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Neue Hessische Zeitung.

Organ -er konstitutionellen Partei.

Donnerstag, 4. April 1850. ^V? 15G» Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Btal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigegeben. Die Morgen - Ausgabe wird von 7,11 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kastei von 5 bis 7 Uhr erpedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur Abcndö, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der tiiitfb(irbtf$en und Vollmann'schen Buch - und Kunsthandlung. Der Äbonncmentspreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle kurhessischen Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Pctitzeile berechnet.

6 Die neue Organisation der inneren Landesver- waltung in Kurheffen.

Zweiter Artikel.

Ein G c g e N p r o j e k t.

Wir wollen, ehe wir die Reihe der Aufsätze beginnen, welche unsere neuen Verwaltungseinrichtungen beleuchten sollen, mit dem einzigen vomVolksfreunde" aufgetischten Gegen­projekte uns etwas befassen.

DerVolksfreund" schlägt in Nr. 26 eine Einrichtung vor, die im Wesentlichen darauf hinausläuft, den früheren Kreisämtern Bezirksräthe als Bcirath in gewerblichen und landwirthschaftlichen Angelegenheiten an die Seite zu setzen, jede weitere Ausdehnung des Bezirksrathsinstituts und damit auch die Bezirksausschüsse zu beseitigen. Ferner will er zu Kassel eine einzige obere Verwaltungsbehörde oder Landes­regierung bilden, die in 7 Sektionen zerfallen soll, für Ho- Heitsangelegenheiten, für Polizeiangelegenheiten, für Gemeinde- und Stiftungsangelegenheiten, für Landwirlhschasts-, Handels- uno Gewerbsaugelegenbeiten, für Bausachen, Schulsachen und Medicinalsachen. Jede Sektion soll, die technischen Mitglie­der für Bau-, Schul- und Medicinalsachen ungerechnet, le­diglich aus einem Regierungsrath bestehen, das Ganze von einem Direktor geleitet werden. Die Geschäftsbehandlung soll bald kollegialisch, bald bürcaukratisch sein. Es sollen damit 46,250 Thlr. zu ersparen sein.

Fürwahr, so einfach und so wohlfeil, daß es um die gänz­liche Verkehrtheit Schade ist!

Wir wollen mit dem s. g.Volksfreund" zunächst dar­über nicht rechten, daß er das Institut der Bezirksräthe an der Wurzel angreifen, daß er es in dem Sinne, in dem es neuerdings nicht allein in Kurhessen, sondern allgemein und überall aufgefaßt worden ist, geradezu vernichten will. Wir erkennen darin den Gegner des Princips und der ist nicht zu bekehren. Wir wollen auch einen solchen Bekehrungsver- >nch um deßwillen gar nicht vornehmen, weil wir, trotz der Abneigung desVolksfreundes" das Bezirksrathsinstitut kaum mehr für gefährdet erachten können, nachdem es in mehreren Nachbarstaaten ebenfalls Wurzel gefaßt hat, und nachdem erst in Preußen eine auf gleichem Princip beruhende Einrichtung ins Leben gerufen, und dort in manchen wichtigen Punkten sogar noch weiter als bei uns ausgedehnt worden ist.

Wir erkennen den Verwaltungs-Organismus als solchen, wie ihn derVolksfreund" vorschlägt, sogar unter Umständen, natürlich abgesehen von der ganz fehlerhaften Detailent- wickelung und dem daraus folgenden finanziellen Trugschlusse, als einen zweckmäßigen an. Wir glauben, daß er für die Verwaltung einer, Kurhessen an Größe und Einwohnerzahl ungefähr gleichen Provinz eines größeren Staates ganz ange­messen sein kann, wenn diese Provinz ein kompaktes Ganzes mit gleichmäßiger historischer Entwickelung und Bildung ist. Für Kurhessen aber wäre eine Centralisation der Verwaltung ganz verfehlt. Denn Kurhessen ist ein theils zu Nord-, theils zu Süddeutschlanv gehöriges zerrissenes Land, mit sehr ver­wickelten Grenzverhaltnissen und nachbarlichen Beziehungen. Die Richtungen seines Verkehrs gehen theils zur Weser, theils zum Rhein; sein Handel ist je nach den verschiedenen Bezir­ken in Abhängigkeit hier von Bremen, dort von Leipzig, dort

von Frankfurt; seine Industrie, seine Landwirthschaft stehen auf den verschiedensten Stufen dcr Ausbildung, und bedürfen hier ganz anderer Art der Beihülse, als dort; von seinen Bezir­ken ist in beinahe völliger Abgeschlossenheit der eine reformirt, der andere katholisch; die Fundamente, namentlich des gemein- heitlichen Lebens sind himmelweit verschieden im Althessischen, im Schaumburgischen, im Fuldaischen, im Hanauischen. Die Verwaltung eines solchen Landes centralisiren, das hieße nichts anders, als die letzten Keime zu einer befriedigenden von in­nen herauskommcnden Entwickelung tödten.

Das Projekt desVolksfreundes" würde den Geldauf­wand des Staats, zum Verderben der Provinzen, immer mehr auf die Hauptstadt beschränken, es würde das Kapital von Intelligenz, das im Stande der höheren Staatsdiener ruht, immer mehr auf einen Punkt vereinigen, damit ein wich­tiges geistiges Element im Sehen der Provinzialstädte vernich­ten und eine einseitig vom Rcsidcnzleben abhängige Richtung jenes Standes in einer Weise fördern, die weder zum Wohle der Staatsdiener, noch des Staatsdienstes ausschlagen könnte.

Wir würden demVolksfreunde" auch leicht nachweisen können, daß sein Projekt, richtig ausgeführt, gegen die bei jeder Organisation mehr noch als die Gelbökonomie ins Auge zu fassende Ockonomie in Verwendung der Personalkräfte ver­stößt; daß sein Projekt weit mehr Staatsbeamte von wirklich höherer Intelligenz und Charakterstärke erfordern würde, als deren die dermalige Organisation bedarf, und als dem Lande zu Gebot stehen.

Nicht minder leicht wäre cs nachzuwcisen, daß die ge­rühmte kollegialische Geschäftsbehandlung drs Projektes im Volksfreunde" rein auf Illusion beruhen würde.

Am unbegreiflichsten aber bleibt uns die völlige Verken­nung des richtigen Maßes für die zur Verwirklichung des Projektes erforderlichen Arbeitskräfte. Diese Verkennung ist in Der That so auffällig, daß wir Anstand nehmen müssen, sie bloß naiv zu nennen, und mit dem besten Willen kaum im Stande sind, die Vermuthung zu unterdrücken, der Wunsch, durch die Aussicht auf Ersparnisse Proselyten zu machen, habe bei Verfassung des Projektes lebhafter sich geregt, als er­laubt ist.

Wir wollen die Leser nicht mit einer Erzählung alles Dessen behelligen, was jeder der sieben Regierungsräthe des Volksfrcundes" selbst nach der von ihm in Vorschlag gebrach­ten Revision der Gesetzgebung, deren besondere Betrach­tung wir uns Vorbehalten zu thun haben wird; Denn wir wollen kein Buch schreiben. Wir ziehen vor, weil cs kürzer und schlagender ist, an einigen Beispielen zu zeigen, wie voll­ständig unser Projektenmacher sich verrechnet hat.

Das Projekt fordert einen, sage einen Referenten für alle Gemeinde- und Stiftungsangelegenheiten des Kurstaateö! Aber nach den seitherigen Erfahrungen werden Die Angelegen­heiten nur einiger Stiftungen allein ein Referat ausfüllen, cs sei beispielsweise ein vereinigtes Referat Der Angelegenhei­ten der Hospitäler Haina und Merxhausen und des Klosters Schlüchtern gedacht!

Das Projekt will einen technischen Referenten für das gesammte Volksschulwesen des Kurstaates. Aber der durch seine ausgezeichnete Arbeitsfähigkeit bekannte Schulreferent der