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Neue Hessische Zeitung.

Organ -er konstitutionellen Partei.

Freitag, 29. März 1850. J\g 149» Morgen - Ausgabe.

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Oesterreich, Preußen und das deutsche Bedürfniß.

Erster Artikel.

^»"Das geschickteste Manoeuvre der Groß deut scheu war die Erfindung ihres Parteinamens. So Etwas klingt wieder in dem idealistischen Gemüthe unseres Volkes. Man braucht dann nur noch Einiges zu reden von den Ver­diensten, die das an Sieg und Ehren reiche Oesterreich sich in der Vergangenheit um Deutschanv erworben habe, und alsbald erscheint es als eine frevelhafte Neuerung, eine deutsche Verfassung gründen zu wollen, in der für Oesterreich sich kein Raum findet. Ob wahr, ob falsch, ist für die Wirkung von Vorurteilen gleichgültig, und wir können uns deßhalb der Aufgabe nicht entschlagen, auch einmal mit dem Rüstzeuge der Geschichte der Behauptung von dem innigen Zusammeugchö- ren Oesterreichs und Deutschlands gegcnübcrzutreten. Nie behaupten w i r haben sie zusammengebört, u n d n i m- mer können sie zu einem engeren Verbände an einander geschmiedet werden, wenn nicht die Lebensaufgaben Beider Noth leiden sollen.

Schon das erste Auftreten Oesterreichs, als eines sell^- ständigen Territoriums, ist ein Schritt zu seiner Trennung von Deutschland. Das Privilegium, durch welches 1156 Iosomirgott Oesterreich nach dessen Absonderung von Baiern empfing, machte dasselbe zu einem untheilharen, nach den Re­geln der Primogenitur vererblichen Herzogthum. Innerhalb desselben ist der Herzog der alleinige Lehnsherr und trifft allein die nöthigen Anordnungen, an welchen Niemand, auch nicht der Kaiser, ändern darf. Zwar ist der Herzog Vasall des Reichs, nimmt unmittelbar nach den Kurfürsten seinen Platz ein, hat alle Rechte der übrigen Reichsfürsten und kann in jeder Fährlichkcit vom Reiche Hülfe fordern; aber seine Lehen braucht er nur auf österreichischem Grund und Boden zu empfangen, ver Reichsgerichtsbarkeit ist er nicht unterwor­fn und zu Kriegsdiensten und Geldleistungen dem Reiche so wenig wie zum Besuche des Reichstages verpflichtet. Gleiche Rechte sollen alle Landestheile erhalten, welche künftig dem Herzogthume zuwachsen werden.

Von dieser Grundlage aus erbauten die Habsburger, als sie dem Geschlechte der Babenberger im Besike von 'Oesterreich folgten, jenes gewaltige Reich, welches zur Zeit feiner Blüthe über ein Jahrhundert lang der Gegenstand des Neides und der Besorgniß für Europa war und noch heute, nach dem Verluste der besten Provinzen, als die mit den reichsten na­türlichen Mitteln ausgerüstete Kontinentalmacht angesehen wer­den muß. Die Herrscher von Oesterreich waren zugleich in fast ununterbrochener Folge deutsche Kaiser. Es ist eine oft wiederlehrende Selbsttäuschung der Völker, die Größe ihrer Fürsten mit ihrer eigenen zu verwechseln und so hat man denn gar häufig in Deutschland österreichische Siege für deut­sche gehalten. Aber wer mit freiem Blicke zurücksieht auf die Geschichte der der Auflösung des Reiches vorausgegangenen Jahrhunderte, ter wird nicht verkennen, daß die Verbindung der deutschen mit der habsburgischen Krone Deutschland in seiner äußeren und inneren Entwickelung hinderlich gewesen ist. Daß die Schweiz, daß die Niederlande aus ihrem na­türlichen Zusammenhänge zu Deutschland gerissen sind, ist die

Folge der Unterordnung des deutschen unter das habsburgische Interesse. Wenn die österreichischen Heere unglücklich fochten in den ewigen Kriegen wider Frankreich, so zahlte das Reich den Preis des Friedens. Für die Erhaltung der deutschen Grenzen im Norden hatte Oesterreich noch weniger ein Herz. Schweden und Russen mochten ungestraft auf deutschem Bo­den hausen.

Im Innern rang Dcutschland seit dem Ausgange des Mittelalters der Ausbildung staatlicher Verfassungen ent­gegen. Die österreichischen Kaiser, vollauf mit der Ausbil­dung ihrer Hausmacht beschäftigt, hatten nicht Zeit noch Lust, dem Gedanken der neuen Zeit in der Verfassung des alten Reiches zum Durchbruche zu verhelfen. So ging diese Auf­gabe von dem Kaiser auf die Landesherren der einzelnen Territo­rien über. Der Gedanke der Reichseinheit mußte aufgegeben, der des Föderalismus an die Stelle gesetzt werden. Aber Oesterreich, unfähig, Deutschland zu helfen, hatte doch die K-aft, es in der Verfolgung seiner Laufbahn aufzuhalten. Mit aller Macht klammerte es sich an die Kaiserkrone fest und benutzte das Ansehen des kaiserlichen Namens, um als Vertheidiger der verkommenen Formen einer untergegangenen Verfassung aufzu- treten, um die abgestorbenen Rcichsglieder gegen die lebens­volleren in Schutz zu nehmen. Während es die deutschen Interessen zu seinem Vortheil auSbeutcle, wollte cs noch als die Macht anerkannt sein, von welcher Deutschland mit be­sonderer Liebe und Aufopferung gepflegt werde. Also verfuhr es hauptsächlich im Norden. Im Süden aber strebte es dar­nach, von dem Reiche, das cs selbst schon als eine Leiche be­trachtete, möglichst viele Glieder als Beute davon zu tragen. Sehnten, Throl, Vorarlberg, allmählich erworben, batten längst Oesterreich mit den habsburgischen Stammlanden am Oder­rhein und in Schwaben in Verbindung gebracht. Im Westen gehörte ihm der reiche burgundische Kreis. Das so von drei Seiten militärisch umfaßte südliche Deutschland bei guter Ge­legenheit ganz an sich zu bringen, verlor Oesterreich nie aus dem Auge. Reichsritter, Reichsstädte , Neichsabteien und Reichsgrafschaften hatten sich in seiner Nähe nicht halten können. In den entfernteren herrschte cs durch seinen Ein­fluß. Nur Württemberg und Baiern behaupteten eine gewisse Selbstständigkeit. Zwei Mal aber war W ü r t t e.m b e r g von österreichischen Heeren besetzt w o r d c n und die Einverleibung Baierns wurde unausge­setzt betrieben, i n F r c u n d s ch a f t u n v Feind­schaft, durch Heirat!) und durch Waffenge­walt" *).

Wie in politischer Hinsicht, so wurde Oesterreich unter der Herrschaft des Hauses Habsburg auch von der Gemein­schaft des geistigen Lebens von der deutschen Nation geschieden. Anfangs zwar zündete die Reformation, diese nationalste That des deutschen Geistes, auch in den Erblanden, in Böhmen und in Ungarn. Aber schon 1550 rief Ferdinand I. gegen das ketzerische Treiben die Jesuiten zu Hülfe, und das blutige Schwert des zweiten Kaisers glei-

*) Hr. V. d. Pfordtcn und Sc. württcmbcrgische Maje­stät haben das freilich Vergessen.