Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Sonnabend, 18. Mai 1850. . M 231 Abend-Ansgabe.
Deutschland.
* Kassel, 18. Mai. Se. Königl. Hoheit der Kurfürst md gestern in Begleitung des Herrn Hassenpflug von Berlin vierer hier eingetroffen. Es wird uns von zuverlässiger Seite .'erstarrt, daß sich Kurhesscn bei den Berliner Verhandlungen eine schließliche Erklärung über die Einsetzung der Unions- wgane noch Vorbehalten und jede klare Auskunft über sein Lerhalten zum Bundesstaat unter verschiedenen Vorwänden verweigert habe.
Berlin, 14. Mai. Wir kommen zu Resultaten. Die ausländischen Gegner des Bundesstaates gestehen unverhohlen, es fange an ernsthaft auszusehen. Freilich bleibt noch eine große Schwierigkeit in dem sehr bedeutenden Punkte, daß die Instruktionen für Frankfurt treu befolgt werden. Sonst scheitern wir im Hafen. Aber wenn wir zurückblicken auf den Anfang des Kongresses und der schwülen, langweiligen Erfurter Luft gedenken, wie läßt sich dann läugnen, daß ein Stück Weges zum Ziel zurückgelegt worden? Es bleibt ein anderes, wie immer das dornenvollste. Preußen hat indeß in der Geschichte viel Glück gehabt, vielleicht bewahrt sich der gute Stern auch dießmal.
Berlin, 14. Mai. (C. B.) Wie wir bereits mitgetheilt haben, bat Kinkel sein bisheriges Gefängniß vertauscht und ist nach Spandau, begleitet von einem Polizeibeamten und einem Ofsicier, abgeführt worden. Die Begleiter des gefangenen Dichters überbrachten dem Gefängniß-Direktor ein Schreiben des Ministers von Manteuffel, in welchem der Gefangene rücksichtsvoller Behandlung empfohlen wird. In Folge dessen ist Kinkel bis jetzt das Tragen der Sträflingsjacke und das Abscheeren des Haupthaars erlassen.
Berlin, 16. Mai. Die bevollmächtigten Minister der hier zum Kongreß versammelten Fürsten hielten gestern noch eine letzte Konferenz, in welcher ein Schlußprotokoll, so wie der Entwurf der identischen, an das wiener Kabinet zu richtenden Note und die gemeinschaftlichen Instruktionen, welche den Vertretern der Unionsregierungen zu dem Kongreß in Frankfurt zu ertheilen sind, angenommen wurden. Alle Bevollmächtigten erklärten sich damit einverstanden. Kurhessen gab noch eine besondere Erklärung zu Protokoll, wonach sich die dortige Regierung sowohl gegen das Münchener Projekt, als auch gegen jede B ldung der deutschen Verfassung ausspricht, wenn eine Trias für die Centralgewalt bestimmt würde, indem sie die Leitung der deutschen Angelegenheiten nur Oesterreich und Preußen überlassen wissen will. Heute Mittag versammeln Se. Maj. der König Seine hohen Gäste noch einmal, um an dieselben zum Schluß des Kongresses eine feierliche Ansprache zu richten. Im Hinblick auf die erzielten Resultate wird dieselbe eine sehr freudige sein können; denn der Kongreß hat das im vorigen Jahre geschlossene Band in hohem Grade befestigt und die Union zu dem Punkte geführt, wo der Fürstenrath und die Untonsregierung ins Leben treten können. (D. R.)
Berlin, 16. Mai. Die C. C. enthält folgende Mittheilung: Mit Bezug auf den gestern mitgetheilten Beschluß des hiesigen Fürstenkongresses einer Beschickung des Kongresses zu Frankfurt a. M. bemerken wir, daß letzterer erst am 17. d. M. die zweite Sitzung halten wird und daß von den bereits dort anwesenden Bevollmächtigten beschlossen worden ist, das Protokoll für die erst später Hinzutretenden offen zu halten.
* Berlin, 16. Mai. Auch die heutigen Nachrichten bringen noch keinen reinen Schluß. Der officielle Bericht in der Deutschen Reform über die letzte Kongreßsitzung ist dürftig und vag. Es heißt darin, eine identische Note und gemeinschaftliche
Instruktionen für sämmtliche Bevollmächtige seien im Entwürfe angenommen. Was in dem Entwürfe steht, wird nicht gesagt und wir müssen seine Veröffentlichung um so mehr erwarten, als sich die gestrigen Andeutungen in der C. C. und der D. R., den beiden ministeriellen Organen, einigermaßen widersprechen. Daß aber alle Mitglieder zustimmten, also auch Hasscnpflug, ist kein gutes Zeichen. — Schließlich heißt es „die Union sei zu dem Punkte geführt, wo der Fürstenrath und die Unionsregierrtng ins Leben treten „könne". Ob sie aber anch ins Leven treten sollen und werden, das ist wieder nicht gesagt. Daß sie ins Leben treten können und müssen, wenn Preußen nicht sich selbst und die Nation ruiniren will, das haben wir längst gewußt. Wenn übrigens Preußen, welches sich bei dieser Gelegenheit entschlossener gezeigt hat, als man es seit lange gewohnt ist, dennoch wiederum nur halb vorgeschritten ist, so haben wir dieß lediglich Hrn. Hassenpflng zu danken. Man hat die katzenartigen Windungen seiner Politik aus vielen Gründen festhalten zu müssen geglaubt und ist ihm auf einen Weg gefolgt, der ihm nur eine kurze Galgenfrist, dann aber nur noch die Möglichkeit des ganz nackten Abfalls lassen würde. Diesen sucht man im Voraus unmöglich zu machen.—Die Const. Zeitung kann denn auch in dem, was bis jetzt geschehen, nur eine Verlängerung des Provisoriums, 'noch keinen entschiedenen Abschluß erblicken. Sie will, ehe sie ihr schließliches Urtheil fällt, erst einen schließlichen Beschluß schwarz auf weiß sehen. Erwarten auch wir die Veröffentlichung der Protokolle.
Die Kreuzzeitung hofft immer noch auf eine Wendung in ihrem Sinne (gerade wie BlitterSdorff in der Ober-Postamts- Zeitung). Doch bestätigt sie — und -wenn selbst die Kreuzzeitung es nicht läugnet, muß es wohl wahr fein — in ihrem Gerlachschen Leitartikel, daß die Erfurter Verfassung angenommen sei. Gewiß zu allgemeinster Ueberraschung begrüßt sie dieses Resultat als ein „erfreuliches" und weiß sich auf eine sehr ingeniöse Art in diese Freude hinein zu philosophi- ren. Sie meint, nur ein „Endchen" der Verfassung sei mit der Annahme gültig geworden (scil. die Unionsregie- rung und das FürstenkoUegium). Das ist nun einmal die eigenthümliche Anschauung dieser Partei, daß sie glaubt, man brauche von einer angenommenen Verfassung nur dieses und jenes „Endchen", wie es gerade in den Kram paßt, anzuer- tennen. Hierbei steht sie ganz auf ihrem gewöhnlichen unsittlichen Standpunkte. Aber selbst die hieraus geschöpften Hoffnungen werden ihr noch durch die Besorgniß der Wiederzu- sammenberufung des Erfurter Parlaments und durch die Befürchtung getrübt, daß cs nicht so leicht gelingen möge, den „Werkmeister" (Hrn. v. Radowitz) zu beseitigen. Auch ein gutes Zeichen.
Bèrlin, 16. Mai. Die Lithograph rten Nachrichten sagen : Während man in wohlunterrichteten Kreisen noch vor Kurzem an dem Zustandekommen der Union nicht unbegründete Zweifel hegte, hat die vorgestern Abend stattgefundene Konferenz alle entgegenstehenden Schwierigkeiten beseitigt. Wir fassen das Resultat derselben in Folgendem kurz zusammen. Es wurde zuvörderst ein Provisorium auf acht Wochen bestimmt, welches dahin lautet, daß dem König sowohl die Modalitäten als auch die Wahl der Personen der Unionsregie- rung überlassen wird. Die Unionsregierung soll sofort ins Leben treten. Ferner wurde das Fürstenkollegium nach Kurien und halben Stimmen konstituirt, und es ist wahrscheinlich, daß dasselbe aus den bisherigen Mitgliedern des Verwaltungs- raths gebildet werden wird. Man beschäftigt sich schon stark mit den Vorlagen für das Erfurter Parlament, das innerhalb