Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Donnerstag, 4. April 1850. ^V? 15G» Morgen - Ausgabe.
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6 Die neue Organisation der inneren Landesver- waltung in Kurheffen.
Zweiter Artikel.
Ein G c g e N p r o j e k t.
Wir wollen, ehe wir die Reihe der Aufsätze beginnen, welche unsere neuen Verwaltungseinrichtungen beleuchten sollen, mit dem einzigen vom „Volksfreunde" aufgetischten Gegenprojekte uns etwas befassen.
Der „Volksfreund" schlägt in Nr. 26 eine Einrichtung vor, die im Wesentlichen darauf hinausläuft, den früheren Kreisämtern Bezirksräthe als Bcirath in gewerblichen und landwirthschaftlichen Angelegenheiten an die Seite zu setzen, jede weitere Ausdehnung des Bezirksrathsinstituts und damit auch die Bezirksausschüsse zu beseitigen. Ferner will er zu Kassel eine einzige obere Verwaltungsbehörde oder Landesregierung bilden, die in 7 Sektionen zerfallen soll, für Ho- Heitsangelegenheiten, für Polizeiangelegenheiten, für Gemeinde- und Stiftungsangelegenheiten, für Landwirlhschasts-, Handels- uno Gewerbsaugelegenbeiten, für Bausachen, Schulsachen und Medicinalsachen. Jede Sektion soll, die technischen Mitglieder für Bau-, Schul- und Medicinalsachen ungerechnet, lediglich aus einem Regierungsrath bestehen, das Ganze von einem Direktor geleitet werden. Die Geschäftsbehandlung soll bald kollegialisch, bald bürcaukratisch sein. Es sollen damit 46,250 Thlr. zu ersparen sein.
Fürwahr, so einfach und so wohlfeil, daß es um die gänzliche Verkehrtheit Schade ist!
Wir wollen mit dem s. g. „Volksfreund" zunächst darüber nicht rechten, daß er das Institut der Bezirksräthe an der Wurzel angreifen, daß er es in dem Sinne, in dem es neuerdings nicht allein in Kurhessen, sondern allgemein und überall aufgefaßt worden ist, geradezu vernichten will. Wir erkennen darin den Gegner des Princips und der ist nicht zu bekehren. Wir wollen auch einen solchen Bekehrungsver- >nch um deßwillen gar nicht vornehmen, weil wir, trotz der Abneigung des „Volksfreundes" das Bezirksrathsinstitut kaum mehr für gefährdet erachten können, nachdem es in mehreren Nachbarstaaten ebenfalls Wurzel gefaßt hat, und nachdem erst in Preußen eine auf gleichem Princip beruhende Einrichtung ins Leben gerufen, und dort in manchen wichtigen Punkten sogar noch weiter als bei uns ausgedehnt worden ist.
Wir erkennen den Verwaltungs-Organismus als solchen, wie ihn der „Volksfreund" vorschlägt, sogar unter Umständen, — natürlich abgesehen von der ganz fehlerhaften Detailent- wickelung und dem daraus folgenden finanziellen Trugschlusse, — als einen zweckmäßigen an. Wir glauben, daß er für die Verwaltung einer, Kurhessen an Größe und Einwohnerzahl ungefähr gleichen Provinz eines größeren Staates ganz angemessen sein kann, wenn diese Provinz ein kompaktes Ganzes mit gleichmäßiger historischer Entwickelung und Bildung ist. Für Kurhessen aber wäre eine Centralisation der Verwaltung ganz verfehlt. Denn Kurhessen ist ein theils zu Nord-, theils zu Süddeutschlanv gehöriges zerrissenes Land, mit sehr verwickelten Grenzverhaltnissen und nachbarlichen Beziehungen. Die Richtungen seines Verkehrs gehen theils zur Weser, theils zum Rhein; sein Handel ist je nach den verschiedenen Bezirken in Abhängigkeit hier von Bremen, dort von Leipzig, dort
von Frankfurt; seine Industrie, seine Landwirthschaft stehen auf den verschiedensten Stufen dcr Ausbildung, und bedürfen hier ganz anderer Art der Beihülse, als dort; von seinen Bezirken ist in beinahe völliger Abgeschlossenheit der eine reformirt, der andere katholisch; die Fundamente, namentlich des gemein- heitlichen Lebens sind himmelweit verschieden im Althessischen, im Schaumburgischen, im Fuldaischen, im Hanauischen. Die Verwaltung eines solchen Landes centralisiren, das hieße nichts anders, als die letzten Keime zu einer befriedigenden von innen herauskommcnden Entwickelung tödten.
Das Projekt des „Volksfreundes" würde den Geldaufwand des Staats, zum Verderben der Provinzen, immer mehr auf die Hauptstadt beschränken, es würde das Kapital von Intelligenz, das im Stande der höheren Staatsdiener ruht, immer mehr auf einen Punkt vereinigen, damit ein wichtiges geistiges Element im Sehen der Provinzialstädte vernichten und eine einseitig vom Rcsidcnzleben abhängige Richtung jenes Standes in einer Weise fördern, die weder zum Wohle der Staatsdiener, noch des Staatsdienstes ausschlagen könnte.
Wir würden dem „Volksfreunde" auch leicht nachweisen können, daß sein Projekt, richtig ausgeführt, gegen die bei jeder Organisation mehr noch als die Gelbökonomie ins Auge zu fassende Ockonomie in Verwendung der Personalkräfte verstößt; daß sein Projekt weit mehr Staatsbeamte von wirklich höherer Intelligenz und Charakterstärke erfordern würde, als deren die dermalige Organisation bedarf, und als dem Lande zu Gebot stehen.
Nicht minder leicht wäre cs nachzuwcisen, daß die gerühmte kollegialische Geschäftsbehandlung drs Projektes im „Volksfreunde" rein auf Illusion beruhen würde.
Am unbegreiflichsten aber bleibt uns die völlige Verkennung des richtigen Maßes für die zur Verwirklichung des Projektes erforderlichen Arbeitskräfte. Diese Verkennung ist in Der That so auffällig, daß wir Anstand nehmen müssen, sie bloß naiv zu nennen, und mit dem besten Willen kaum im Stande sind, die Vermuthung zu unterdrücken, der Wunsch, durch die Aussicht auf Ersparnisse Proselyten zu machen, habe bei Verfassung des Projektes lebhafter sich geregt, als erlaubt ist.
Wir wollen die Leser nicht mit einer Erzählung alles Dessen behelligen, was jeder der sieben Regierungsräthe des „Volksfrcundes" selbst nach der von ihm in Vorschlag gebrachten Revision der Gesetzgebung, — deren besondere Betrachtung wir uns Vorbehalten — zu thun haben wird; Denn wir wollen kein Buch schreiben. Wir ziehen vor, weil cs kürzer und schlagender ist, an einigen Beispielen zu zeigen, wie vollständig unser Projektenmacher sich verrechnet hat.
Das Projekt fordert einen, sage einen Referenten für alle Gemeinde- und Stiftungsangelegenheiten des Kurstaateö! Aber nach den seitherigen Erfahrungen werden Die Angelegenheiten nur einiger Stiftungen allein ein Referat ausfüllen, cs sei beispielsweise ein vereinigtes Referat Der Angelegenheiten der Hospitäler Haina und Merxhausen und des Klosters Schlüchtern gedacht!
Das Projekt will einen technischen Referenten für das gesammte Volksschulwesen des Kurstaates. Aber der durch seine ausgezeichnete Arbeitsfähigkeit bekannte Schulreferent der