Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Donnerstag, 25. April lö50. eA^ 192» Morgen - Ausgabe.
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Deutschland.
Hanau, 19. April. Proceß Auerswald-Lich- nowsky. Morgens 9 Uhr. Nach Eröffnung der Sitzung theilt der Staatsprokurator mit, daß Advokat Faust krank sei, und beantragt dessen Vernehmung in dessen Wohnung und wünscht die Frage an die neuvorgeschlagenen Zeugen Golde, Koch und Prior zu richten, ob sie den seitherigen Verhandlungen beigewohnt. — Der Zeuge Schwab, vorgerufen, erklärt: es sei ihm die Zumuthung gemacht worden, sein früheres Protokoll zu widerrufen, und zwar von einem Manne, den er nicht kenne. Er sei deßhalb zu dem Advokaten Faust gegangen, um sich Raths zu erholen. Auch in Hanau sei er in ras Kochsehe Wirthshaus und kann zu dem Eisenhändler Wilhelm Koch bestellt worden; aber er habe da nichts gesprochen, am wenigsten, daß er vor Gericht falsch ausgesagt hätte. Zwischen Bornheim und Frankfurt, erzählt Schwab, bin ich vor einigen Tagen von mehreren Personen, welche zu mir kamen, mit dem Tove deßhalb bedroht worden , weil ich bei dem Schwurgericht gegen die Angeklagten ausgesagt hatte. Der Sohn des Wirthes Emmel, ein Metzger zu Bergen, hat mir am Donnerstag vor acht Tagen gesagt, ich solle zum Eisenhändler Koch gehen, da würde ich Leges, da würde ich die Weisung bekommen, wie ich aussagen solle. Ich bin auch zu dem Eisenhändler Koch gegangen, wo noch zwei andere Herren waren, und da wurde mir gesagt, ich solle nur die Wahrheit sagen. Gestern vor acht Tagen bin ich zu Bergen in das Rößel'sche Wirthshaus zu einem Hanauer gerufen worden, um ein Paar Stiefel anzumessen. Als ich zum zweiten Mal gerufen wurde, ging ich hin, und da traf ich zwei Herren, die mich aufforderten, meine getane Aussage zurückzunehmen. Einer ter beiden Herren war derselbe, welcher zuerst bei mir gewesen ist; er trug einen Bart und dunklen Oberrock. — Schwab wurde in ein besonderes Zimmer gewiesen.—Hierauf trat der Bürgermeister Becker von Bergen vor und erklärte auf Befragen: Der Zeuge Schwab ist ein durchaus ordentlicher Mann und ich kann nichts sagen, was ein übles Licht auf ihn werfen konnte. Gestern hat Schwab mir gesagt, er wäre ersucht worden, in einige Gasthäuser zu kommen, und bei Seckbach wäre er aufgezogen worden, er solle in dieser Sache nicht zu viel sprechen. Ich schenke seinen Worten Vertrauen und halte ihn nicht für fähig, die Unwahrheit zu sagen. — Eisenhändler Wilhelm Koch von Hanau wird vorgerufen und erklärt auf Vorhalt: Am verwichenen Montag war der Zeuge Schwab nach 83/t Uhr bei mir und zwar aus der Veranlassung, daß der Vertheidiger Pflüger, welcher bei mir wohnt, mich vorher ersucht hatte, über den Zeugen Schwab mich zu erkundigen. Dieß that ich auch in der Weise, daß ich bei einem jungen Manne (Emmel von Bergen) mich nach den Verhältnissen Schwabs erkundigte. Was ich hier erfahren, theilte ich dem Hrn. Pflüger mit und einige Tage darauf erhielt ich von Bergen einen anonymen Brief, worin mir gesagt wurde, ich möge doch keine Leute nach Hanau bestellen, Schwab würde vor seiner Vernehmung selbst zu mir kommen. Ich bat meine Nachbarn Golde und Prior, bei der Unterredung mit Schwab zu sein, damit diese Unterredung nicht etwa für mich nachtheilig ausgelegt werden könne. Schwab ist auch wirklich zu mir gekommen und hat mir unter Anderm erzählt, daß er
in seinen Verhören beim Amte zu Bockenheim von Morgens bis Abends hätte stehen müssen, und mit Arrest bedroht worden sei, wenn er nicht die Wahrheit sage. Hr. Pflüger hat mich mehrmals ausgefordert, um den Zeugen Schwab mich zu bekümmern. Ich wußte damals, als Schwab zu mir kam, noch nicht, welches Zeugniß derselbe abgelegt hatte. Meine Unterredung mit Schwab habe ich dem Inhalte nach dem Hrn. Pflüger mitgetheilt. Dem Schwab habe ich geantwortet, er möge vorsichtig sein in seinen Aussagen, damit er sein Gewissen nicht belaste, und Schwab hat mir erwidert, daß er die Wahrheit gesagt habe und die Wahrheit sagen werde. — Hr. Pflüger bat, den ic. Koch zu fragen, in welcher Richtung nach Schwab sich zu erkundigen er ihn gebeten habe. „Was Schwab für ein Mann sei", sagt Koch. Daß Leute von hier in Bergen waren, um mit Schwab über die Sache zu sprechen, weiß ich. Hr. Pflüger ersuchte mich um die Adresse jenes jungen Mannes, bei dem ich Erkundigungen eingezogen, und ich gab sie ihm sammt jenem anonymen Briefe. Die Personen, welche in Bergen waren, sind der Lehrer Hausmann, Schlosser Vogt und G. Unna. (Außerordentliche Sensation im ganzen Saale.) — Der Stantsprokurator fordert Hrn. Pflüger auf, den fraglichen Brief vorzulegen, und die Prokuratoren Cöster, Löbenstern und Michael schließen sich dem an. Prokurator Braubach aber geht weiter, indem er bemerkt, daß die Ehre der Vertheidigung den Antrag rechtfertige, den Hrn. Pflüger zu zwingen, sofort den anonymen Brief vorzu- legen. Aber Hr. Pflüger erwidert, daß er Hrn. W. Koch das Ehrenwort gegeben habe, den Brief nicht vorzulegen. — Das Gericht erklärt hierauf die Vernehmung der beiden Zeugen Golde und Prior für unerheblich und entläßt sie. Zeuge Schwab und Koch traten alsdann vor und stimmen beide in ihren Aussagen bezüglich ihrer in Rede stehenden Unterredung überein, worauf sie entlassen werden. In Folge dieser Aussage verzichtet der Staatsprokurator auf die Vernehmung des Advokaten Faust. — Es wird nun der Zeuge Ludwig Rein vorgefordert, und versichert derselbe nochmals, daß er nicht wisse, ob er bei dem Jnstruktionsrichter Hünersdorf seine frühere Aussage wiederholt und dem Angeklagten in das Gesicht gesagt. Auf die Frage: ob ihm irgend eine Zumuthung gemacht worden, sein Zeugniß abzuändern, antwortet Rein nach langem Zögern: „ich kann mich nicht besinnen, ob ein solcher Antrag gemacht worden ist oder nicht." — Der Jnstruktionsrichter Hünersdorf, hierauf vorgcru- sen, versichert, daß Rein bei seiner Konfrontation mit Ludwig mit vollem Bewußtsein und mit großer Bestimmtheit seine frühere Aussage dem Ludwig in das Gesicht gesagt, und überhaupt diese frühere Aussage als wahr wiederholt habe. Das Benehmen des Rein hat aus mich den Eindruck der Wahrheit gemacht. Zwischen dem jetzigen Benehmen des Rein und dem bei jener Konfrontation ist ein großer Unterschied; das jetzige macht auf mich den Eindruck, daß Rein dermalen die Wahrheit nicht sagen will. Auf die wiederholte Frage des Präsidenten, ob Rein nicht verleitet sei, seine frühere Aussage abzuändern, antwortet dieser nach einigem Besinnen: ich erinnere mich nicht. — Der Präsident verliest nunmehr das über den verhafteten Zeugen Weber abgegebene gcrichtsärzt- liche Gutachten, wonach Weber als vollkommen geistig und