Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Donnerstag, 18. April 1850. 181. Abend- Ausgabe.
Deutschland.
6 Erfurt, 15. April. 11. Sitzung des Volkshauses. (Forlsetz.) v. Gerlach: Ich würde, wenn ich bei Der allgemeinen Diskussion zum Worte gekommen wäre, schon früher gegen den Bericht protestirt haben, wenn dieser voraussetzt, daß das Volkshaus ein großes Interesse habe an dem Zustandekommen des vorgclkgten Projektes, daß damit der Nation eine Pflicht abgetragen werde rc. Die Meinungen darüber sind sehr verschieden. Viele wollen einen Bundesstaat, aber mit besseren Garantien gegen die Revolution und für Preussens Stärke und Deutschlands Einheit. Wenn man mit den deutschen Staaten, die sich nicht anschließen, nur noch ein AÜianzvrrbältniß will, wie dieß hier ausgesprochen worden ist, dann ist Deutschlands Zerstückelung besiegelt, und wir haben nur die Schmach eines neuen Rheinbundes. Diese Mitglieder sind in ihrem vollen Rechte, wenn sie lieber das Scheitern des Bundesstaates überhaupt, als dieß vorliegende Projekt wollen. — Andere Mitglieder wollen überhaupt nur einen Staatenbund, und auch diese sind hier berechtigt. — Wieder- Andere wollen auf die Rrchtsbasis des teutschen Bundes zurückgehen, sie wollen Festhalten an der bis jetzt bestehenden Bundesverfassung; ist auch der Bundestag aufgehoben, so ist damit nur das Organ der früheren Einheit, nicht diese selbst beseitigt. (Der Präsident bemerkt dem Redner, daß er zur- allgemeinen Diskussion zurückkehrt; dieser behauptet jedoch den Zusammenhang mit ter speciell vorliegenden Frage.) Es ist Anmaßung, den gegenwärtig hier vorgebrachten Versuch als den letzten zu bezeichnen. Dasselbe sagte man auch am 3. April, an dem glorwürdigen Tage, wo der König von Preußen die deutsche Kaiserkrone ablchntr. (Bravo rechts.) Ich traue der Gegenwart die Fähigkeit einer nagelneuen RechtS- brlvung gar nicht zu. Der Impuls zu der letzten angeblich nationalen Erhebung ging von Frankieich aus; Aufruhr und Gottlosigkeit waren in ihrem Gefolge, und mit allen ihren großen Worten von Deutschlands Einheit, Macht und Größe ist sie ausgegangen in Frevel und Schmach. Auf diesem Wege ist wahrlich nicht sortzuschreiten, sondern vor Allem ist es Reue, Demuth, Buße, Umkehr, was uns Noth thut. Bis daraus etwas Neues erwächst, haben wir zunächst das Alte festzuhalten. Ich vertheidige den bestehenden deutschen Bund, nicht als Ziel, aber als Ausgangspunkt. Man hat die Schmähungen gegen denselben hier erneuert, man hat es wiederholt, daß er znsammcngcbrochen sei unter der Verachtung der Nation. Aber man schände nicht die Vergangenheit der Nation im Großen und Ganzen durch Worte, die einen revolutionären Charakter tragen. (Bravo rechts.) — Die ersten Thaten des deutschen Bundes waren Die von 1813 und 1814. (Heiterkeit.) Ich weiß, daß seine Form
erst von dem Jahre 1815 sich datirt, aber sein wesentlicher Inhalt war die einheitliche Aktion von Preußen und Oesterreich, und diese begann mit den Kriegen, die unsern Feind niederwarsen und zweimal seine Hauptstadt in unsern Besitz brachten. Während der ganzen Folgezeit hat kein fremder Einfluß Deutschland beherrscht. Der Bund hat uns bewahrt vor den Julicharten, vor den chartes vérité , vorder Nachäffung des unglücklichen Frankreich, und so vor dessen heutigem Schicksale. (Bravo.) Der Vorsitzende des Verwaltungsrathes weiß, daß er im Jahre 1840 eine imposante Haltung annahm, und energisch Frankreichs Anmaßungen zu- rückwieS. Es ist wahr, daß der Bund 1848 schmachvoll ge
fallen ist, aber er ist nur gefallen mit Preußen und Oesterreich zugleich, er hatte keine von diesen abgesonderte Stellung. Aber er ist mit ihnen auch bereits wieder auferstandcn; er ist wieder lebendig geworden in Der Ablehnung Der Kaiserkrone, in der Unterdrückung Der Revolution, in Allem was geschehen ist, um uns wieder in einigermaßen menschliche Zustände zu- rückzuverffotzcn. (Heiterkeit.) Er hat bereits eine neue Form gefunden in der Bunteskommission, welche jetzt in Mecklenburg die Revolution nickerwirft, und ich hoffe, er wird bald wieder mächtig genug sein, jede Trennung zu verhindern. Ich verkenne Die früheren Mängel dieses Bundes nicht, aber sie sind mit Pietät zu bezeichnen. Seine Politik war allerdings eine mehr reprimirende. Statt altes deutsches Recht und alte deutsche Freiheit überall zu begründen, deren Quellen heute noch so reich wie sonst strömen, griff er nur mehr zu abwehrenden, polizeilichen Maßregeln. Ich spreche von deutschem Rechte, obgleich ich das Princip der Nationalität keineswegs über Alles stelle. Das Recht ter Obrigkeit von Gottes Gnaden steht höher als dieß Princip, und überhaupt hat gerade die deutsche Nation stets Ideen gepflegt, welche über dasselbe hinausgingen. Wir sind gerade auf diesem Gebiete nie Virtuosen gewesen, und dürfen unsere ganze Zukunft nicht ausschließlich auf dasselbe stellen. Die Revolution von 1848 war im Grunde gerade feindlich gegen alles Deutsche, gegen das Recht, die Sitte, die Kirche Deutschlands; man ging selbst bis zur Idee der Ausschließung Oesterreichs von Deutschland, man trauerte über seine Siege in Italien und Ungarn. Die politischen Gegensätze sind heute bedeutender als die nationalen, und sie bestimmen unverkennbar selbst in diesem Haute Die Majoritäten. Man spricht viel von der Sehnsucht Der Nation nach Einheit, und doch herrscht unleugbar Die tiefste Gleichgültigkeit gegen kas vorliegende Projekt, und selbst hier hält man die künstlichsten Mittel für nothwendig, um es zusammen zu halten. Der Herr Berichterstatter hat an die Kämpfer in den Freiheitskriegen appellirt; auch ich habe üe mitgemacht, und zwar als Jüngling, wo man für alle nächsten Ideen der Zeit sehr empfänglich ist. Aber die Bewegung der Jahre 1813 und 1814 war das gerade Gegentheil von der von 1848. (Bravo rechts.) Die eine war antifranzösisch, Die andere französisch, die eine antirevolutionär, die andere revolutionär, Die eine befestigte das Verhältniß zwischen Thronen und Völkern und bedeckte die Fürsten mit Ruhm ich will nicht sagen, womit die andere die Fürsten bedeckt hat. -Lie Nationalität ist ein Rechtömomenr, aber ein untergeordnetes; man würdigt die Bedeutung der Bewegung des Jahres 1813 herab , wenn man sic nur auf dieß Princip zurücksulnt. Eine höhere Rechtsidee leitete uns damals; dafür kämpften wer gemeinsam mit Kosaken, Kalabresen und spanischen Guerillas. Ich freue mich, daß auch in unsern Tagen Gleiches wieder in Ungarn geschehen ist. Uebrigens gab es 1813 in Deutschland eine sehr starke französische Partei, und zu ihr gehörten ganz besonders sehr viele Professoren, wie deren dann uuch ln Frankfurt wieder eine überaus große Zahl getagt haben. Man hat aefaat daß eö mit der Einheit Deutschlands hier gehe, wie mit dem Netze der Penelope. Ich nehme dieß ®lcid)nig an. Was war für Penelope das Ziel dieser Auflösung ? Es war Die Wiedervereinigung mit ihrem ächten Gemahl uiiD daS Hin- nuswerfen der Freier. Ich hoffe, daß diese Freier gegenwärtig ein qikiches Schicksal haben werden, wo Deutschlands Zukunft und Ehre auf dem Spiele steht. (Bravo rechts.) So viel für