Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Sonnabend, 4. Mai 1850. . V 208. Abend - Ausgabe.
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Deutschland.
^Kassel, 3. Mai. (Die Erfurter Nachfeier aufWilhelmö- höbc. Schluß.) Wie Konrad Dyrhn unserem Volke, den Ruhm deutscher Tapferkeit, Ludwig Häusser die Ehre der deutschen Treue, so zollte uns Gabr. Riesser in einer dritten Rede — und man könnte das Ganze in mehr als einem Betracht eine Trilogie nennen — den Preis der Humanität. Der berühmte ‘ Vorkämpfer der Judenemancipation erinnerte daran, daß in Kurhessen die Humanität ihren ersten Sieg über Vorurtheil erfochten, daß man hier die Israeliten zuerst als Menschen und Bürger anerkannt habe. Es war ergreifend, als der herrliche Mann in seiner bescheidenen und doch so jugendlich bewegten Weise für sich das Recht und die Pflicht in Anspruch nahm, gerade diese Saite anzuschlagen. Wäre er auch nicht als Anwalt des unterdrückten Stammes seit Jahren berufen und legitimirt, man würde doch gerade ihn dafür halten. Es ist etwas Maurcrisches in dieser Persönlichkeit, das ihn auf den ersten Blick zu einem Priester des Menschlichen stempelt. Auch Riesser hofft von dem Freiheitssinn und der konstitutionellen Haltung der Kurhessen viel für Deutschlands nächste und fer# nere Zukunft. Dr. Pfaff sprach den Dank des Hesscnvolkcs aus für die hohe Anerkennung, welche ihm soeben von solchen Männern zu Theil geworden. Er sprach auch die gewisse Zuversicht aus, daß dieses Volk auch jetzt den Kampf der Treue gegen die Untreue, der Humanität gegen finsteres Vorurtheil, der verfassungsmäßigen Freiheit gegen Willkür rühmlichst bestehen werde. In diesem Gefühle aber sei man den verehrten Männern aus Erfurt noch zu besonderem Danke verpflichtet, daß sie unserem Kreise ihre Stunde der Erholung gewidmet haben. Gerade jetzt thue cs uns so noth, einmal den Führern Ange in Auge ins Angesicht zu schauen, an ihrem ungebeugten Muthe , an ihrem frischen unverzagten Sinne sich auszurichten und für die Kämpfe der Zukunft neue Kraft zu sammeln. Solche Führer und Freunde zu besitzen, in denen der große Gedanke der Zeit und die Gewißheit einer schöneren Zukunft lebendig und verkörpert vor uns stehen, das sei auch eine Errungenschaft der letzten mühevollen Jahre, das sei auch eine Frucht der Erfurter Arbeit. Wäre auch nichts sonst daraus hervorgegangen, dieses Pfund sei uns gewiß, cs werde wuchern und wir würden noch Alles, auch ein freies und großes Vaterland damit gewinnen.
Staatsrath Wippermann hob die große Bedeutung Kurhessens für die Verbindung des Nordens mit dem Süden hervor und brachte der dauernden Verbindung beider, einem nicht blos freien und einigen, sondern auch großen Deutschland ein Hoch. An diesen Gedanken knüpfte Pfarrer Ebert eine Betrachtung über den naturgemäßen, in der Geschichte und Nothwendigkeit der Dinge begründeten Gang an / wie sich diese Einheit bilden werde und müsse. Das sei die mächtige Anziehungskraft jenes großen Staates, der die Idee des deutschen Staates im Sinne der Zeit dargcsteUt und verkörpert, von welchem die Wiedergeburt Deutschlands aus- gegangcn, und welcher die deutschen Völker so gewiß an sich ziehen werde, als es ein Gesetz der Schwere und der Anziehungskraft gebe, über welches keiner hinaus könne. Er brachte Preußen, dem deutschen Preußen, ein Hoch. Staatsrath Eberhard gedachte in dankender Weise der anwesenden Männer, welche in Franksurt wie in Erfurt für das
deutsche VersassungSwerk gearbeitet; Abg. Hofmann aus Friedberg brachte dem edeisten Deutschen, Hrn. Heinr. v. Ga- gern, unter rauschendem Beifall ein Hoch, und Grodd eck aus Danzig dem werthen Vicepräsidcnten des Erfurter Parlaments, der hier anwesend sei, Hrn. v. Schenk zu Schweinsberg. Auch Pidcrft aus Detmold sprach herzliche Worte über die innige Vereinigung der deutschen Bruderstämme. Großen Anklang fanden die feurigen Worte des Herrn Aegidi, welcher von den schleswig-holsteinischen Brüdern sprach. In überströmender Begeisterung prieß er die Tugenden und beklagte die Leiden jenes herrlichen, mit dem nahen Untergange bedrohten Volkes, der Perle in der Reichskrone, dem Schlußringe in der Diamantenkette deutscher Völker. Ich bewundere, sagte er, die besonnene Freiheitsliebe und die ruhige Kraft der Kurhessen, aber das lassen Sic mich offen aussprechen, ein Volk steht höher noch, und unerreichbar möchte man cs nennen, das sind die verblutenden Schleswig-Holsteiner. Der Redner schilderte die verzweifelte Lage dieses Volkes, die es doch auch um Deutschlands willen erleide. Aber er hoffe von deutscher Ehre, daß der erste Russe, welcher jetzt den deutschen Boden in Schleswig betritt, das Zeichen sein werde für die deutschen Schwerter, aus der Scheide zu fahren und das Wort zu lösen, welches von der Nation 1848 verpfändet worden, daß auf den Schlachtfeldern von Schleswig-Holstein das deutsche Reich entstehen und die Krone, welche jetzt am Himmel schwebe, auf den deutschen Kaiser sich herniedersenken werde.
Zum Schlüsse habe ich mir die beiden humoristischen Tischreden aufgespart, welche, ob sie auch im Gewände der Tischrede auftraten, doch in der heiteren Form einen ernsten Inhalt umfaßten. Hr. v. Soiron sprach von der Verzweiflung, von der ganz verzweifelten Verzweiflung des Philisters, welcher sage: Allrs ist nichts, und dabei gar nicht sehe, daß diese Verzweiflung doch eben gar nichts sei. Auch die Alten hatten eine Verzweiflung, eine großartige Verzweiflung, doch das war eine Verzweiflung der Leidenschaft. Aber die Verzweiflung ohne Leidenschaft, die kannten die Alten nicht, die blieb unseren Philistern Vorbehalten. Hier ging der Redner mit einer glücklichen Wendung auf Diejenigen über, welche nie verzweifeln aus langer Weile, sondern nur aus Leidenschaft; — auf die Frauen. Den anwesenden Damen brachte hierauf Hr. v. Soiron ein Hoch aus.
Auf die Höhe der Stimmung gelangte aber Graf Dyrhn und riß die Versammlung elektrisch mit sich fort. Er knüpfte an die preußische Anziehungskraft an, welche sich, wenn sie nach dem Gesetz der Schwere und nach der Masse sich bestimme, allerdings hier in ihm, dem Repräsentanten Preußens, ihrer großen Wirkung nicht verfehlen könne. Es ist unmöglich, dem sprudelnden Flusse dieser reichen Laune zu folgen, welche mit leichtem Schwünge sich der gewichtigen Gestalt entwindet. „Lassen Sie uns auf die Sonne Deutschlands hoffen, welche im blutigen Morgenroth der schlachten ausgegangen, dinch neidische Dünste und Nebel verhüllt, sich in allzugroßer Bescheidenheit in Wolken hüllt und sich immer noch unseren Blicken entzieht. Aber es hilft ihr nichts, sie wird und muß herauètrclen. ---Heute vor 37 Jahren mußten die deutschen Waffen den Rückzug antreten, aber es war das Zeichen zum Siege. Bei dieser Gelegenheit, fuhr der Redner fort, fällt mir eine Geschichte ein, die mir mit einem Oesterreicher pas-