnisse zu entwischen; er ließ sich zu diesem Behufe an einem aus Betttuch und dergl. zusammengedrehten Stricke herab; leider fand sich aber, daß der Strick zu kurz war, und er war deß­halb genöthigt, noch einen ziemlich hohen Sprung zu wagen. (Einer anderen Nachricht zufolge wäre der Strick gerissen.) Der Sprung lief unglücklich ab; der Mann verstauchte sich dermaßen, daß er unfähig war, sich zu erheben. Doch würde er noch durch den Beistand einiger Herbeigesprungenen glück­lich entkommen sein, wenn nicht ein Nachtwächter Lärm ge­macht hätte. Dieß rief Wache und Polizei herbei, und rer Unglückliche ward wieder festgenommen. — Der Professor der historischen HülfSwissenschaften, Dr. Wuttke, hat, wie verlau­tet, bei der hiesigen Juristenfakultät ein Gutachten darüber verlangt, ob die sächsische Regierung berechtigt gewesen, die Nationalvertreter von Frankfurt avzuberufen. Die Juristen- fakultät soll sich auf Professor Albrechts gediegenes und gründ­liches Referat dahin ausgesprochen haben, daß der Regierung diese Berechtigung nicht zugestanden werden könne. (Dresd. Z.)

Frankfurt, 21. Mai. Die Nachricht, welche neuer­dings den Weg durch die Presse macht, daß die königl. nie­derländische Regierung für Luxemburg und Limburg der Münchner Uebereinkunst beigetreten sei, ist unbegründet. (DZ.)

Frankfurt, 22. Mai. Der Senat der freien Stadt Frankfurt beabsichtigt, sich mit dem Großherzogthum Hessen in Bezug auf die Kriminalrechtspflege in der Art zu verstän­digen, daß das hessische Strafgesetzbuch auch hier eingeführt, und das Ober-Appellations- und Kassalionsgericht zu Darm­stadt, statt dessen in Lübeck, für Frankfurt die höchste Instanz werde. (OPAZtg.)

— Ein Gesandter des Kaisers von Rußland, welcher sei­nen beständigen Aufenthalt hier nehmen soll, wird erwartet. Es ist für denselben bereits eine Wohnung gemiethet worden.

Darmstadt, 21. Mai. Zum Bevollmächtigten beim Staatenkongreß in Frankfurt ist der Territorialkommissär in Mainz, Freiherr v. Dalwigk, ernannt.

Stuttgart, 18. Mai. Die Deutsche Chronik ist er­mächtigt, den Artikel der Deutschen Zeitung über die russische Depesche in Betreff der Thronrede „als eine eben so abge­schmackte als unwahre Erdichtung" zu erklären. „Wer unse­ren König kennt, der weiß bestimmt auch, daß seine Thron­reden von ihm selbst verfaßt sind. Die letzte Thronrede war eine Ansprache nicht nur an Württemberg, sondern an das gefammte deutsche Publikum, um klar und offen darzulegen, welche Beweggründe den König veranlaßt hatten, dem Vertrage vom 26. Mai nicht beizutreten."

Stuttgart, 21. Mai. Die Landesversammlung hat heute die allgemeine Debatte über Vie Verfassungsvorlagen begonnen. Ein nicht uninteressantes Vorspiel war ein Vor­trag des Ministers des Innern, welcher die Veröffentlichung der dem Bericht der Verfassungskommissiou beigegebenen Pro-