Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Montag, 6. Mai I&50. ./^ 2lO- Morgen - Ausgabe.
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ckDie neue Organisation der inneren Landesver- waltung.
S c ch st e r Artikel.
Die Ober-Behörden.
Der „Volksfreund" macht es der neuen Verwaltungsorga- nisation besonders zum Vorwürfe, daß sie zu viele und unnö- thige Behörden geschaffen habe. Er fragt:
1) warum anstatt der früheren vier Regierungen jetzt neun Regierungen errichtet worden seien; (er muß nämlich um für den an den Haaren hcrbeigezogencn Gegensatz den beabsichtigten Effekt zu erhaschen, die Bezirksbehörden Regierungen taufen, — ungern genug, denn er glaubt ihnen gewiß mit Beilegung dieses Namens eigentlich zu viele Ehre zu erweisen, — und unwahr genug, da die Bezirksbehörden etwas ganz Anderes sind, als die Negierungen;)
2) warum, wenn denn doch organisirt werden sollte, nicht die Errichtung einer einzigen Landesregierung vorgezogen worden sei; (zu der er in Nr. 26, um achtzehn Monate zu spät, einen Aufriß auf Sand gezimmert bat.)
Diese beiden Fragen bedürfen nicht sowohl der Beantwortung als der einfachen Berichligung. Sie lauten dann:
1) warum neun Bezirksbehörden anstatt vier Regierungen, einer Regierungödeputation, sechs Polizeivircklionen, einer Oberbaudirektion, einem leitenden Ausschuß des Landwirlh- schaftsverereins und einem leitenden Ausschuß des Handelsund Gewerbsvereins? (Daß bei weiterer Ausbildung die Be- zirksbehördtn auch den verwaltenden Theil der Funktionen des Obermedicinalkollegiums und des Centralvorsteheramtes der Handwerksschulen besorgen und dem Ministerium die unmittelbare Aufsicht auf verschiedene Anstalten und Stiftungen ab- nehmen können, sei hier noch angedcutct.)
2) warum neun Bezirksbehörden im Lande anstatt sieben Regierungssektionen in Kassel? (denn in soviele Sektionen soll die Landesregierung des „Volksfreundes" zerfallen.)
Unter Hinweisung auf Nr. 156 dieser Blätter, wo die Landesregierung des „Volksfreundes" in ihrer Blöße gezeigt worden ist, sei hier weiter angeführt, daß neun Bezirksbehör- ken gebildet worden sind, weil der Kurstaat geographisch und historisch in neun Bezirke zerfällt; weil sie mit Ausnahme der durch die geographische Lage Schmalkaldens bedingten Abweichung, an die uralte Strombezirkseintheilung sich anschließen, und damit auch dem landständischen Wahhysteme entsprechen; weil der Kreis einer jeden volksthümlichen Verwaltung (dieses Wort nicht in seiner märzrevolutionären, sondern in seiner tiefbegrünbeten und darum auch wahrhaft konservativen Bedeutung genommen), also einer jeden Verwaltung, welche in die Interessen der Verwalteten wirklich eindringen, ihrer lebendig bewußt werden und sie zur Anerkennung und Ausbildung bringen will, ein möglichst gleichartiges Gebiet und eine von gleichen Interessen getragene Bevölkerung umfassen muß, weil endlich bei dem so überaus zahlreichen Personal und den so ausgedehnten Interessen der inneren Verwaltung, die Stellung der Oberbehörde so bemessen werden muß, daß sie jenes Personal nicht bloß auf dem Papier, sondern im Leben beaufsichtigen und leiten, und daß sie von jenen Interessen eine klare Anschauung gewinnen kann.
Das Svstem der Fachtrennung bei den Oberbehörden (wel
ches der „Volksfreund" empfiehlt) ist bei der neuen Organisation deßwegen nicht gewählt worden, weil es für den Staat und seine Angehörigen in der Ausführung dadurch mit den größten Nachtheilen verbunden ist, daß durch die Wirksamkeit vieler für denselben Umfang bestimmter und auf gleicher Stufe neben einander stehender Verwaltungsbehörden Verzögerungen, Weitläufigkeiten und Widersprüche aller Art in den Geschäften erzeugt werden, unter denen die Würde und das Ansehen der Behörden geschwächt und die Verwalteten unnöthig geplagt und ermüdet werken, ferner weil die Trennung nach Fächern weit leichter zum Einseitigen führt, als zum Vollendeten, endlich weil es in der Verwaltung vor allen Dingen auf den Gesammteffekt des vereinigten Wirkens der einzelnen Theile, auf deren lebendiges Jneinandergreifen und gleichmäßiges Verwärtsgchkn antommt. Ob eine Verwaltungseinrichtung probchaltig ist, zeigt sich zuerst und hauptsächlich in ihrem Wirken auf die Gemeinde, auf dieses wichtigste Glied im Staatsorganismus, von dessen Wohl und Gedeihen alles Andere abhängt, dessen Beamte in nächster Instanz die Ausführung von Gesetzen und Verordnungen zu überwachen haben, und welches die Mittel zu den wichtigsten Einrichtungen, namentlich zu Schule und Polizei unmittelbar liefern muß. Darum muß die Behörde, welche die obere Leitung der Staatsverwaltung zu besorgen hat, die Kräfte und Interessen der Gemeinden genau kennen und abwägen, und nie vergessen, daß auch bei jeder Fachangelegenheit die Frage die erste ist, wie deren Betreibung auf den Gcmcindeorganismus wirken wird. Wenn aber, wie es in manchen Ländern vorkommt und auch theilweise in Kurhessen vorgckommen ist, die Anforderungen an die Gemeinde beispielsweise so sich stellen, daß die Schulbehörde den Gehalt des Lehrers gesteigert haben will, während die Polizei eine Vervollkommnung der polizeilichen Anstalten fordert, daß die Medicinalbehörde ein Hospital, die Baubehörde eine neue Brücke bauen will, während die Forstbehörde Waldkulturen machen und die Landwirthschaflsbehörde eine Baumschule anlegen will, woncbcn die Gewerbsbehörde eine Hankwerksschule nöthig findet, wenn dann in seltsamen Mißklauge mit Allem dem die Gemeinvenaufsichtsbehörve auf Ersparnisse im Haushalte dringt, und der Erhebung von Umlagen Hindernisse in den Weg legt, dann ist man auf dem Wege, der die Staatsbehörden Anfangs verhaßt macht und endlich ohnmächtig und lächerlich erscheinen läßt.
Daß das Land bei der Organisation von 1848 vor einer solchen Verwaltung bewahrt worden ist, dessen kann es sich freuen.
Deutschland.
Kaffel, 5. Mai. Die Nr. 4 der Gesetzsammlung enthält das AuSschreiben des Ministeriums des Innern vom 3. d. M., wodurch die am 15. März d. I. vertagte Stände- Versammlung auf den fünfzehnten dieses Monates wieder einberufen wird.
+ Kaffel, 5. Mai. Heute hat Sc. königl. Hoheit der Prinz von Preußen auf der Reise nach Erfurt Guntershausen (die zwei Meilen von Kassel entfernte Verbindungsstation der Staatsbahn mit der Nordbahn) passirt. Se. königl. Hoheit der Kurfürst wird dem Vernehmen nach übermorgen und zwar,