Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Sonntag, 31. März 1850. J\e 15t* Morgen-Ausgabe.
Jur Nachricht.
Wegen des Osterfestes erscheint morgen keine Zeitung, dagegen heute eine Extra-Beilage.
Kastel, am 30. März.
Wie aus unsern letzten Erfurter Briefen hervorgeht, sind die vielgestaltigen Versuche, den deutschen Bundesstaat im Beginn zu zerstören, noch keineswegs am Ende. Und zwar sind es dieses Mal nicht die auswärtigen Feinde, welche den Faden der Intrigue lenken: Hr. v. Radowitz hat diese, wie es scheint, nur aus dem Felde geschlagen, um den viel gefährlicheren, im Innern operirenven Verrath sein niederträchtiges Spiel eröffnen zu sehen.
Der Kreuzpartei in Preußen und anderwärts kommt es gegenwärtig darauf an, das Bündniß und den Bundesstaat von Innen zu sprengen, nachdem die von Außen einge- fädelten Versuche nicht zu dem Ziele gelangt sind. Diese Versuche hatten sich bekanntlich an die heterogensten Dinge angeklammert. Mit grinsender Zuvorkommenheit hat man alte abgefeimte Absolutisten den Demokraten schmeicheln, man hat sie die verächtlichsten Sondergelüste beschränkter Dynasten hätscheln sehen, ja sogar die Fremden und die erklärten Feinde der Nation sind zu dem verruchten Zwecke aufgeboten worden.
Man hat dieses Treiben ehrlos genannt, und wahrlich in keinem Lande, wo die Nation noch einen Rest von Schaam und Ehre hat, würde man es anders nennen.
Und dennoch, es gibt noch etwas Ehrloseres. Das ist die Lüge, welche von Innen operirt, nachdem sie draußen zu Schanden ward. Dieses Verfahren ist so unsäglich gemein, daß es der Kreuzpartei in Preußen, ungeachtet ihres verderblichen und schmachvollen Einflusses, nicht hat gelingen können, weder bei der preußischen Regierung, noch viel weniger bei dem Verwaltungsrathe, geschweige denn bei dem Reichstage dafür irgend eine scheinbare und plausible Handhabe zu gewinnen.
Die Kreuzpartei hat sich jetzt der guten Dienste des Hrn. Hasienpflug zu rechter Zeit erinnert und ihn nach Kurhessen ziehen lassen, damit von diesem Lande aus dasjenige geschehe, was von Preußen ehrenhalber nicht unmittelbar auSgehen durfte.
. Hassenpflug hat denn auch in seinem Programme, weiterhin in seinen Eröffnungen vor unserem Vcrfaffungsaus- schusse die löbliche Absicht zu verstehen gegeben, den Bundesstaat von .innen aufzulösen. Zunächst mochte er seine Hoffnungen auf die allenfaUsige Uneinigkeit des Reichstags, ins- sondere auf einen etwa entstehenden Konflikt zwischen Volksund Staatenhaus setzen, wie solches aus der Erklärung Kurhessens in der Sitzung bes Verwaltungsraths vom 8. d. M. hervorgeht.
Diese Hoffnung ist nicht erfüllt worden und Hr. Hassen- psiug ist jetzt genöthigt, direkter vorzuschreiten.
Was bei dieser Angelegenheit zunächst den Herrn Hasscn- pflug betrifft, so müssen wir gestehen, daß er den Zeitpunkt cmer außerordentlichen, vielleicht nie wieberkchrenden Konjunk- wr gut gewählt hat, um sich als Werkzeug zu einem für ganz Deutschland verhängnißvollen Unternehmen einen Namen zu machen, wie ihn heut zu Tage im nüchternen und regelmäßigen Verlaus der Dinge ein Abenteurer sich so leicht nicht mehr zu erringen vermag. ,
Das Auftreten des Hrn. Hassenpflug in Kurhessen haben wir bisher als einen mehr dreisten wie gefahrbringenden Ver
such des Absolutismus betrachtet. Wir konnten das Ende dieses sonderbaren politischen Faschings ziemlich genau voraus berechnen. Es wird daran nun zwar durch den Verrath an Deutschland nichts geändert. Hr. Hassenpflug wird so wenig durch Oesterreich als durch Preußen in unserem Lande gehalten werden können. Aber tief bedauern müßten wir es, wenn diese an sich lächerliche Episode unserer kurhessischen Geschichte für das größere Vaterland verderblich werden sollte.
Der Verwaltungsrath hat sich zu Beschlüssen veranlaßt gesehen, durch welche der drohende Angriff wo möglich parirt werden soll. Ob und in wie weit diese Beschlüsse durch die Klugheit geboten sind, und ob sie die Grenzen des Erlaubten und Zweckmäßigen nicht überschreiten, läßt sich im Augenblicke nicht übersehen. Wie aber auch in dieser Beziehung die Ansichten zu Erfurt sich gestalten sollten: wenn der Augenblick gekommen sein wird, wo zwischen Ehre und Schande, zwischen Treue und Verrath gewählt werden muß, so mag der König von Preußen in Gottes Namen wählen, unsere Vertreter werden bann auch zu wählen wissen und es wird ihnen die Wahl leichter werden, wenn ein Hassenpflug ihnen in vorderster Reihe gegenübersteht.
Deutschland.
* Erfurt, 28. März. Der Stand der hiesigen Angelegenheiten hat mit unvermutheter Schnelligkeit sein Ansehen gewechselt. Nach der glänzenden Rede des Hrn. v. Radowitz konnte, so schien es, Niemand die Festigkeit der bisherigen Politik bezweifeln, die die Berufung und Eröffnung des Reichstags bewirkt hatte, für deren Sicherheit die Koalition Bodel- schwinghs mit den Gothaern, die Polemik Brandenburgs gegen Gerlach zu bürgen schien. In solcher Stimmung begannen vorgestern die Verfassungsausschüsse der beiden Häuser ihre Arbeiten, auch ihre Zusammensetzung gab der Partei der Gesammtaunahme entschiedene Majorität, 11 gegen 10 Stimmen im Ausschusse des Volkshauses, 18 Stimmen (darunter die Hessen Duysing, Pfeiffer, v. Sybel) gegen 7 (darunter v. Eschwege) in jenem des Staatenhauses. Gestern morgen aber hielt der Verwaltungsrath eine Sitzung, um über sein Benehmen gegen die Ausschüsse Beschluß zu fassen. In dieser Siz- zung trat Hr. Hassenpflug sein Amt an mit der Erklärung, die vollkommen mit seinem früheren, wie mit seinem jetzigen Auftreten in Hessen harmonirt: wenn man die Verfassung en bloc annehme, so müsse Hessen dieß als einen Vertragsbruch betrachten, und werde demnach in diesem Falle sich an die Union nicht mehr gebunden erachten. Diese Erörterung eines reinen Widersinnes blieb allen Gcgengrnnden unzugänglich, und der Verwaltungsrath, um nicht gleich mit Zwietracht zu debütiren, kam auf einen, wie man zu sagen pflegt, vermittelnden Beschluß. Die Kommissarien v. Radowitz und von Carlowitz erklärten also gestern den Ausschüssen: Sollte man sich für die Gesammtannahme der Verfassung entscheiden, so daß eine Revision nur Vorbehalten bliebe, so wäre dabei Seitens der Regierungen die conditio sine qua non, daß man den Titel über die Grundrechte fürs Erste ausschlösse und die Revision der Verfassung nach einfacher Mehrheit vollzöge. Wenn diese Anträge nicht ungetrennt gestellt würden, so hätte