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Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Dinstag, 14. Mai 1850. eAj? 223« Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt deigcgeben. Dir Morgen -AttsLabe wird von 7211 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kassel von 5 bis 7 Uhr expedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Lnckkardt'schen und Nollmantt'schen Buch - und Kunsthandlung. Der ?iboniiemcntsprcis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle kurhessischen Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Naum einer Petitzeile berechnet.

* Kaffel, 13. Mai.

Bekanntlich hat die kurhessische Regierung unter der Aegide des Ministerpräsidenten Hasscnpflug jetzt offen und ohne Scheu die Fahne des Bundestages aufgerirbtet. Während der Mei­ster selbst in Berlin manövrirt und dort sogar die Person des Landesfürsten in die verächtlichen Winkelzüge einer zu­gleich treubrüchigen und landesverderblichen Politik unmittel­bar bineinzieht, hält sein Geselle und Akoluth als kurhessischer Bundeslagsgesankter auf den ersten Ruf Oesterreichs seinen Einzug in die Eschenheimer Gasse. Was er dort soll, das mögen die Götter wissen; aber was es auch sein mag, entweder wird es auf einen neuen groben, in der Geschichte unerhörten Bruch feierlicher Verheißungen und jenes Friedens hinauslausen, welchen im Frühling 1848 dir Völker mit den Fürsten schlossen: oder es wird eine armselige ganz bedeutungs­lose "Komödie sein, an welcher sich betheiligt zu haben selbst den deutschen Legationsräthen siebenten Ranges zum ewigen Riviküle gereichen wird. Jedes Kind weiß und auch der Legalionsrath Alexander von Baumbach wird es begreifen, daß von allen jenen Bedingungen, welche zur Neugestaltung Deutschlands ganz unerläßlich sind, und von welchen nach Allem, was vorgegangen, kein Ehrenmann im deutschen Volke lassen wird und wäre er der allerkonservativste und bliebe ihm kein anderer Weg als der Weg der Nothwehr, daß von allen diesen Bedingungen Oesterreich nicht eine einzige erfüllen kann und will. Und wer es noch nicht weiß, der bat es aus den neuesten Eröffnungen erfahren. Den Bundes­tag aber noch für vorhanden und seine Wiedereinberufung sür zulässig zu erklären, ihn wirklich zu berufen, auf ihm wirklich zu erscheinen, das ist wohl der größte Hohn, die tiefste Schmach und die gröbste Beleidigung, welche bis jetzt in der Weltgeschichte von treulosen Regierern den betrogenen Völkern ins Gesicht geworfen ward. Wer sich an diesem Attentat gegen Recht, Freiheit und Ehre der Nation beteiligt, ter ist tausend Mal ärger als es die Hochvcrräthcr gemeinen Schla­ges sind und auf fein Haupt werden die unausbleiblichen, die verhängnißvollen Folgen so gewiß hernieder kommen, als es eine rächende Gerechtigkeit gibt.

Aber ist möglich, und Angesichts der gewittcrschwcrcn Zukunft ist cs sogar wahrscheinlich, daß nicht alle Fürstendie­ner so kurzsichtig sein werden, es dabin kommen zu lassen, wohin die in ihrer Gier unbegreiflich verblendeten Gelüste drängen. Jene kalte, berechnete, unbefangene Diplomatie des nordischen Despotismus schaut mit Besorgniß und mitleidigem Staunen diesem kindischen Beginnen ihrer kleinen Kollegen in Deutschland zu. Selbst diese principiell dem deutschen Bun­desstaate entgkgenstkhende Beherrscherin des Kontinents kann sich der Nothwendigkeit der Dinge nicht entziehen, selbst sie muß dem Wahnsinn einer Bundestagsberufuug entgegentreten und, in der richtigen Erkenntniß der sonst unausbleiblichen, unberechnenbaren Katastrophen nimmt sie, wenn auch mit tie­fem Widerstreben, dennoch den parlamentarischen, den einheit­lichen deutschen Bundesstaat, als das kleinere Uebel bin.

Ja, es kann nicht anders kommen, denn sonst müßte man am menschlichen Verstände verzweifeln. das frankfurter Unter­nehmen muß zur Farce werden, Preußen und die Mehrheit der deutschen Fürsten können nicht so ganz selbstmörderisch ver­fahren und sich selbst den offenen Ruin bereiten.

Bei dieser österreichischen Farce aber sich durch den Herrn Alex. v. Baumbach beteiligt zu haben, während der Landes­fürst in Berlin unter den preußischen Verbündeten den Vorsitz führte, dieses lächerliche Andenken wird außer vielem Schmerz­lichen Kurhessen bei dieser Gelegenheit in der Geschichte davontragen.

Das brave Hessenvolk, welches in der politischen Geschichte durch Tapferkeit und Treue sich einen guten Namen gemacht hat, ist dafür von dem ungerechten Schicksal verurtheilt wor­den, durch das Treiben feiner Höflinge und Diplomaten desto ärger verkürzt und gedemüthigt zu werden. Mil den größten Ansprüchen einer ruhmvollen Vergangenheit ausgestattet, ist es durch das Betragen feiner Lenker mehr und mehr zusammen- geschmolzen, zuletzt nur noch durch Zufall vor dem Verschwin­den gerettet worden , und empfängt jetzt durch einen im frem­den Interesse agirenden Abenteurer seinen Gnadenstoß.

Aber nicht genug; auf diese Weise schmachvoll nnterzu- geben, Kurhessen muß sich auch noch zu guterletzt mit dem Fluch der Lächerlichkeit beladen lassen. Oder kann es eine lächerlichere und für Kurhessen dcmüthigenderc Scene geben, als wie sie in Berlin in der Versammlung der deutschen Mi­nister auf unsere Kosten aufgeführt worden ist? Mit großem Geräusche erscheint da der kurhessische Minister in der Ver­sammlung, die er a/4 Stunden auf seine Ankunft warten läßt, weil er zuv o r m 11 vein österreichischen Gesand­ten zu thun hat, und erklärt, die Versammlung konvenire ihm nicht, er hätte gewünscht, nur verantwortliche Minister, keine sonstigen Bevollmächtigten daselbst zu erblicken. Er muß sich von dem gutmüthigen Grafen von Brandenburg die ehr­liche, aber immerhin noch schonende Bemerkung sagen lassen: in Anderen seien andere Wünsche rege geworden, man möge diese Wünsche lieber übergeben. Wer denkt hierbei nicht an den so nahe liegenden Wunsch der Versammelten, daß sich ein wegen Fälschung processirter, vom Kriminalgericht so eben noch mit Verhaftung bedrohter Angeklagter besser nicht in einer solchen Versammlung mit einer solchen anspruchsvollen Dreistigkeit gerire? Und was mögen die Herren wohl gedacht haben, welches un­ermeßliche Gelächter wird durch Berlin, und durch Deutschland ge­gangen sein, als Hr. Hassenpflug angefangen hat, von seiner V e r- antwortlichkeit zu reden, und wie er nur mitv erant- w örtlichen" Ministern verkehren wolle. Gerechter Gott! dieser Mann hält sich für verantwortlich! der Mann, welcher der moralischen Verantwortlichkeit ins Gesicht ge­schlagen, und den einstimmigen Beschlüssen des Landes kalte Nichtachtung entgegen gesetzt hat; der Mann, welcher sich der gerichtlichen Verantwortlichkeit noch dazu wegen eines gemeinen Vergehens entzogen hat, um den kurhessischen Ju­risten das Räthsel eines wegen Fälschung im deutschen Nach- barftaate unverantwortlichen Justizininisters aufzugcben; dieser Mann rühmt sich und steift sich auf seine Verantwortlichkeit! Wem ist denn Hr. Hassenpflug seiner Meinung nach eigentlich verantwoNlich, dem Lande, den Ständen, der öffentlichen Meinung, oder den Herren Stahl und Gerlach, oder dem österreichischen Gesandten?

Man siebt, es fehlt dem knrhessischen Drama nicht an tragisch-komischen Effekten; wir sind auf seine weitere schmerz­liche Entwickelung gespannt.