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Der große Kriegsheld, der an die Spitze des neu fränki­schen Reiches trat, demüthigte uns tief durch die Ueberlegen- Heit seines Genies; aber er impfte uns die Ueberzeugung ein, daß wir nur stark sind, wenn wir zusammenstehen, daß keine Neutralität bei nationalen Kriegen, daß selbst der Bund mit dem Fremden nicht befreien kann von dem der Gesammtheit des Lölkes bestimmten Geschicke. Am tiefsten ward Preußen erniedrigt zur Strafe nicht zu leugnender Sünden, aber die Zeit der Erniedrigung war ihm eine Zeil der Ermannung. Scharnhorst bildete damals den Kern des nationalen Hee­res, Stein legte den Grund zur nationalen Freiheit. Und als der Feind vertrieben war vom deutschen Boden, da erhob Preußen stolz wie früher sein Haupt, und trotzdem, daß Oesterreich durch den Vorsitz am Bundestag den Ehrenrang vor ihm behauptete, war doch es allein der wahre Schirmherr- deutscher Nationalität. Berlin ward der geistige Mittelpunkt von Deutschland. Die streitenden Schulen der Wissenschaft hatten dort ihre größten Vertreter. Die Stiftung des Zoll­vereins mag vielleicht aus einer rein finanziellen Spekula­tion erwachsen sein, dann aber sind ihre Erfolge weit über den ursprünglichen Gedanken hinausgegangen. Der Zollverein hat gelehrt, daß Ansehen im Ausland, Wohlstand im Innern sich nur auf der Grundlage eines geschlossenen Staatsgebietes behaupten lassen. Deutschland kann fürder nicht mehr in han­delspolitischer Beziehung auseinandergerissen werden, und die Handelspolitik fordert die Gemeinsamkeit aller andern Insti­tute des öffentlichen und Privatrechts. Darum hat Preußen schon seit den letzten 20 Jahren unbedingt als tonangebende Macht in allen deutschen Landen faktisch geherrscht. Nur Ei­nes halte ihm noch gefehlt, um unbedingt auch alle Sympa­thien des deutschen Volkes zu gewinnen. Es mußte in seinem Innern eine parlamentarische Verfassung verwirklichen. Der vereinigte Landtag von 1847 hatte die Reife aller Landes­theile zu solcher Staatsform erwiesen, und daß der damalige faktische Zustand nicht alsbald in einen rechtlichen verwandelt wurde, ist auch eine von den Kurzsichtigkeiten, die keine Thräne ungeschehen macht. Abermals mußte die Revolution von außen an die Pforte klopfen, bevor man gezwungen that, wofür man den Dank der freien That hätte ernten können.

Wir haben heute diesen flüchtigen Blick auf unsere Ge­schichte geworfen, weil wir ihn für ermuthigend halten. Deutsch­land ist in dem Streben, von engeren Slaatsformen zu wei­teren überzugehen, seit Jahrhunderten in ununterbrochenem Fortschritte. Zwar begreifen wir, wie Manchem die Nöthe edlen Unwillens auf die Stirne tritt, wenn er sieht, wie hier elender Egoismus, dort Mangel an kräftigem Wollen ein Werk zu vereiteln drohen, das er dem Abschlusse nahe glaubte. Aber darum dürfen wir nicht ablasscn, den als richtig er­kannten Weg weiter zu verfolgen. Das Leben des Volkes währt länger als das der Fürsten, nnd die Macht der in ihm lebenden Idee ist stärker, als Heere und diplomatische Künste.

Dentschlanv.

C Erfurt, 5. April. Das Resultat, oder vielmehr die Resultatlosigkeit der Schlußverhandlung des Verfassungsaus­schusses des Volkshauses ist fortwährend der Gegenstand leb­hafter Diskussionen in allen Kreisen. Es wird nicht verkannt, wie nieder-schlagend die Wirkung auf die öffentliche Meinung, und wie nachtheilig die Folgen für die ganze Mission des Parlaments sein würden, wenn eine ähnliche Zersplitterung der Stimmen in der Plenarversammlung einträte, und auch diese nur zu Minoritätsbeschlüsscn gelangte. Vorläufig sind jedoch sämmtliche Fraktionen entschlossen, ihre früheren Pro­gramme und die demgemäß im Ausschusse gestellten verschie­denen Anträge fcftzuhaltcn. Die Bahnhosspartei, welche im Ausschusse nur unterlag, weil Hr. v. Bodelschwingh eine ge­sonderte Stellung nahm, glaubt der Mehrheit im Plenum fort­während sicher zu sein. Die übrigen Fraktionen rechnen — und diese Wahrscheinlichkeit liegt unleugbar sehr nahe — auf eine Spaltung innerhalb dieser bisherigen Majorität, und auf die Bildung eines neuen Centrums aus ihr heraus. In der gestern Abend gehaltenen Konferenz der Bahnhofspartei traten

übrigens die Symptome eines Bruches noch nicht klar hervor. Die dem Ausschusse angehörigen Mitglieder, namentlich Hr. v. Vincke, statteten über die Vorgänge in der Schlußsitzung ausführlich Bericht ab. Hr. v. Bodelschwingh ergriff wiederholt das Wort zu seiner Rechtfertigung. Er suchte nachzuweisen, daß er mit seiner Auffassung vollständig auf dem Boden des von ihm ausgegangenen Programms geblieben sei: obwohl er mit der­selben im Ausschusse allein gestanden, hoffe er doch die Zu­stimmung der Partei für sie zu gewinnen. Sollte die Ma­jorität gegen ihn entscheiden, so werde er sich unterwerfen. Man gelangte nach längerer Diskussion nicht zu definitiven Beschlüssen, sondern vertagte diese auf heute.

Die Centrumpartei versammelt sich jetzt im Restaurations­lokal des Herrn Klemm. Ihr Vorstand besteht aus den HH. Goltdammer, Urlichs und Falk. Sie hielt auch gestern Abend an der Ueberzeugung fest, daß der Weg der Annahme der Verfassung en bloc, namentlich nachdem ihn die Regierungen verworfen, ein resultatloser sei. Eben so sei jedoch eine zeit­raubende Revision bis ins Einzelne zu vermeiden. Man schließe sich am besten auch im Plenum ganz dem im Aus­schüsse gewählten Gange an, indem man nach dessen Vor­schlägen rasch alle wichtigeren der Revision bedürftigen Punkte formulire, und dann das Gesammtresultat den Regierungen zur Erklärung überweise. Die Partei wird im Wesentlichen den von Herrn Hasselbach im Ausschusse vorgelegten Antrag zu dem ihrigen machen, hat sich jedoch dessen definitive For- mulirung noch für die heutige Abendsitzung Vorbehalten. Es frägt sich, ob den Regierungen vorläufig nur die Revisions­akte vorgelegt werden und jede bindende Erklärung über die Annahme der Verfassung noch vermieden, oder ob diese sofort beigefügt werden soll. — Die Fraktion hat sowohl die des Bahnhofes, als die des Schlehendorns von ihrer Konstitui- rung unterrichtet, und beide um Mittheilung der Anträge ersucht, welche sie später im Plenum zu stellen beabsichtigen. Herr Stahl antwortete in sehr verbindlichen Ausdrücken.

— Gestern Abend fand im „Schlehendorn" eine Ver­sammlung der Partei der Rechten Statt. Wir tragen hierbei nach, daß sich die Anzahl der gestern von uns mitgetheilten Namen von Abgeordneten, welche das Stahlsche Programm unterschrieben haben, auf 23 beläuft, und daß neuerdings diesen die Abgeordneten v. Massow und Freiherr v. Zedlitz (Glatz) zugctrelcn sind. Außerdem halten sich zu der Frak­tion und stimmen mit derselben überein, ohne das Programm unterschrieben zu haben, die Abgg. v. Selchow, Fürst Hohen­lohe und v. Blumenthal aus dem Volkshause und GrafWal- densce, Graf Zech - Burkersrode und Generalsuperintendent Möller aus dem Staatenhause. Der Letztere hat die aus­drückliche Erklärung abgegeben, daß er sich zu der Partei und ihrem Programme halte, dem Grasen Zech-BurkerSrode war das Programm nicht positiv genug. In der gestrigen Ver­sammlung konstituirte sich nun die Partei in freier Weise, indem man von einem Statute gänzlich absah und jedem Mitglicde besondere Anträge zu stellen anheimgab. Sodann schritt man zur Wahl des provisorischen Vorstandes, weil man die eine definitive bis zur Rückkehr der abwesenden Mit­glieder verschieben wollte. Professor Dr. Stahl wurde zum provisorischen Vorsitzenden erwählt und ihm freigestellt, sich der Mitwirkung sclbstgcwählter Parteimitglieder zu versichern.. Es wurde hierauf auch hier über die Vorgänge im Ausschusse Bericht erstattet. Die Partei wird den dort gestellten Antrag des Herrn v. Senden festhalten, und auf eine specielle Revi­sion der Verfassung in allen Theilen vor ihrer Annahme drin­gen. Sie ging demgemäß sofort zur Besprechung der Abänderungsvorschläge zu der Verfassung über, und zwar zunächst zu dem fünften Abschnitte, das Reichsgericht be­treffend. Die von verschiedenen Seiten vorgeschlaksenen Mo­difikationen werden heute Abend in bestimmt formulirter Weise der Versammlung vorgelegt werden. — Da der Ausschuß des Volkshauses zu einem positiven Resultat nicht gelangt ist, so erwartet man mit um so größerer Spannung die Beschlüsse des Ausschusses des andern Hauses. Dieser hielt gestern uno heute morgen Sitzungen nnv ist mit der Berathung der Ver-