Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Montag, 21. April ld50 ^^ iS Go Morgen - Ausgabe.
Diese Bcitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und «Lonnabeude täglich zwei Vtal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt bcigcacben. Die Morgen-Ausgabe wird von 7,11 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kassel von 5 bis 7 Uhr erpedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur' Abends, «Sonntage nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Luckhardt'schen und Dollmann'schcn Buck- und Kunsthandlung. Der Äbonncmcntspreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle turhessischen Postämter daS Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Naum einer Pctitzcilc berechnet.
Deutschland.
C Erfurt. 13. Sitzung dcS Volkshauses (vom 17. April). Eröffnung 10’/4 Ubr. Präsident Simson. Die Schiffseigner in Beeskow petitioniren um Negulirung des Verhältnisses der Flußschifffahrt zu den Eisenbahnen. Die Angelegenheit liegt außerhalb des Mandats der Versammlung; deßhalb Tagesordnung. Nach Erledigung einiger Wahlprü- fungen wird die Diskussion der Grundrechte bei §. 144 wieder ausgenommen. Der §. garantirt die Freiheit des religiösen Bekenntnisses; sein 2. Satz wird amendirl: den „bürgerlichen" und „staatsbürgerlichen" Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch thun. §. 145 ertheilt den ReligionsgescÜschaften Autonomie; es besteht ferner keine Staatskirche; neue Reli- gionsgesellschaften bedürfen keiner Anerkennung ihres Bekenntnisses durch den Staat. — Wantrup und Genossen beantragen 1) die Eingangsworte des §. zu fassen: „Die römisch- katholische und die evangelische Kirche, so wie andere" Reli- gionsgesellschaften ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selbstständig u. s. w.; 2) Alin. 2 (keine Staalskirche) zu streichen; 3) Alin. 3 (neue ReligionsgescÜschaften dürfen sich bilden, einer Anerkennung ihres Bekenntnisses durch den Staat bedarf es nicht) zu streichen, v. Viebahn und Genossen beantragen als besondern §. den Zusatz: Die christliche Religion wird bei denjenigen Einrichtungen des Staates, welche mit der Religionsübung im Zusammenhänge stehen, unbeschadet der in §. 142 und 143 gewährleisteten Religionsfreiheit, zum Grunde gelegt. Abg. Wantrup: Der Partei, welcher ich angehöre, liegen allerdings andere Ansichten zum Grunde, als (auf die Linke deutend) jener, aber man hat Unrecht, die beiden achtbaren Männer, die an ihrer Spitze stehen, mit so schwarzen Farben zu malen, wie man pflegt. Es ist gestern von einem Mitgliede der Linken dieses Hauses (vom Abg. Plathncr) gesagt worden, daß man das Christenthum, das wir wollen, nicht kenne. Wir, meine Herren, kennen nur ein Christenthum, gegründet auf Glauben und auf die symbolischen Bücher. (Bravo rechts.) Wir können uns von dieser Ansicht nicht trennen, trotz des Hagelwetters Ihrer Gründe, Ihrer Phrasen, trotz der nüchternen Verständigkeit Ihres Referenten. Wir kennen allerdings auch die neue Civilisation, die mit Ihrer Konstitution Hand in Hand geht, nicht. Ihnen ist Alles Vertrag. Seit Cem schmachvollen Jahre 1848 ist die Politik durch Hrn. Hansemann ein Rechncnexcmpel geworden. Der König ist Ihnen eine Null, welche nur durch die Eins der Minister eine Zahl wird, die ausgesprochen werden kann. (Beifall rechts.) Der Staat besteht in Folge eines Vertrages, eben so die Ehe. Wollen Sie nicht auch, wie rin gewisser Rechtslehrer, die Autorität der Eltern auf einen Vertrag mit den ungeborenen Kindern basiren? (Heiterkeit und Beifall rechts.) Unseren Ideen ist der Sieg gesichert, meine Herren, Sie mögen beschließen, was Si-e wollen; und im Rathe eines Anderen, dem menschliche Beschlüsse noch nie im- ponirt haben, ist es beschlossen, daß Ihre Rathschläge zu Schanden werden. (Beifall rechts.) Was Deutschland geworden ist, ist es durch Christum geworden, und es ist die Pflicht eines Jeden, das deutsche Volk zu bewegen, daß es von dem Wege des Umsturzes umkehrt, sonst wird es ihm gehen, wie den anderen Völkern, welche der Revolution hul
digten. Allen Religionen, die sich auf den Boden des Nihilismus der Afterphilosophie gründen, wird cs gehen, wie der Nongeschen. Die Revolution hat ihren wahren Ursprung in der Feindschaft gegen die Religion; auS dieser letzten Wurzel geht die Auffassung aller Verhältnisse als bloßer ^Kontrakts- Verhältnisse hervor; cs gibt auf diesem Standpunkte nur noch StaatSgesellschaften und „RcligionsgeseUschaften", von denen auch der §. spricht. Der Name der Mutter unsrer Aller, der christlichen K rche, ist in demselben vergessen. Sie werden uns wiederholen, daß unsere Principien ganz die des Hrn. v. Haller seien, und unsere Seite lcgt dessen Staats- tbcorie allerdings einen hohen Werth bei. Aber wir negiren nicht die Folgen der Revolution, sondern nur ihre sittliche Substanz. Wir halten Sie aus jener Seite auch nicht für Revolutionäre, aber wir halten Sie für Transaktionäre, und wir wollen nicht transigiren mit der Revolution. Es stehen in der Verfassung so viel Phrasen, daß es, wenn Sie den Zusatz, welchen wir Ihnen Vorschlägen, für eine Phrase halten, auf eine Phrase mehr oder weniger nicht ankommt. Abg. Wern her: Noch hat der Mysticismus keine Religion gegründet, sondern sie eher untergraben. Es hat den Staaten nie gefrommt, wenn die Beichtvater der Fürsten die Politik leiteten. Die Priester, welche ihre Ideen, die Stützen ihres Dog- ma's im Staate zu verwirklichen strebten, haben zugleich in Kirche und Staat den Keim der Vernichtung gebracht. Wir dürfen nicht gleichgültig gegen die Religion sein, und wenn Friedrich der Große gegen die Religion seinem Witze freien Lauf ließ, so ist dieß ein Beweis, daß sich der größte Mann seiner Zeit von menschlichen Schwachen nicht ganz frei machen konnte. In England war die größte Gefahr für die Krone und für die Kirche der Zelotismus ter Mystiker, v. M asst nbach: Man soll nicht hier reden, wenn man dazu nicht von innen getrieben wird; aber würde ich heute nicht sprechen, so würde ich glauben, daß die Steine schreien würden. Sie wollen die Staatskirche aus der Verfassung streichen. Das wird Ihnen nicht gelingen; von Ihnen, meine Herren, sagt die heilige Schrift: Beschließet einen Rath und er bestehet nicht. Bekennen wir uns nicht zu Gott, so bekennt tr sich auch nicht zu uns. Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes, so heißt es in der Bibel, dann wird euch Alles verziehen werden. Was wir thun wollen, müssen wir im Namen Gottes thun. Man fing fast alle wichtigeren Verhandlungen an im Namen der heiligen Dreieinigkeit. Ich wollte, daß hier die Sitzungen täglich mit Gebet beginnen sollten, konnte aber für diesen Antrag nicht einmal die nöthige Anzahl von Un- terschnflen finden. — Der Redner erinnert weiter an die Schicksale des Volkes Israel, als es sich veruneinigte durch den Verkehr mit den Philistern, und bekundet durch zahlreiche lange Citate eine sehr gründliche Kenntniß der Bibel. Ermahnt die Mitglieder an den von ihnen Allen erneuerten Taufbund und seine Gelöbnisse. — Alles, so schließt er, was wir hier thun mit Worten und Werken, das wollen wir thun im Ramendes Herrn. v. Auerswald: Ich und viele meiner politischen Freunde halten fest an dem apostolischen Bekenntnisse, aber wir glauben nicht, das Christenthum durch Vermischung mit den politischen Institutionen zu fördern. Ein bekannter Kommunist sagt, das Christenthum sing an in Verfall zu gerathen, als