Neue Hessische Zeitung.
Organ -er konstitutionellen Partei.
Sonnabend, 30. März 1850. J\§ 150» Morgen - Ausgabe.
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Am 30. März 1850.
Der Zusammentritt des Erfurter Parlaments und gleich die ersten Tage seiner Thätigkeit waren von entscheidender Bedeutung. Die Osterwoche des Jahres 1850 ist, wie es scheint, für die Geschicke des Vaterlandes eine rechte Osterwoche gewesen und hat uns die Zuversicht auf dessen Auferstehung befestigt.
Unter schweren und tausendfachen Anfechtungen hat sich der Gedanke eines deutschen Bundesstaates Bahn machen müssen. Weil er es verschmähte, an die Leidenschaften, an die Sonbcrinteressen, an die Parteizwecke, an die Intriguen zu appelliren, weil er sich nicht mit schlechten Mitteln durchsetzen wollte, weil er zweideutige Bundesgenossen verschmähte, weil er sich rein auf sich selbst und seine innere Wahrheit stellte, hat man es ihm von allen Seiten schwer gemacht. Aber nichts Tüchtiges und Großes tritt ohne Kampf und Anfechtung ins Leben ein. Der Sieg wird um so reiner, der Gewinn um so sicherer sein, wenn nur die Kraft, die das Gute schaffen soll, sich selbst getreu bis ans Ende bleibt.
Was ist nicht Alles gegen das Zustandekommen des Reichstags behauptet, aufgeboten und versucht worden! Und doch ist er am bestimmten Tage unbeirrt durch Drohungen und Intriguen zusammengetreten.
Was Hal man nicht Alles von den Reichstagsdeputirten gewußt, noch ebe sie gewählt waren! Der Absolutismus de- nuncirtc sie als Revolutionärs, die s. g. Demokratie verketzerte sie als Volksfeinde. Sie tagen jetzt in Erfurt und beweisen der Welt, daß sie weder das Eine noch das Andere sind. Jm Gegentheile, wenn nichts weiter durch diesen Reichstag erreicht wäre, so würbe er wenigstens den Beweis geliefert haben, daß die Nation zum parlamentarischen Leben vollkommen reif und im Stande ist, eine Versammlung hinzustellen, welche mit der Liebe zum Vaterlande und mit dem Streben nach wahrer Freiheit Verstand und Würde zu verbinden weiß.
Abgesehen von Anderem, hat gleich die Parteibildung gezeigt, daß sich Deutschland in diesem Reichstag vielleicht zum ersten Male einer wahrhaft staatsmännischen, d. h. einer praktisch politischen Versammlung zu erfreuen habe. Nicht um abstruse Doktrinen, um unverdaute Sätze aus der politischen Metaphysik haben sich die Parteien gcschaart, sondern um einige wenige praktische Punkte, welche es gegenwärtig in Deutschland und insbesondere in der Union durchzusetzen gilt. Damit ist der Anfang gemacht, um aus dem unerquicklichen und höchst unfruchtbaren Schulgczänke unserer politischen Sekten endlich zu einem gedeihlichen Staats- und Parteileben in Deutschland fortzuschrcitcn.
Das wichtigste Moment in den bisherigen Verhandlungen des Reichstags aber ist die Erklärung, welche Preußen und der Verwaltungsrath durch den beredten Mund des General- lieutenants v. Ravowitz abgegeben hat.
Die gewaltige Wirkung dieser Rede beruht weniger auf ihrem oratorischen Zauber, als auf ihrer geschichtlichen Bedeutung.
Der Reichstag ist versammelt, seine Mitglieder sind bereit, das Werk zu vollenden, da hängen sich die letzten verzweifelten Anstrengungen an die entscheidende Macht der preußischen
Regierung. Aufs Neue regt sich in einem kritischen Augenblicke der hundert Mal ausgesprengte, hundert Mal durch die That widerlegte Zweifel, ob Preußen treu bleiben und ausharren werde?
Hr. v. Ravowitz hat diesen Zweifel aufs Neue und in einer Weise zu Boden geschlagen, daß er sobald nicht wieder aufzustehen wagen darf.
Es ist wahr, noch fehlt viel, bis der Bundesstaat innerlich und äußerlich vollendet und unsern Wünschen in allen Stücken gerecht sein wird. Aber den festen Kern desselben und den entschlossenen Willen derer, die ihn zu bilden die Macht und das Vermögen haben, — dieß dürfen wir als das unzweifelhafte Ergebniß der letzten Woche begrüßen.
Dentschtanv.
* Kassel, 29. März. Durch zuverlässige Nachrichten aus Erfurt wird die naheliegende Vermuthung bestätigt, daß Hrn. Hassenpflugs Reise dorthin den Zweck gehabt habe, das Bündniß zu sprengen, daß jedoch die deßhalbigen Bestrebungen im Verwaltungsrathe mit Entschiedenheit zurückgewiesen seien. — Wir hoffen binnen Kurzem Näheres und Bestimmteres mittheilen zu können.
.^Kassel, 29. März. Die Angabe eines Ihrer Erfurter Korrespondenten, daß Hr. v. Roques für den K l e i st- R e e tz o w 'schen Antrag gestimmt habe, ist — wie ich bestimmt versichern kann — irrig. Für den Arni m schen Antrag hat sich derselbe allerdings erhoben, aber nicht aus bundesstaatsfeindlicher Gesinnung, sondern weil er der Ansicht war, daß die Wahl des VerfassungsauS- schusseö zweckmäßig bis zum Eintreffen der Abgeordneten aus Baden und Großherzogthum Hessen ausgesetzt bleibe. *)
C Erfurt, 27. März. Die gestern von uns ihren« ganzen Wortlaute nach mitgetheilte Rede des Herrn v. Ra- dowitz ist natürlich der hervorragendste Gegenstand der Besprechung in allen hiesigen Kreisen. Mit der preußischen äußersten Rechten ist bekanntlich Herr v. Ravowitz schon seit seinen Erörterungen der deutschen Verhältnisse in der Berliner zweiten Kammer gespannt, und sein gestriges Auftreten hat nicht dazu gedient, diese Kluft auszusüllcn. Man erkennt auf dieser Seite den Glanz des oratorischen Talentes an, aber man unterwirft fast noch mehr die Form, als den Inhalt der Rede einer nicht sehr wohlwollenden Kritik. Die specifischpreußischen Elemente des Parlaments stehen keineswegs «'n einem absoluten Gegensatze zu dessen Aufgabe. Sie erkennen die Nothwendigkeit einer Vergrößerungspolitik für Preußen an; aber sie wünschen dieselbe von der Romantik des Edel- muthes, von den nationalen Tendenzen und namentlich von dem Zusammenhänge mit allem Konstitutionalismus gelöst, und sie erblicken in den Auffassungen des Herrn von Ra- dowitz unberechtigte Zugeständnisse nach dieser Seite. — Wenn
*) Wir freuen uns, durch diese aus guter Quelle fließende Erklärung den falschen Schein, welcher auf einen charakterfesten, bisher zu der bundesstaatlichen Partei gezählten Mann durch die äußere Thatsache einer vereinzelten Abstimmung geworfen wurde, beseitigen zu können. D. R.