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Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Sonnabend, 11. Mai 1850 M,^ ^JLO. »Ibcnb =£Eingabe.

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Auf die Neue Hessische Zeitung kann für die Monate Mai und Juni mit 20 Sgr. abonnirt werden und wolle man hier­auf gerichtete Bestellungen baldigst bewirken.

* Die Expedition der Neuen Hessischen Zeitung.

Der Fürstenkongresi zu Berlin und der Bun­destag zu Frankfurt.

I.

Die deutsche Geschichte ist gegenwärtig an einem Punkte oder vielmehr an zwei Punkten angekommen, welche für die politische Lage der teutschen Staaten und Völker sehr bezeich­nend sind. Die beiden Großmächte, welche sich seit mehr als hundert Jahren um Deutschland streiten, Oesterreich und Preußen, batten ihren Streit durch die Vermittlung der s. g. heiligen Allianz dreißig Jahre lang in einer künstlichen Verbindung ruben lassen; zum eignen Schaden, denn ein Jedes ist ka- turch in seinem von Natur und Geschichte vorgczeichnctcn Gange gehemmt worden; zum Schaden der jugendlich auf­strebenden deutschen Nation, denn diese war als ruhendes Streitobjekt zum politischen Tode verurtheilt, aber zum Nutzen der fremden Großmächte, welche sich in der Zeit ruhig in die Welt theilen und im ausschließlichen Besitz der großen Politik befestigen konnten. Der dadurch hcrbeigefübrte Zustand war zuletzt für Oesterreich, Preußen und Deutschland so heillos, so mienräglich und unhaltbar geworden, daß es im Jahre 1848 nur eines äußeren Anstoßes bedurft hat, um alle drei, Oesterreich , Preußen und Deutschland, über den Haufen zu werfen.

Bei dieser Gelegenheit sonderten sich sogleich und zwar von dem ersten Augenblick der Revolution bis auf diese Stunde, zwei Entwickelungen in getrennten Bahnen von einander ab. Oesterreich ging, wie sich das freilich aus sehr natür­lichen Ursachen ganz von selbst verstand, seinen eigenen kon- strtuirrnten Weg. Oesterreich war durch den Bundestag wohl in der innern und äußern Politik aufgehalten worden; aber es hatte die Bedürfnisse seiner großentheilö noch ganz rohen Völker doch im Ganzen schon eher zu befriedigen vermocht und das Be­wußtsein einer Großmacht, ein specifisch österreichischer, sogar ein habsburgischer Patriotismus war ihm geblieben. Wer die Geschichte der österreichischen Revolution nur einigermaßen kennt, der weiß es, daß der österreichische Reichstag und die auf neuen Grundlagen zu errichtende österreichische Monarchie von Anfang an das Ziel und der Mittelpunkt der österreichi­schen Bewegung war. Die Wahlen nach Deutschland wurden durchaus als Nebensache betrachtet, und wo man sie überhaupt betrieb, wo man sich, wie cs die wiener Studenten thaten, für deutsche Angelegenheit interessirte, da geschah es aus einer gewissen schwärmerischen Liebenswürdigkeit gegen Deutschland, aber nicht aus dem tiefen Drange innerer Noth.

Ganz anders in Deutschland. Der Bundestag hatte ganz vorzugsweise die deutschen Verhältnisse dergestalt vergiftet und ansgehölt, er hatte auch Preußen so sehr von seiner Bestimmung abgezogen und alles Leben und Streben in Deutschland und Preußen so sehr gegen den StaatSzustand als solchen gekehrt, daß Deutschland und Preußen vollständig in sich znsammengebrochcn und die Throne verloren gewesen waren ohne rettende Dazwischenkunft der deutschen Einheits- icee. Dieser Idee haben die deutschen Throne ihr Fortbe­stehen zu danken. Das deutsche Parlament war das Zauber­wort, vor welchem sich die Sturmfluth der Revolution beru­

higte. Sie blieb vor den Thronen stehen und die Revolu­tionärs wurden monarchisch. Denn die Monarchen verpflich­teten sich ihrer Skits, in Deutschland aufgehen und dem deut­schen Parlamente die Gestaltung der deutschen Verfassung an- heimstellkn zu wollen. In diesem Sinne wurden allenthalben die Wahlen ausgeschrieben, in diesem Sinne erklärte die Bun­desversammlung am 7. April 1848,durchdrungen von der Ueberzeugung, daß die freie Zustimmung des deutschen Volkes wesentlich erforderlich sei",als den einzig zulässigen Weg, daß der von der Bundesversammlung und ihrem Bciratb ausge­arbeitete Entwurf einer neuen Bundesverfassung (in den ©Hinflügen mit der deutschen Unionsverfassung ganz übereinstim­mend) einer aus allen Bundesstaaten gewählten konstituirenden Volksversammlung jur Annahme vorgelegt werde."

In solchem Sinne erklärte auch Preußens König sich an die Spitze der deutschen Bewegung stellen zu wollen, während sein Minister Heinrich V. Arnim dieses Wort durch Thaten besiegelte.

In diesem Sinne löste sich endlich am 12. Juli die Bundesversammlung unter dem österreichischen Präsidium ein­stimmig und in aller Förmlichkeit auf und alle Fürsten beeil­ten sich, dem von der Nationalversammlung gewählten konsti­tutionellen Reichörcgknten zu huldigen.

Die deutsche Nation hatte mit ihren Fürsten Friede ge­macht, sie hatten einen gegenseitigen Pakt geschlossen, bei wel­chem beide Theile gut zu fahren hofften. Die Fürsten wur­den mit alter Treue und frischer Begeisterung im verwirkten Besitzstand ihrer wankenden Throne befestigt und die Nation glaubte dagegen durch die Unterwerfung der Fürsten unter eine höhere, eine deutsche Macht den kürzesten Weg zur Er­langung eines freien und einigen deutschen Reiches gefunden zu haben.

Das deutsche Reich, welches verheißen ward, und das Organ, das es schaffen sollte, war für Fürsten und Völ­ker eine Lebensfrage geworden. Die deutsche Nationalver­sammlung war der einzige Anker und die deutsche Verfassung der einzige leuchtende Hoffnungsstern für alle Interessen, selbst für die konservativsten, und auch für diejenigen Männer, welche jetzt längst wieder in reaktionärem Uebcrmutbe alles das verneinen, was sie damals für unumstößlich erklären.

Das war die erste Periode der deutschen Bewegung. In die­ser Periode ist der Bundestag, beladen mit dem Fluche der Geschichte, erdrückt von dem Hasse und der Verachtung der Nation, unter dem allgemeinsten und ungeteiltesten Bcifalle, ohne irgend eenen Widerspruch, in aller Förmlichkeit und Feier- faktisch und rechtlich aus der Welt geschieden. Und gerade dieses Moment ist das einzige, an welchem auch Oesterreich einen vollen und herzlichen Antheil genommen, bei welchem es vollständig und entschieden mitgcwirkt hat.

Im Uebrigen mußte cs seinen eigenen fern liegenden Weg gehen und hatte auf Diesen Wege so viel zu thun und so schwere Kämpfe zu bestehen, daß cs nur mit nachbarlicher Theilnahme den deutschen Angelegenheiten zuschauen, aber nicht daran Mitwirken, nicht einmal seinen früheren Bundespflichtcn nachkommen konnte. (Forts, folgt.)