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Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Donnerstag, 11. April 1850. J\§ 16 S» Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigcgeben. Die Morgen-Attsgabe wird von 7,11 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kaffei von 5 bis 7 Uhr expedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Luckbardt'schen und Dollmann'schen Buch - und Kunsthandlung. Der Äbonncmenlspreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle turhessischen Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Petitzeile berechnet.

Reichstag in Erfurt.

C Erfurt, 9. April.' Wenn wir früher zu konstatiren hatten, daß in der Auffassung der Idee des Bundesstaates eine gewisse Differenz zwischen der preußischen Regierung und der bisherigen Majorität des Parlaments besteht, so gingen uns doch zugleich aus den glaubwürdigsten Quellen fortwäh­rend Mittheilungen zu, welche nicht bezweifeln ließen, daß die erstere weit entfernt ist, die Verwirklichung des Bundesstaates überhaupt bereits aufgegeben zu haben, daß sie vielmehr die­selbe innerhalb der von ihr bezeichneten Bedingungen und Formen zu erstreben fortwährend fest entschlossen ist. Anderer Seits haben wir Veranlassung gehabt, schon jetzt die Ueber­zeugung auszusprechen, daß die Majorität des Parlaments nach der ganzen gegenwärtigen Lage der Verhältnisse sich zu bedeutenden Zugeständnissen bereit finden werde. Wir haben nach unserer Kenntniß der verschiedenen Stellungen die Wahr­scheinlichkeit eines Konflikts zwischen der preußischen Regie­rung und der Majorität des Parlaments in Abrede stellen müssen, da beide trotz aller Streitpunkte ein zu starkes ge­meinsames Interesse zur Abwehr aller Angriffe haben, welche von Außen und Innen gegen den Bundesstaat überhaupt ge­richtet sind. Seit der gestern früh erfolgten Rückkehr der preußischen Minister bereitet sich eine Wendung der Dinge oor, welche diesem, wie es uns scheint, durch die Nothwendig­keit der Verhältnisse vorgezeichneten Gange entspricht. Gras Brandenburg, Hr. v. Manteuffel und Hr. v. d. Hcpvt haben bald nach ihrer Ankunft eine Konferenz mit Hrn. v. Rakowitz gehabt, in welcher das nächste Verhalten dem Parlament ge­genüber festgestellt worden ist. Es wird von der einen Seite behauptet, daß man sich für den bekannten Antrag des Hrn. o. Bodelschwingh im Verfassungsausschusse entschieden habe. Wir vermögen dieß jedoch nicht zu verbürgen, da von Abge­ordneten des Centrums und der Rechten mit gleicher Zuver­sicht auf die Annahme ihres Programms gerechnet wird. Nicht unmöglich scheint es, daß von Seiten der preußischen Regierung noch einige weitere materielle Aenderungen des politischen Theiles der Verfassung im Sinne der Rechten zefordert, nach deren Zusicherung aber weitere erhebliche Bedenken gegen die ganze Form der Behandlung nicht erhoben werden. Es würden so vielleicht die Ansprüche rUer Fraktionen ausgeglichen. Atte diese Fragen wür­den wahrscheinlich in den Augen der Majorität des Parlaments viel von ihrer trennenden Bedeutung verlieren, venn ihr überhaupt die Ueberzeugung von der unerschütter- üchen Konsequenz der preußischen Regierung feststünde. Dem Vernehmen nach sind die Minister gestern in Privat­konferenzen mit den Präsidenten beider Häuser und mehreren Abgeordneten sehr angelegentlich bemüht gewesen, jeden Zwei­fel in dieser Beziehung zu beseitigen. Die etwas herabge- 'timmten Hoffnungen sind dadurch neu belebt worden. Es wurde gestern in den bestunterrichteten Kreisen, namentlich mit Entschiedenheit der Meinung widersprochen, als ob der König )on Preußen persönlich der Sache der Union abhold gewor­den sei; vielmehr erstrebe er, wie dieß von seiner Gewissen- )aftigkeit zu erwarten sei, nach wie vor mit voller Wärme ?ie Förderung des Werkes. Dem Vernehmen nach wird Hr. >. Manteuffel im Lause der Freitag beginnenden Diskussion

selbst das Wort ergreifen, und zwar durchaus in dem eben erwähnten Sinne. Wir werden berichtet, daß er in den hier seit seiner Rückkehr Statt gehabten Besprechungen, namentlich die so großen Anstoß erregende Auffassung der Frage des Rechtes des Krieges und Friedens auf ein bloßes Mißver­ständniß zurückzuführen bemüht war. Eine Bestätigung da­für, daß die preußische Regierung zwar nicht ihre Grundan­sicht von dem Wesen des zu bildenden Bundesstaates geän­dert hat, wohl aber dieselbe konsequent durchzuführen und dafür die Beistimmung der Majorität des Parlaments zu ge­winnen denkt eine solche Bestätigung finden wir auch in der Haltung der letzten Erfurter Korrespondenzen in der Deutschen Reform". Dieselben gehen sichtbar angelegentlich darauf aus, die durch die letzten Eröffnungen der Kommissa- rien in den Ausschüssen hier erzeugte nicht geringe Mißstim­mung und Hoffnungslosigkeit zu beseitigen, und den Weg zu einer Verständigung und einem weiteren Vorschreiten mit dem Parlamente zu ebnen. Man wird diese Tendenz leicht erra­then, auch wenn dieselbe unter der einem halbofficicllen Or­gane stets nahe liegenden Form einer Berichtigung unserer Berichte über jene Ausschußsitzungen auftritt. Wir halten es in dem vorliegenden Falle für so offenbar, daß diese Form nur wegen ihrer taktischen Vorzüge gewählt worden ist, daß wir uns gern jeder Rechtfertigung in Betreff der Wahrhaf­tigkeit jener Berichte enthalten, und auch die Entstellung, in der sie zum Zwecke der Berichtigung wiedergegeben worden sind, nicht weiter rügen.

Morgen früh wird der Bericht des Verfassungsausschusses des Vollshauses ausgegeben werden. Derselbe umfaßt acht Druckbogen. Gestern Abend fand die erste Soirëe, deren übrigens in den nächsten Wochen mehrere nachfolgen werden, bei Hrn. v. Radowitz Statt. Die hier anwesenden Minister, die Mitglieder des Verwaltungsrathes und Abgeordnete aller Fraktionen nahmen an derselben Theil. Doch sollen diese einander zum Theil noch fremden Elemente und die geringe Anzahl von Damen der Gesellschaft einen etwas förmlichen Anstrich gegeben haben. Im klebrigen bietet Erfurt noch wenig an Natur- und Kunstgenüssen den Mitgliedern des Parlaments dar; die an sich hübschen Umgebungen ermangeln noch des Schmuckes des ersten Grüns, und das Theater hat in den beiden ersten Produktionen nur erst Mittelmäßiges dar­geboten. Einer anerkennenden Erwähnung verdient das ge­strige Orgelkoncert des bekannten Orgelvirtuosen Professor K. Kloß.

8. Sitzung des Volkshauses. Eröffnung 11 Uhr. Präsident Simson kündigt den Eintritt folgender neuer Mitglieder an: Hofmann, v. Linde, Völcker, Wernher, Robe, Graf Lehrbach, Reh, Dr. Knyn. Der Provincialkongreß der Handwerkervereine übersendet eine Anzahl Billets, welche er für seine Sitzungen am 8., 9. und 10. April zur Disposi­tion stellt. Von Seiten des Verwaltungsrathes sind 4 Bände Akten eingegangen; sie enthalten die gedruckten Protokolle der ersten 90 Stangen des Verwaltungsrathes bis zum 9. März; die Protokolle der 91. bis 94. Sitzung, welche bis zum 10. März gehen, sind handschriftlich beigefügt. Diese Dokumente liegen im Büreau in mehreren Exemplaren zur Benutzung auf. Auf der Tagesordnung befindet sich die Fortsetzung der