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Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Sonntag, 7. April 1850. J\g IGle Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitunq erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigegeben. Die Morgen-Ansgabe wird von '/JI bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kassel von 5 bis 7 Uhr erpedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Lttckhardt'schen und Dollmann'schen Buch - und Kunsthandlung. Der Abonnementspreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle kurbessischen Postämter daS Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Petitzeile berechnet.

*** Oesterreich , Preußen und das deutsche Be­dürfniß.

Zweiter Artikel.

Es ist in dem vorigen Aufsatz zu zeigen versucht worden, daß die nationalen Bedürfnisse der Deutschen durch Oester­reich niemals Befriedigung gefunden haben und auch in der Folge nicht finden können. Wir wollen heute dieses Bedürf­niß, wie wir es für die Gegenwart begreifen, etwas naher darlegen und dann sehen, welches Verhalten Preußen dazu einnimmt. Es ist eine Eigenthümlichkeit von Deutschland, gegenüber namentlich von Frankreich, daß die Formen, in welchen sein öffentliches Leben sich bewegte, nie größer gewe­sen sind, als ihr Inhalt. Es gab eine Zeit, wo das Volk so zu sagen atomiftisch zersplittert war. Der Heer- und Ge­richtsbann des Reiches waren nur die Symbole einer Staats­gewalt. Die wahre Bürgschaft der Freiheit lag allein in der Kraft des Individuums. Da führte gemeinsame Gefahr zur Einigung. Es entstanden die Korporationen der Ritterschaf­ten, die Bünde der Städte, die Verträge Beider mit den zu Territorialheeren entpuppten ReichSbeamlen. Aber ter Ver­trag ist eine unzureichende Grundlage des Rechtes. Das Interesse der Gesammtheit muß an tie Stelle treten der Interessen der Einzelnen, aus Ständen (Status; états-état) muß ein Staat werden. Deutschland hat auch diesen Ent- wickelungsprocrß durchgemacht. Aber weil es ihn nur gelöst hat innerhalb der einzelnen Territorien, so bleibt rhm noch eine Stufe zu erringen, das ist die Verwirklichung des die Nation umfassenden Staates. Nur darin ließt Die Bürgschaft des Rechtes gegen die Gewalt im Innern und nach Außen, der Freiheit und der Macht. Oesterreich kann vermöge seiner Zusammensetzung aus den verschiedensten Nationalitäten nicht rein deutsch sein. Es kann ebensowenig ein Staat sein, oder an einem Staate Theil nehmen. Die verschiedenen unter seinem Scepter ver­einigten Völkerschaften haben verschiedene Bedürfnisse, die we­nigen, allen gemeinsamen werden sattsam befriedigt durch eine R e i ch s Verfassung. Anvers Preußen. Die slavischen Elemente innerhalb seiner Grenzen sind bis auf eine Aus­nahme gänzlich germanisirt. Die Staatseinheit ist der leitende Gedanke seiner Geschichte. Freilich war die Form des einheitlichen Staates bis in dieses Jahrhundert eine sehr unvollkommene, sie bestand in der gemeinsamen Un- terthänigkeit Aller unter einen absoluten König. Im märki­schen Sande haben die freiheitlichen Institute, so wenig als die Romantik des Mittelalters jemals eine feste Stätte ge­habt. Unromantisch ist auch das Rechtsgeschäft, vermöge des­sen der Burggraf Friedrich von Nürnberg die Wiege des preußischen Staates von dem gelvbevürftigen Kaiser Sigis- munv erhandelte. In allen später erworbenen Provinzen be­zeichnet der Bruch der mittelalterlichen Verfassungen den Ein­tritt Der neuen Verwaltung. Unerträglich wäre vie Despotie gewesen, hätte sie nicht eine Rechtfertigung gefunvcn in dem großen Zwecke, dem sie diente, hätte sie nicht eine Milderung erfahren durch vie erbliche Gesinnung der regierenden Familie. Dieses wunderbadr Regentenhaus durfte mehr als jeves anvere die Identität des Staates mit dem Könige behaupten, weil es nie sein Interesse von dem des Staates trennte. Der Ab­

solutismus selbst konnte Vertheidiger finden, wenn er wie bei Friedrich II. als die höchste Einsicht verkörpert auftrat. In den kleinen Territorien mochten sich Reste ständischer Verfassung erhalten haben, aber zu schwach, der Willkür der kleinen Ty­rannen einen Damm entgegenzusetzen, dienten sie nur dazu, den oft wiederholten Bruch des Rechtes um so fühlbarer zu machen. In Preußen war der Wille des Königs die aner­kannte Grundlage der Verfassung, aber in dem politisch un­freiesten Lande herrschte die größte individuelle Freiheit. Der König gebot ohne Schranke über die Einnahmequellen des Staates, aber seine Regierung erkannte zuerst in Deutschland, daß die Steigerung des Nationalreichthums die einzig nach­haltige Vermehrung des öffentlichen Aufkommens gewährt. Als nun noch die Siege des großen Friedrich dem Staate einen Glanz verliehen, der den alten Ruhm der Wittelsbacher und Habsburger in die Vergessenheit zurückdrängte, da er­wachte das stolze Gefühl, zu einander zu gehören, bei den Preußen, das Gefühl der Bewunderung bei den Nachbarn. Friedrich war nicht ein preußischer, er war ein deutscher Held. Und deutsch waren die Zwecke, für die er kämpfte. Schon seine Vorfahren hatten sich zu Trägern und Vertheidigern der nationalen Ideen gemacht. Branden­burg war der Vorkämpfer der Reformation und damit der Gegner Oesterreichs geworden, welches Deutschland mit kirch­licher unv politischer Knechtschaft bedrohte. Tiefer Ingrimm über die Abhängigkeit Deutschlands von den Fremden bil­dete einen zweiten Bestandtheil der hohenzollernschen Hausge­sinnung.Wir haben, sprach der große Kurfürst zu dem deutschen Volk, unser Blut, unsere Ehre und unsern Namen dahin gegeben und Nichts damit ausgerichtet, als daß wir uns zu Dienstknechten fremder Nationen und des uralten ho­hen Namens fast verlustig gemacht haben. Was sind Rhein, Elbe, Weser, Overstrom nunmehr anders als fremder Nationen Gefangene! Was ist deine Freiheit und Religion mehr, denn daß Andere damit spielen."Kein Engländer und Franzose, rief Friedrich Wilhelm I. aus, soll über uns Deutsche gebie­ten ; meinen Kindern will ich Pistolen und Degen in die Wiege geben, daß sic fremde Nationen aus Deutschland Hel­sen abhalten."Ich will Die stolzen Leute zur raison helfen bringen, schrieb derselbe König an Den Grafen Seckendorf, sie sollen sehen, daß das dentsche Blut nicht verwüstet ist." Wenn sich Schweden in Neichssachen meliren, äußerte er ein ander Mal, muß man Schweden absolute vom deutschen Bo­den schmeißen." Friedrich erreichte, was seine Vorgänger er­strebt hatten, und der letzte Akt seiner langen Regierung war noch, zur Rettung der abermals von Oesterreich bedrohten Selbstständigkeit Baierns einen Bund der deutschen Fürsten zu stiften, der wenn er im Frieden hätte gepflegt werden sönnen vielleicht zur Grundlage eines neuen staatsrecht­lichen Systemes von Deutschland erstarkt wäre. Es sollte an­ders kommen. Der Sturm der französischen Revolution brauste daher und schüttelte von dem Baume des deutschen Lebens die dürren Blätter, brach aber auch manche junge Blüthe. Man kann es bedauern, daß cs Deutschland nicht vergönnt war aus eigener innerer Kraft sich neu zu gestalten; aber man darf es'nicht übersehen, daß wir die rasche Beseitigung veralteter Formen der Neberfluthung der Fremden verdanken.