Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Freitag, 19. April >850._______________^ 182.__________ Morgen - Ansgab«.
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Dentschland.
Hanau, 15. April. Nachmittagssitzung des Schwurge- richls. Der Vertheidiger des Ludwig und Dietrich, Herr Pflüger, trat auf und erklärte: er fühle sich seit 4 bis 5 Tagen unwohl und deßhalb außer Stande, diese Sache allein durchzuführen. Er wünsche, daß seinen Klienten ein Officialanwalt beigegcbcn werde. Er wolle, wo möglich, noch neben diesem erscheinen und assistiren; am liebsten aber würde es ihm sein, wenn ihn das Gericht ganz kispensirte. Durch die Aeußerung von heute Morgen habe er nicht die Absicht gehabt, die übrigen Vertheidiger zu beschuldigen oder tu Schatten zu stellen. Der Präsident eröffnete demselben , daß das Gericht seinen Klienten einen Officialanwalt beiordnen werde, und es alsdann in seinem Ermessen stände, den Verhandlungen noch beizuwohnen oder nicht. Es wird hierauf in ter Zeugenvernehmung fortgefahren.
Franz Diehl, Schreinergeselle aus Bockcnheim, hat den bewaffneten Zug der Bockenheimer mitgemacht, und bezeugt, daß Ludwig damals eine Bürgergardenkappe-, weiße Turnerkleider oder auch vielleicht einen Oberrock, und ein kurzes Gewehr getragen. Ludwig Rain und Ludwig Dietrich haben ihm erzählt, der Peter Ludwig habe geschossen. (Zeuge ist anfangs zurückhaltend, erkennt aber sein Protokoll als richtig an.)
Heinrich Weber, Schuhmachergesell von Bockcnheim, derselbe, der in den Aussagen des Zeugen Windecker erwähnt, dort aber irrthümlich Johannes Weber genannt ist, hat den bewaffneten Zug der Bockenheimer mitgunacht, ist deßhalb einige Tage verhaftet gewesen, und hat in der Voruntersuchung über die Tövtung Lichnowskys eine vollständige, in die kleinsten Einzelnheilen eingehende und in diesen mit den sonstigen Ergebnissen des Verfahrens völlig übereinstimmende Erzählung abgegeben, darin aber die Angeklagten in folgender Weise bezichtigt: „Von den Personen in dem Haufen, der Lichnowsly die Allee hinaufführte, habe ich erkannt (Zeuge nennt 12Personen): L. Dietrich mit der Fahne, Ludwig und Georg. Einer aus dem Haufen rief: Fahnenträger komm, dem Kerl muß die Fahne gezeigt werden, und darauf hat Dietrich die Fahne vor dem Herrn geschwenkt, und ging dann in die Allee voran. Georg führte den LichnowSky einmal ein Stück. Oben in der Allee rief Einer: Jetzt wird er erschossen. Es sprang Alles aus einander-, Georg, der sich rechts von der Allee gestellt hatte, schlug auf Lichnowsly an, der aber, als er dieß sah, links unter die Leute sprang. Die Leute liefen von ihm weg, Georg, der während dem auf die andere Seite der Allee gekommen war, schlug abermals an, Lichnowsly sprang aber wieder unter den Haufen und ergriff das Gewehr des Ludwig. Sie rissen sich darum, es halfen aber mehrere dem Ludwig, und Lichnowsly mußte es fahren lassen. Als Georg sah, vaß Lichnowsly wieder allein stand, hat er nach ihm abgefeuert; Lichnowsly wandte ihm die Seite zu und taumelte nach dem Schuß, hob die Hand, schüttelte und ich sah, daß sie blutig war. Während dieses Taumels war Lich- nowsky von der Wiese nach der Allee gekommen, und wie er zwischen die 2 Bäume kam, schoß Ludwig, den ich genau erkannte, von der Wiese links aus den Lichnowsly von hinten in den Rücken. Lichnowsly that einen Schrei und fiel.
Nachher hielt Ludwig seinen Karabiner in die Höhe und lachte. Er trug eine Bürgergarvenkappe. Ich stand etwa fünfzig Schritte entfernt. Nach den Schüssen zerstreute sich der Haufen theilweise; auch ich entfernte mich und hörte noch 2 Schüsse." — Diese Angaben hat Weber zwar zuerst während seiner Erkrankung im Arrest gemacht, dann aber noch zweimal vor dem Justizamt, und zwar das letzte Mal bei völliger Gesundheit umständlich wiederholt, dann im März 1849 vor dem obergerichtlichen Jnstruktionsrichtcr sein Protokoll auf Vorlesung nochmals vollständig genehmigt und in einer hierauf abgehaltenen Konfrontation mit Ludwig diesem in das Gesicht gesagt, daß er auf Lichnowsly geschossen. Der vor der Abhörung beeidigte Zeuge will nunmehr nichts mehr von der ganzen Sache wissen. Er habe drei- bis vierhundert Schritte entfernt gestanden (ei gibt dabei seinen Standpunkt übereinstimmend mit der Aussage des Zeugen Windecker am Günthersburger Wege an). Von seinen in der Voruntersuchung abgegebenen Aussagen wisse er nichts mehr, die habe er in der Krankheit gemacht. Vor dem Jnstruktionsrichtcr habe er dieselben nur genehmigt, unter dem Vorbehalt, daß er sie dem Ludwig nicht in das Gesicht zu sagen brauche. Warum er dieß dennoch gethan, weiß er nicht zu erklären. Dem Zeugen werden hierauf seine Aussagen in der Voruntersuchung sämmtlich vorgclestn. Dabei entfärbt sich derselbe sichtlich, er wischt sich wiederholt den Schweiß ab. Gleichwohl bleibt er nach der Vorlesung dabei, daß er nichts wisse.
Auf den Antrag des Staatsprokurators wurden zunächst der Obergerichtsrath Hüner-dorf und Praktikant Schmid herbeigerufen, bei welchen Weber seine früheren Aussagen geneh- m gt und in der Konfrontation gegen Ludwig behauptet hat. Beide bezeugen: Weber sei damals geistig und körperlich völlig gesund erschienen. Sie erwähnen noch: Weber sei bei der Konfrontation erst etwas änglich gewesen; da sei Ludwig in gewohnter Rednermanier vor ihn getreten und habe gesagt: „Genir' dich nur nicht, sage nur was du weißt!" und nun sei Weber mit der Sprache herausgegangen.
Nunmehr trug der Staatsprokurator darauf an, gegen den Zeugen wegen dringenden Verdachts des falschen Zeugnisses ein Verfahren anzuordnen, und sofort dessen Verhaftung zu verfügen. Das Gericht trat diesem Anträge bei und Weber wurde in das Gefängniß abgeführt.
Jakob Häusler, aus Bockcnheim, hat ebenfalls den bewaffneten Zug der Bockenheimer mitgemacht, die Tödtung Lichnowskys mit angesehen , und hat in der Voruntersuchung folgende Angaben gemacht: Als Lichnowsly die Allee herauf- geführt wurde, wollten sie schon vorher ein paar Mal aus den Mann schießen, er sprang aber immer wieder unter dre Menschen. Ich sah dann, daß Ludwig auf den Mann anschlug, worauf ihn dieser nach dem Gewehr griff. Ludwig riß aber das Gewehr immer zurück und es dauerte nicht lange, so hatten sie den Mann wieder im freien und da wurde auf ihn geschossen. Gleichzeitig mit Ludwig hatte Wilhelm Me- losch auf den Mann angelegt. Der Berliner war auch unter dem Haufen. Es wurden 6 bis 8 Schüsse auf Lichnowsly abgescuert. Nach dem Schießen kam Ludwig daher und da klopfte ihm der Jude Buchsweiler auf die Schulter und sagte: „Du hast aber eine gute Büchse." Ludwig selbst sprach: „Er