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Neue Hessische Zeitung.

Organ -er konstitutionellen Partei.

Montag, 15. April 1850. 174* Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigegeben. Die Morgen-Attsgabe wird von/al 1 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kassel von 5 bis 7 Uhr erpedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur'Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Luckbardt'schen und Vollmann schen Buch - und Kunsthandlung. Der Äbonnementspreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle kurhcssischen Postämter das Blatt ohne Ausschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Pctitzeile berechnet.

Dentschianv.

VII. Hanau, 12. April. (Proceß Auerswald- Lichnowsky.) In der heutigen Sitzung wurde mit Ver­nehmung vou Zeugen fortgefahren, welche fast sämmtlich über die fraglichen Vorgänge nur im Abgemeinen, ohne besondere Beziehung auf die Thäterschaft aussagen.

L o r c n z R u ß hat an dem fraglichen Tage als Maurer in dem Donnerschen Garten gearbeitet. Seine Aussage stimmt im Wesentlichen mit der des Heinrich Heuß überein.

Handelsmann Louis Pillot, zu Frankfurt an der Friedberger Chaussee wohnend, hat von seiner Wohnung aus Die beiden Reiter aus dem Seitengäßchen kommen, die Fried­berger Straße herabreiten und dann plötzlich umdrehen und im Galopp zurückreiten sehen. Er ist denselben gefolgt, hat beim Schmidtschen Garten Auerswald bereits erschossen ge­funden, und hat nun diejenigen, welche nach Lichnowsky such­ten, zu beschwichtigen gesucht. Er ist in Den Keller gefolgt. Hier haben 3 bis 4 Bewaffnete gesucht. Einer habe immer gerufen: Lichnowsky heraus. Auf seine Vorstellungen habe besonders einer darauf gedrungen: der müsse sterben, er müsse durchaus erschossen werden. Einer habe zu ihm gesagt: Bist du ein Freund von Lichnowsky? und habe ihm dabei eine mrze Schießwaffe entgegen gehalten. Er sei Hundsfott ge- chimpft worden, und habe sich zurückziehen müssen. Zeuge .'egibt sich hierauf in die Bethmannsche Wohnung und von da zu Pferde an das Allerheiligen Thor, um Hülfe zu holen. Dort stehen kurhessische Truppen, welche aber erklären, ihren Posten nicht verlassen zu dürfen, da Hanauer Zuzug erwartet werde. Auf die Frage, ob er einen Der Angeklagten wieder erkenne, und nachdem er diese sipirt, erklärt Zeuge:Mich dünkt dieser (auf Ludwig deutend) war dabei, er hatte aber damals nicht so langes Haar. Mich dünkt, er war unter denen im Keller", Auf Vorzeigung des von Ludwig geführ­ten Karabiners:Ein solches Ding war es, welches mir vorgehalten wurde". (Zeuge, ein schöner großer Mann von mmbigem Aussehen, macht einen sehr vortheilhaflen Eindruck.)

Der Handlungsgehülfe Karl Hoch kommt von Bornheim hinzu, als Lichnowsky schwer verwundet da liegt. Mit Hülfe einiger Andern hebt er ihn auf, lehnt ihn an eine Pappel mv sorgt für die Herbeiholung von Wasser, welches Lich- rowsky begierig trinkt. Er fragt: Sind Sie der Fürst Lich- lowsky? worauf jener sagt:Ja, sehen Sie hier meinen King! Helfen Sie mir!" Lichnowsky verlangte in ein Laza- eth, auch nach einem Geistlichen. Es geschah einfach Wi­derspruch gegen Die Hülfeleistung, und Zeuge wurde dabei zuriickgerissen und bekam einen Schlag. Zeuge begibt sich darauf nach Bornheim, um einen Geistlichen zu holen; in­zwischen wird Lichnowsky weggetragen.

Johannes Wagner hat den verwundeten Lichnowsky an einen Baum tragen helfen, auch in dessen Hut Wasser aus einen Graben geholt. Da rief ein Trupp in einiger Entfernung ihm drohend zu, worauf Zeuge sich entfernte.

SchneikergesiUe Philipp Rückert (welcher wegen sei- icr Betheiligung vom Staatsprokurator als Zeuge fallen ge- assen, vom Präsidenten aber kraft discretionärer Gewalt un- weidigt vernommen wurde) ist am 18. September mit meh­ren Genossen (man vergleiche die Aussage des Eichhorn)

von Homburg nach Franksurt gezogen,weil es dort großen Krawall geben sollte". Hier hat er sich ein Gewehr zu ver­schaffen gewußt. Er ist vor Dem Friedberger Thor gewesen, wie Lichnowsky und Auerswald dort angelangt, aber wieder zurückgesprengt seien. Zeuge will gesehen haben, daß Lich­nowsky auf der Chaussee in einiger Entfernung vor dem Bethmannschen Gartenauf das Volk" geschossen habe. Er seidurch Den Druck Der Menschen mit fortgerissen", in den Schmidtschen Garten gekommen, und unter den 2 bis 5 Leu­ten gewesen, welche Auerswald vom Boden herabgeholt haben. Nachher habe ihnEiner hinaufgeschickt", um Die Kleider Auerswalds zu holen. Sie haben sich nicht gefunden, nachher hat aber Herr Schmidt gesagt, sie seien da. Darauf hat Zeuge Den Hut zum Fenster hinausgeworfen, den Rock aber herabgebracht, mit nach Homburg genommen, und da auf dem Pfandhaus versetzt. (Zeuge ist noch in Frankfurt in Haft wegen dieser Sache.)

Zeuge Pillot, wieder vorgerufen, versichert dem Rückert gegenüber, daß Lichnowsky auf Der Friedberger Chaussee nicht geschossen habe.

Zeuge Etzel ist ebenfalls einer von denjenigen gewesen, welche von Homburg nach Frankfurt gezogen, ist mit in den Schmidtschen Garten gegangen, und hat sich Den von Rückert herabgeworfenen Hut Auerswalds ungeeignet und mitgenommen. Ueber die Erschießung Auerswalds gibt er an: Es wurde gesagt, ein Bornheimer Turner habe ihn erschossen. Ueber die Erschie­ßung Lichnowskys:Die erste Kugel streifte den Kopf; der zweite Schuß ging in den Rücken und da fiel er. Derselbe Mensch in Turner-Livrèe schoß auf ihn nochmals." (Hierbei bleibt Zeuge auch auf Vorhalt über das Unwahrscheinliche seiner Aussage.)

Karl Kern hat am Abend des 18. September in einem Bornheimer Wirthshaus Viele gesehen, welche sich der Theil­nahme an der Tödtung gerühmt haben. Einer habe gesagt: Mtt dieser Flinte habe ich sie beide erlegt". Beinah Jeder habe etwas gethan haben wollen.

Zwei zu Bornheim wohnhafte Zeugen, Helfer ich und Hoffmann (welche von den Frankfurter Behörden nicht zwangsweise sistirt werken) wollen nur gegen Zahlung von 6 Gulden täglicher Diäten nach Hanau kommen. Auf Antrag der Staatsbehörde entscheidet das Gericht, ungeachtet des Wi­derspruchs einiger Vertheidiger, für Die Vorlesung von Deren protokollarischen Aussagen. Aus der des Helferich ist noch Folgendes bemerkcnswcrth: Als Lichnowsky dagelegen, sei ein Mann ohne Waffen mit Brille, Den sie Doktor genannt (Der abgesetzte Judenlehrer Buchsweiler) hinzugekommen, und habe ihm noch seinSündenregister" vorhalten wollen; Zeuge habe ihn aber hinweggestoßen. Lichnowsky sagt: Tragen Sie mich, zu wem sie wollen, nur von diesen Kannibalen hinweg; )ie haben mir auch meine Uhr gestohlen. (Die Untersuchung be­stätigt, daß Die Uhr Lichnowskys von der Kette abhanden ge­kommen ist.)

Aus den bisher dargestellten Zeugenaussagen muß noch nachgctragcn werden, daß nach den übereinstimmenden An­gaben vieler Zeugen eine Frauensperson sich wesentlich bei der Sache bcthciligt hat. Schon auf Der Friedberger Straße hat sie den Leuten zugerufen: Ihr Leute, kennt Ihr