Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Donnerstag, 23. Mai 1850.
V 237
Morgen - Ausgabe.
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Deutschland.
^Berlin, 21. Mai. Auch heute nach der Pause zweier Festtage enthalten die offtcieUen Blätter noch nichts von den Kongreßprotokollen. Die Deutsche Reform vertreibt sich die Zeit mit langen Artikeln über Anarchie, Demokratie, Konservatismus re. Dem Publikum ist damit im Augenblick wenig gedient. Viel lieber wäre ihm etwas Sicheres über den Stand der Union. Nur die Konstit. Korrcsp. beschwichtigt die Ungeduldigen und hat ein ganzes Füllhorn überschwenglicher Versicherungen, aber auch bittere Vorwürfe über die ewige Unzufriedenheit der Konst. Ztg., welche sich in schweren Vorwürfen gegen die Halbheit, Energielosigkeit der preußischen Staatsmänner ergeht. Sie kann sich der schlimmsten Befürchtungen, die sie von der frankfurter Versammlung hegt, nicht entschlagen, wo die Union, statt durch einen Abgesandten vertreten zu sein, im flatternden Gewände des Provisoriums — und vielleicht nicht einmal in diesem, sondern garnicht erscheint. Zwanzig Vertreter kleiner Dynasten sollen dort ein Feld der österreichischen Wühlerei betreten, dessen Gleichen wohl in der Geschichte noch nicht dagewesen sein dürfte. Dort soll die Zukunft des deutschen Bundesstaates an die gemeinen Intriguen österreichischer Kreaturen, an Leute â la Hassenpflug Preis gegeben sein? Und das Alles im Vertrauen auf die „Lebenskraft" des deutschen Bundesstaates? Das kommt ter Konst. Ztg. so vor, als ob man ein Schiff auf ein klippenreiches Meer sendet, ohne Kapitän, ohne genügende Mannschaft, ohne Tackclage und Ballast, bloß um besser seinen vortrefflichen Bau zu erproben. Und dieses Gleich- niß wird nach Allem, was wir im Fache des Verraths in den letzten Jahren erlebt haben, wahrlich in seiner Wirkung nicht geschwächt durch die wiederholte Versicherung der C. C. „Preußen will den Fürsten gegenüber nicht auf Zwang, sondern auf freie Vereinbarung das deutsche Verfassungswerk gründen". Und eben so wenig ist die jetzt bekannt gewordene Wahl des Hrn. Mathis zum Bevollmächtigten beim franksur- ter Kongreß besonders geeignet, allgemeine Beruhigung zu gewähren. Freilich wird versichert, Mathis sei fortwährend ein eifriger Freund des Bundesstaates, dem er ein eignes Buch und wie man sagt, auch manchen polemischen Zeitungs - Artikel gegen Herrn v. Blittersdorf gewidmet habe. Man zählt nun freilich viele sehr vormärzlich Gravirte jetzt unter den Neubekchrten. Allein der Hr. Mathis ist doch gar zu sehr mit seiner Vergangenheit brouil- lirt, man hätte ihn doch wirklich hier besser herausgelassen.— Jedenfalls werden die täglich zu erwartenden Protokolle der öffentlichen Meinung eine neue Basis geben müssen. Bis jetzt sind nur die Eingeweihten siegestrunken, jene glückliche C. C.,
Der schon zu sehn, zu pflücken schon erlaubt
Die Siegeskränze...., die einst blühen
Um der noch ungebornen Tage Haupt.
wie die Konst. Zeilg. mit ironischem Neide singt.
UebrigenS wird die Ungeduld der Parteigenossen von einem Eingeweihten in der Konst. Zeitg. selbst gerügt, welcher sich also vernehmen läßt: Ich glaube der K. Z. aus zuverlässigen Quellen mittheilcn zu können, daß die Zeit, welche zur
Bildung des provisorischen Fürsten-Kollegiums und des provisorischen Unions-Ministeriums verstreicht, sich nicht nach Wochen, sondern nach Tagen wird bemessen lassen, und ich halte nichts mehr für geeignet, die Regierung in dem Glauben an ihre gute Sache zu schwächen, als den Mißmuth und die Heftigkeit unserer Partei. Möglich, daß sich im Ministerium Stimmen erhoben haben, die allerdings und zwar in Berechnung derjenigen Wirkung, welche die Schritte der Regierung auf die öffentliche Meinung haben, ein rascheres Vorgehen wünschten, und daß diese Stimmen überwogen wurden. Ist cs denn aber die Sache besonnener und patriotischer Männer, ein ganzes Ziel aufzugeben, weil sie sich trotz des Bewußtseins des vollkommen gemeinsamen Strebens nach diesem Ziele nicht einmal rücksichtlich des Weges, sondern nur rücksichtlich der Tage oder Wochen, in welchen dieser Weg zu betreten, in der Minorität befanden ? Vorsicht ist die Tugend großer Seelen, aber das Mißtrauen ist die Schwäche der kleinen. Nun denn, seien wir vorsichtig, seien wir eingedenk der furchtbaren Verantwortlichkeit, die heute ans den Männern der Presse ruht! vergessen wir nicht, daß das voreilige und ungerechtfertigte Mißtrauen ein Gift ist, das nicht den Thronen allein, sondern auch den Völkern ein unaufhaltsames Verderben bringt.
Frankfurt, 20. Mai. Heute Mittag ist der Großherzog von Baden auf der Rückreise von Berlin hier angekommen , hat aber ohne Aufenthalt die Reise nach Darmstadt fortgesetzt und ist, nachdem er dem großherzoglichen Hose einen Besuch abgestattct, nach Karlsruhe weiter gegangen.
— Auf telegraphischem Wege erfahren wir, daß von der königl. preußischen Regierung als ihr bevollmächtigter Vertreter bei dem hiesigen Kongreß der wirkt. Geh. Oberregierungsrath Herr Matthis ernannt ist. Er wurde bekanntlich vor einigen Tagen nach Berlin berufen, wo er sich augenblicklich noch befindet. (D. 3)
München, 18. Mai. Das linke Centrum ist darüber in Berathung getreten, ob es dem Anträge, welcher von der Linken bezüglich des Verhaltens des Ministeriums in der deutschen Frage eingebracht wurde, sich anschließen soll oder nicht. Wie die Sachen jetzt stehen, wird es nur seine Zustimmung zu dem Anträge, nicht aber zu den Motiven geben. Eine andere Frage ist es aber, ob die Sache in gegenwärtiger Session noch zur Berathung kommen werde, da dieses in der Hand des Präsidiums und des aus Mehrheitsmitgliedern zusammengesetzten Ausschusses liegt und von dieser Seite eine Geneigtheit," in die Berathung der deutschen Frage einzugehen, nicht zu erwarten steht.
Frankreich.
Paris, 20. Mai. Der englische Gesandte ist noch nicht osficieU abberufen. Das gestern Abends verbreitete Gerücht, als ob heute eine revolutionäre Bewegung ausbrechen würde, erweist sich als falsch: Paris ist ruhig; die Fonds sind an heutiger Börse gestiegen. Der „Constitutionnel" bemerkt über die jetzige Lage, daß in Zeiten, wie die gegenwärtige, die exekutive Gewalt in die Institutionen der Nationalgarde, Jury und Nationalversammlung nicht vollständiges Zutrauen fegen könne, wenn sie die Gesellschaft retten solle. Nach dem