Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Donnerstag, 16. Mai 1850 J\$ 227. Morgen - Ausgabe.
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Deutschland.
* Kassel, 15. Mai. Ein Hassenpflugscher Korrespondent er Ober-Postamts - Ztg. ist „begierig zu sehen, welche Stcl- ung unsere Sländeversammlung dem Ministerium Hassenpflug zcgenüber einnehmen wird, ob sie den angesonnenen Anträgen )er Linken sich mehr nähern, oder auf dem besonnenen Wege ?es Fortschrittes das dargebotene Gute mitnehmen wird."-- Dem Manne kann geholfen werden. Uebrigens ist eine solche laive Neugier kaum zu begreifen. Welche Stellung die Ständeversammlung einnehmen werde, das kann sich doch wohl edes Kind an den Fingern abzählen. Die Ständcversamm- ung braucht gar keine Stellung mehr einzunehmen, weil sie ich, wie aller Welt bekannt^, bereits in einer sehr bestimmten Stellung befindet. Auch braucht sich die Ständeversammlung den „angcsonnenen Anträgen der Linken", von denen übrigens der Zeit noch nichts bekannt geworden ist, gar nicht be- onkers zu nähern, insofern auch diese darauf gerichtet sein ollten, zur Beseitigung des Ministeriums Hassenpflug alle 'erfassungsmäßigen Mittel in Anwendung zu bringen. Was anter dem „besonnenen Fortschritt" und dem „dargebotenen Juten" zu verstehen sei, erscheint ganz unverständlich und vird sich nur vom Standpunkte des unbesonnensten Rück- chrittes aus begreifen lassen. Jedoch ist davon Akt zu nch- nen, daß das Ministerium Hassenpflug in der Ober-Postamts- jeitung, dem Organ des wiederaufgestandenen Bundestags, ein „besonnener Fortschritt" und ein „kar- gebotenes Gute" genannt wird.
^Kassel, 15. Mai. Ihre Hoheit die Prinzessin Karoline st heute Morgen zur Vermählung ter Prinzessin Charlotte von Preußen nach Berlin abgereift. Auch der Kurfürst wird dem Vernehmen nach dieser Feierlichkeit beiwohnen und man knüpft hieran den Schluß, daß die Gelüste eines Abfalls von der preußischen Politik als überwunden zu betrachten seien.
+ Kassel, 16. Mai. Auf der heutigen Tagesordnung der Ständeversammlung steht u. A. 3) die Berathung des Berichts des Vcrfassungsausschusses, die am 30. Septbr. vor. I. über die Bildung einer provisorischen Centralgewalt für Deutschland abgeschlossene Konvention betr. Leider existirt die gedachte Behörde nicht mehr und die Mitglieder derselben haben zum Theil Frankfurt wieder verlassen, so daß die Verhandlung der Ständeversammlung nur noch ein antiquarisches Interesse haben wird. Uebrigens wird es an wichtigeren und mehr der Gegenwart angehörigen Stoffen zu Anträgen und Beschlüssen nicht fehlen.
Fulda, 12. Mai. Auch hier, wie in verschiedenen anderen Diöccsen Deutschlands, ist heute eine kirchliche Feier wegen der glücklichen Wiederkehr Pins IX. nach Rom verkündigt worden. (O.P.A.Z.)
Berlin, 13. Mai. Gestern kam beim Schwurgericht der Proceß gegen den ehemaligen Referendarius Rasch wegen des Aufruhrs zur Verhandlung, der am Vormittage des 16. Juni 1848 bei Gelegenheit der Aushebung der Gitterthore im königlichen Schlosse vor deniselben Statt gehabt hat. Nach 9- stündiger Verhandlung sprachen die Geschwornen das Schuldig wegen Theilnahme am Aufruhr über den Angeklagten aus. Der Gerichtshof verurtheilte ibn zu dem Verluste der Natio
nalkokarde und 15 Monaten Fcstungsarrcst. Der Angeklagte ward sofort in Haft genommen.
Berlin, 14. Mai. Von den Verhandlungen des Für- stenkongresses verlautet, daß die Vertreter der drei Hansestädte einem Provisorium zugestimmt haben. Die freien Städte wollen jedoch weder einer von den Unionssürsten beabsichtigten gemeinschaftlichen Antwort an das österreichische Kabinet, hinsichts der Beschickung des Frankfurter Staatenkongresses, noch einem gleichfalls zu erlassenden Manifeste beitreten.
Berlin, 14. Mai. (Pr. St. A.) Gestern Abend haben Ihre Majestäten der König und die Königin Allerhöchst- ihre Durchlauchtigen Gäste im Opernhause empfangen. Kurz nach 7 Uhr war Vorstellung der komischen Oper „Martha" von v. Flotow, zu der außer den königlichen und prinzlichen Hofstaaten und der Begleitung der anwesenden deutschen Fürsten , das diplomatische Korps, die Generalität, die Minister Sr. Maj. des Königs und der deutschen Fürsten, die Stabs- officierc der berliner Garnison und eine Menge anderer ausgezeichneter Personen befohlen war. Außerdem waren unter die verschiedenen Truppcntbeile ter berliner Garnison Einlaßkarten vertheilt worden. Nach Beendigung der Vorstellung war Souper in dem großen Saal und den Foyers des Opernhauses, an dem die zur Vorstellung befohlenen Personen Theil nahmen.
Berlin, 14. Mai. Die gestrige Sitzung des Kongresses war, wie schon angckündigt worden, der Berathung über die einstweilige Einrichtung der Unionsregierung gewidmet. Es handelte sich zunächst um die Konstituirung des Fürstcnkolle- giums, welches bei der gegenwärtigen Ausdehnung der Union eine anderweitige Modifikation der Kurien erfordert, ohne daß die früher feftgestedten Normen derselben geändert werden. Seitens der preußischen Regierung wurden bestimmte Propositionen über die jetzt angemessene Verlheilung gemacht, welche die Zustimmung der übrigen Mitglieder fanden. Nächstdem war noch festzustellen, wie die Glieder der einzelnen Kurien sich unter einander zu einigen hätten, und es war dabei vor- gkschlagcn, daß für das Stimmverhâltniß die Norm aus der Anzahl von Abgeordneten entnommen werden sollte, welche jeder Staal in das Slaatenhauö sendet. Es wurde jedoch beschlossen, die genauere Festsetzung hierüber bis nach Bildung der Kurien selbst vorzubehalten. Was nun die Einsetzung von Reichsministern betrifft, so wurde zunächst geltend gemacht, daß die Aufgabe derselben im jetzigen Stadium der Union keine andere sein könne, als die Geltendmachung der Union im In- und Auslande und die Vorbereitung der Vorlagen für das künftige Parlament. Hierzu wird cs nun genügen, daß zwei Minister mit den Geschäften beauftragt seien, und es wurde zunächst vorgeschlagen, daß der preußische Minister der auswärtigen Angelegenheiten mit dem einen Theil der Aufgabe betraut, und außerdem noch ein Minister ernannt würde. " Nachdem mehrere andere Anträge gestellt und debat- tirt worden waren, einigte man sich dahin, der preußischen Krone die Ernennung der nöthigen Reichsminister zu überlassen. So weit gelangten gestern die Verhandlungen; heute dürfte über die von den Unionsstaaten anzunehmende Stellung in Bezug auf den frankfurter Kongreß berathen werden. Nach allen Anzeichen ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß der