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Neue Hessische Zeitung.

Organ -er konstitutionellen Partei.

Donnerstag, 23. Mai 1850.

V 237

Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigegeben. Die Morgen-Ausgabe wird von 7211 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kassel von 5 bis 7 Uhr erpedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Luckbardt'schen und Vollmaiin'schen Buch - und Kunsthandlung. Der Abonnementspreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle kurhcsslschen Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Pclitzeile berechnet.

Deutschland.

^Berlin, 21. Mai. Auch heute nach der Pause zweier Festtage enthalten die offtcieUen Blätter noch nichts von den Kongreßprotokollen. Die Deutsche Reform vertreibt sich die Zeit mit langen Artikeln über Anarchie, Demokratie, Konser­vatismus re. Dem Publikum ist damit im Augenblick wenig gedient. Viel lieber wäre ihm etwas Sicheres über den Stand der Union. Nur die Konstit. Korrcsp. beschwichtigt die Ungeduldigen und hat ein ganzes Füllhorn überschweng­licher Versicherungen, aber auch bittere Vorwürfe über die ewige Unzufriedenheit der Konst. Ztg., welche sich in schweren Vorwürfen gegen die Halbheit, Energielosigkeit der preußischen Staatsmänner ergeht. Sie kann sich der schlimmsten Be­fürchtungen, die sie von der frankfurter Versammlung hegt, nicht entschlagen, wo die Union, statt durch einen Abgesand­ten vertreten zu sein, im flatternden Gewände des Proviso­riums und vielleicht nicht einmal in diesem, sondern gar­nicht erscheint. Zwanzig Vertreter kleiner Dynasten sollen dort ein Feld der österreichischen Wühlerei betreten, dessen Gleichen wohl in der Geschichte noch nicht dagewesen sein dürfte. Dort soll die Zukunft des deutschen Bundesstaates an die gemeinen Intriguen österreichischer Kreaturen, an Leute â la Hassenpflug Preis gegeben sein? Und das Alles im Vertrauen auf dieLebenskraft" des deutschen Bundesstaates? Das kommt ter Konst. Ztg. so vor, als ob man ein Schiff auf ein klippenreiches Meer sendet, ohne Kapitän, ohne genü­gende Mannschaft, ohne Tackclage und Ballast, bloß um bes­ser seinen vortrefflichen Bau zu erproben. Und dieses Gleich- niß wird nach Allem, was wir im Fache des Verraths in den letzten Jahren erlebt haben, wahrlich in seiner Wirkung nicht geschwächt durch die wiederholte Versicherung der C. C. Preußen will den Fürsten gegenüber nicht auf Zwang, son­dern auf freie Vereinbarung das deutsche Verfassungswerk gründen". Und eben so wenig ist die jetzt bekannt gewordene Wahl des Hrn. Mathis zum Bevollmächtigten beim franksur- ter Kongreß besonders geeignet, allgemeine Beruhigung zu gewähren. Freilich wird versichert, Mathis sei fortwährend ein eifriger Freund des Bundesstaates, dem er ein eignes Buch und wie man sagt, auch manchen polemischen Zeitungs - Artikel gegen Herrn v. Blittersdorf gewidmet habe. Man zählt nun freilich viele sehr vormärzlich Gravirte jetzt unter den Neubekchrten. Allein der Hr. Mathis ist doch gar zu sehr mit seiner Vergangenheit brouil- lirt, man hätte ihn doch wirklich hier besser herausgelassen. Jedenfalls werden die täglich zu erwartenden Protokolle der öffentlichen Meinung eine neue Basis geben müssen. Bis jetzt sind nur die Eingeweihten siegestrunken, jene glückliche C. C.,

Der schon zu sehn, zu pflücken schon erlaubt

Die Siegeskränze...., die einst blühen

Um der noch ungebornen Tage Haupt.

wie die Konst. Zeilg. mit ironischem Neide singt.

UebrigenS wird die Ungeduld der Parteigenossen von einem Eingeweihten in der Konst. Zeitg. selbst gerügt, welcher sich also vernehmen läßt: Ich glaube der K. Z. aus zuverlässi­gen Quellen mittheilcn zu können, daß die Zeit, welche zur

Bildung des provisorischen Fürsten-Kollegiums und des provi­sorischen Unions-Ministeriums verstreicht, sich nicht nach Wochen, sondern nach Tagen wird bemessen lassen, und ich halte nichts mehr für geeignet, die Regierung in dem Glauben an ihre gute Sache zu schwächen, als den Mißmuth und die Hef­tigkeit unserer Partei. Möglich, daß sich im Ministerium Stimmen erhoben haben, die allerdings und zwar in Be­rechnung derjenigen Wirkung, welche die Schritte der Regie­rung auf die öffentliche Meinung haben, ein rascheres Vor­gehen wünschten, und daß diese Stimmen überwogen wurden. Ist cs denn aber die Sache besonnener und patriotischer Män­ner, ein ganzes Ziel aufzugeben, weil sie sich trotz des Be­wußtseins des vollkommen gemeinsamen Strebens nach diesem Ziele nicht einmal rücksichtlich des Weges, sondern nur rück­sichtlich der Tage oder Wochen, in welchen dieser Weg zu betreten, in der Minorität befanden ? Vorsicht ist die Tugend großer Seelen, aber das Mißtrauen ist die Schwäche der klei­nen. Nun denn, seien wir vorsichtig, seien wir eingedenk der furchtbaren Verantwortlichkeit, die heute ans den Männern der Presse ruht! vergessen wir nicht, daß das voreilige und unge­rechtfertigte Mißtrauen ein Gift ist, das nicht den Thronen allein, sondern auch den Völkern ein unaufhaltsames Verder­ben bringt.

Frankfurt, 20. Mai. Heute Mittag ist der Großher­zog von Baden auf der Rückreise von Berlin hier angekom­men , hat aber ohne Aufenthalt die Reise nach Darmstadt fortgesetzt und ist, nachdem er dem großherzoglichen Hose einen Besuch abgestattct, nach Karlsruhe weiter gegangen.

Auf telegraphischem Wege erfahren wir, daß von der königl. preußischen Regierung als ihr bevollmächtigter Vertre­ter bei dem hiesigen Kongreß der wirkt. Geh. Oberregierungs­rath Herr Matthis ernannt ist. Er wurde bekanntlich vor einigen Tagen nach Berlin berufen, wo er sich augenblicklich noch befindet. (D. 3)

München, 18. Mai. Das linke Centrum ist darüber in Berathung getreten, ob es dem Anträge, welcher von der Linken bezüglich des Verhaltens des Ministeriums in der deut­schen Frage eingebracht wurde, sich anschließen soll oder nicht. Wie die Sachen jetzt stehen, wird es nur seine Zustimmung zu dem Anträge, nicht aber zu den Motiven geben. Eine an­dere Frage ist es aber, ob die Sache in gegenwärtiger Session noch zur Berathung kommen werde, da dieses in der Hand des Präsidiums und des aus Mehrheitsmitgliedern zusammen­gesetzten Ausschusses liegt und von dieser Seite eine Geneigt­heit," in die Berathung der deutschen Frage einzugehen, nicht zu erwarten steht.

Frankreich.

Paris, 20. Mai. Der englische Gesandte ist noch nicht osficieU abberufen. Das gestern Abends verbreitete Gerücht, als ob heute eine revolutionäre Bewegung ausbrechen würde, erweist sich als falsch: Paris ist ruhig; die Fonds sind an heutiger Börse gestiegen. DerConstitutionnel" bemerkt über die jetzige Lage, daß in Zeiten, wie die gegenwärtige, die exekutive Gewalt in die Institutionen der Nationalgarde, Jury und Nationalversammlung nicht vollständiges Zutrauen fegen könne, wenn sie die Gesellschaft retten solle. Nach dem