Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Sonntag, 7. April 1850. J\g IGle Morgen - Ausgabe.
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*** Oesterreich , Preußen und das deutsche Bedürfniß.
Zweiter Artikel.
Es ist in dem vorigen Aufsatz zu zeigen versucht worden, daß die nationalen Bedürfnisse der Deutschen durch Oesterreich niemals Befriedigung gefunden haben und auch in der Folge nicht finden können. Wir wollen heute dieses Bedürfniß, wie wir es für die Gegenwart begreifen, etwas naher darlegen und dann sehen, welches Verhalten Preußen dazu einnimmt. Es ist eine Eigenthümlichkeit von Deutschland, gegenüber namentlich von Frankreich, daß die Formen, in welchen sein öffentliches Leben sich bewegte, nie größer gewesen sind, als ihr Inhalt. Es gab eine Zeit, wo das Volk so zu sagen atomiftisch zersplittert war. Der Heer- und Gerichtsbann des Reiches waren nur die Symbole einer Staatsgewalt. Die wahre Bürgschaft der Freiheit lag allein in der Kraft des Individuums. Da führte gemeinsame Gefahr zur Einigung. Es entstanden die Korporationen der Ritterschaften, die Bünde der Städte, die Verträge Beider mit den zu Territorialheeren entpuppten ReichSbeamlen. Aber ter Vertrag ist eine unzureichende Grundlage des Rechtes. Das Interesse der Gesammtheit muß an tie Stelle treten der Interessen der Einzelnen, aus Ständen (Status; états-état) muß ein Staat werden. Deutschland hat auch diesen Ent- wickelungsprocrß durchgemacht. Aber weil es ihn nur gelöst hat innerhalb der einzelnen Territorien, so bleibt rhm noch eine Stufe zu erringen, das ist die Verwirklichung des die Nation umfassenden Staates. Nur darin ließt Die Bürgschaft des Rechtes gegen die Gewalt im Innern und nach Außen, der Freiheit und der Macht. Oesterreich kann vermöge seiner Zusammensetzung aus den verschiedensten Nationalitäten nicht rein deutsch sein. Es kann ebensowenig ein Staat sein, oder an einem Staate Theil nehmen. Die verschiedenen unter seinem Scepter vereinigten Völkerschaften haben verschiedene Bedürfnisse, die wenigen, allen gemeinsamen werden sattsam befriedigt durch eine R e i ch s Verfassung. Anvers Preußen. Die slavischen Elemente innerhalb seiner Grenzen sind bis auf eine Ausnahme gänzlich germanisirt. Die Staatseinheit ist der leitende Gedanke seiner Geschichte. Freilich war die Form des einheitlichen Staates bis in dieses Jahrhundert eine sehr unvollkommene, sie bestand in der gemeinsamen Un- terthänigkeit Aller unter einen absoluten König. Im märkischen Sande haben die freiheitlichen Institute, so wenig als die Romantik des Mittelalters jemals eine feste Stätte gehabt. Unromantisch ist auch das Rechtsgeschäft, vermöge dessen der Burggraf Friedrich von Nürnberg die Wiege des preußischen Staates von dem gelvbevürftigen Kaiser Sigis- munv erhandelte. In allen später erworbenen Provinzen bezeichnet der Bruch der mittelalterlichen Verfassungen den Eintritt Der neuen Verwaltung. Unerträglich wäre vie Despotie gewesen, hätte sie nicht eine Rechtfertigung gefunvcn in dem großen Zwecke, dem sie diente, hätte sie nicht eine Milderung erfahren durch vie erbliche Gesinnung der regierenden Familie. Dieses wunderbadr Regentenhaus durfte mehr als jeves anvere die Identität des Staates mit dem Könige behaupten, weil es nie sein Interesse von dem des Staates trennte. Der Ab
solutismus selbst konnte Vertheidiger finden, wenn er wie bei Friedrich II. als die höchste Einsicht verkörpert auftrat. In den kleinen Territorien mochten sich Reste ständischer Verfassung erhalten haben, aber zu schwach, der Willkür der kleinen Tyrannen einen Damm entgegenzusetzen, dienten sie nur dazu, den oft wiederholten Bruch des Rechtes um so fühlbarer zu machen. In Preußen war der Wille des Königs die anerkannte Grundlage der Verfassung, aber in dem politisch unfreiesten Lande herrschte die größte individuelle Freiheit. Der König gebot ohne Schranke über die Einnahmequellen des Staates, aber seine Regierung erkannte zuerst in Deutschland, daß die Steigerung des Nationalreichthums die einzig nachhaltige Vermehrung des öffentlichen Aufkommens gewährt. Als nun noch die Siege des großen Friedrich dem Staate einen Glanz verliehen, der den alten Ruhm der Wittelsbacher und Habsburger in die Vergessenheit zurückdrängte, da erwachte das stolze Gefühl, zu einander zu gehören, bei den Preußen, das Gefühl der Bewunderung bei den Nachbarn. Friedrich war nicht ein preußischer, er war ein deutscher Held. Und deutsch waren die Zwecke, für die er kämpfte. Schon seine Vorfahren hatten sich zu Trägern und Vertheidigern der nationalen Ideen gemacht. Brandenburg war der Vorkämpfer der Reformation und damit der Gegner Oesterreichs geworden, welches Deutschland mit kirchlicher unv politischer Knechtschaft bedrohte. Tiefer Ingrimm über die Abhängigkeit Deutschlands von den Fremden bildete einen zweiten Bestandtheil der hohenzollernschen Hausgesinnung. „Wir haben, sprach der große Kurfürst zu dem deutschen Volk, unser Blut, unsere Ehre und unsern Namen dahin gegeben und Nichts damit ausgerichtet, als daß wir uns zu Dienstknechten fremder Nationen und des uralten hohen Namens fast verlustig gemacht haben. Was sind Rhein, Elbe, Weser, Overstrom nunmehr anders als fremder Nationen Gefangene! Was ist deine Freiheit und Religion mehr, denn daß Andere damit spielen." „Kein Engländer und Franzose, rief Friedrich Wilhelm I. aus, soll über uns Deutsche gebieten ; meinen Kindern will ich Pistolen und Degen in die Wiege geben, daß sic fremde Nationen aus Deutschland Helsen abhalten." „Ich will Die stolzen Leute zur raison helfen bringen, schrieb derselbe König an Den Grafen Seckendorf, sie sollen sehen, daß das dentsche Blut nicht verwüstet ist." „Wenn sich Schweden in Neichssachen meliren, äußerte er ein ander Mal, muß man Schweden absolute vom deutschen Boden schmeißen." Friedrich erreichte, was seine Vorgänger erstrebt hatten, und der letzte Akt seiner langen Regierung war noch, zur Rettung der abermals von Oesterreich bedrohten Selbstständigkeit Baierns einen Bund der deutschen Fürsten zu stiften, der — wenn er im Frieden hätte gepflegt werden sönnen — vielleicht zur Grundlage eines neuen staatsrechtlichen Systemes von Deutschland erstarkt wäre. Es sollte anders kommen. Der Sturm der französischen Revolution brauste daher und schüttelte von dem Baume des deutschen Lebens die dürren Blätter, brach aber auch manche junge Blüthe. Man kann es bedauern, daß cs Deutschland nicht vergönnt war aus eigener innerer Kraft sich neu zu gestalten; aber man darf es'nicht übersehen, daß wir die rasche Beseitigung veralteter Formen der Neberfluthung der Fremden verdanken.