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Reue Hessische Leitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Donnerstag, 21. März 1850. j\2 136» Morgen - Ausgabe.

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Deutschland.

C Erfurt, 19. März. Die noch gestern von Sachkun- igen ausgedrückte Befürchtung, daß auf die Vollendung des laues in der Augustinerkirche bis morgen werde verzichtet erden müssen, hat sich alö grundlos erwiesen. Es ist das heinbar Unmögliche geleistet worden. Beide Häuser werten ivrgcn im Regierungsgebäude eröffnet und schreiten darauf 'fort in ihren besonderen Sitzungslokalen zu ihrer Konstitui- ang. Das Nähere darüber ergibt folgendes Programm, «elches wir wörtlich mittheilen :Am 20. März c. Vormit- rgS 10 Uhr wird zur Feier der Reichstags-Eröffnung ein Gottesdienst der beiden Hauptkonfessionen abgehalten. Der vangelische sindet in der Barfüßer-, der katholische in der Digbertikirche statt. Den Reichstagsabgeordneten wird hier ins Vorweis ihrer Legitimationskarten, die sie im Lokale des Nartinsstiftes abzunehmen ersucht sind, der Zugang zu den ür sie vorbehaltenen Plätzen geöffnet. Nach beendigtem Got- esdienste begeben sich die Mitglieder beider Häuser in das tiegierungsgebaute. Sobald dieselben sich ,dort im großen Saale versammelt haben, auch der Verwaltungsrath hinzuge- reten ist, eröffnet der Vorsitzende des Letzteren im Namen )er verbündeten Regierungen den Reichstag durch Verlesung >er Eröffnungsboischast und Verkündigung der Vorlagen, die Demnächst an beide Häuser zu gelangen haben. Die Mitglie- >er beider Häuser sind eingeladen, sich nach Beendigung bie# es Aktes in ihre besonderen Sißungslokalien zu begeben, und dort auf Ersuchen eines Kommissars des Verwaltungsrathes sogleich diejenigen Maßnahmen zu treffen, welche für die demnäch- stige Konstituirung des Volks- u. Staatenhauses zuerst erforderlich sind." Von Seiten der hiesigen Einwohnerschaft will man das be­vorstehende Ereigniß nicht ohne ein Zeichen d r Theilnahme vorübergehen lassen. Der erfurter Sängerbund, welcher aus 14 hiesigen Liedertafeln besteht, hat beschlossen, zur Feier des Tages durch einen Umzug durch die Hauptstraßen beizutra­gen, der früh um 8 Uhr beginnen und mit einem Choral vom Dome herab schließen wird. Die Polizeiverwaltung hat eine Bekanntmachung erlassen, durch welche während der Dauer des Parlaments die an die Augustinerkirche grenzen­den Straßen für Fuhrwerk gesperrt werden. Auch wird ver­boten, sich in diefelben truppweise aufzustellen. Unter den Vorlagen des Verwaltungsrathes befindet sich auch der Ent­wurf der allgemeinen Geschäftsordnung für beide Häuser. Derselbe schließt sich fast durchgehends an das Reglement für die preußischen Kammern an. Beide Häuser wählen einen Präsidenten und zwei Vicepräsidenten zuerst auf 4 Wochen, dann für die übrige Dauer des Reichstages. Das Staaten­haus wird durch das Loos in 5, das Volkshaus in 7 Ab­theilungen getheilt; von diesen werden die Ausschüsse ge­wählt, welche in der Regel alle Vorlagen und Anträge für die Berathung im Plenum vorzubereiten haben. Die Be­richte der Ausschüsse müssen wenigstens 24 Stunden vor die­ser Berathung gedruckt in den Händen aller Mitglieder sein. Die Oeffentlichkcit der Sitzungen kann nur auf Antrag des Verwaltungsrathes zum Zwecke vertraulicher Mittheilungen oder auf Antrag von wenigstens 20 Mitgliedern ausgeschlossen werden. Die Reihefolge der Redner bestimmt das Loos.

Anträge auf namentliche Abstimmung müssen von wenigstens 50 Mitgliedern unterstützt werden. Hinzugekommen ist die Bestimmung, daß Mitglieder wegen ordnungswidrigen und unwürdigen Verhaltens, in oder außer dem Hause, aus­geschlossen werden können. Zu einem solchen Beschlusse ist eine Mehrheit von mehr als zwei Dritteln erforderlich, und die Verhandlung findet bei geschlossenen Thüren Statt. Was das Geschästsverhältniß der Häuser unter sich und zu dem Verwaltungsrathe betrifft, so ist der Verwaltungsrath die Behörde, welche mit dem Reichstage zu verhandeln hat. Er bestimmt Kommissare, welche das Recht haben, den Ver­handlungen beider Häuser beizuwohncn und jederzeit von den­selben gehört zu werden. Dieselben sind zugleich verpflichtet, auf Verlangen eines jeden der Häuser in demselben zu er­scheinen und Auskunft zu ertheilen, oder ben Grund anzu- geben, weßhalb solche nicht ertheilt werden könne. Wenn die beiden Häuser die Revision des Verfassungsenlwurfcs beendigt haben und abweichende Beschlüsse noch bestehen geblieben sind, so treten die beiden VersassungSauSschüsse zusammen, um durch weitere Berathung eine völlige Uebereinstimmung beider Häuser möglichst zu erleichtern. Auch in anderen Fällen fin­det bei einem Dissensus beider Häuser eine Konferenz der betreffenden Ausschüsse $um Behufe der Verständigung Statt. Die letzten Bahnzüge haben eine sehr große Anzahl von Abgeordneten hierher geführt. Da auch die Zahl der zu ih­rem Empfange Herbeiftrömenden fortwährend im Steigen ist, so entsteht auf dem Bahnhöfe ein immer stärkeres Gedränge, besonders da unmittelbar nach der Ankunft der Züge die Ausgänge von den zur Kontrolle der Legitimationen beorder­ten Polizeimannschaften besetzt werden. Der gestern Abend von Berlin anlangende Zug war so stark besetzt, daß eine bedeutende Verspätung eintrat. Wir nennen unter den zuletzt Angekommcnen die beiden Herren v. Vincke, Finanzrath Hesse, GrafDyhrn, Riedel, Ambronn, Stahl, Keller, Geßler, Land­rath v. Manteuffel, Goltdammer, Zachariä, Groddcck. Die liberal-konstitutionelle Fraktion war heute aus dem bis- herigen gemeinsamen Mittelpunkte, dem Hotel Kaiser, ausge­schieden und scheint sich in dem Gasthofe des Herrn Silber koncentriren zu wollen. Die Minister v. Manteuffel und v. d. Heydt treffen heute Abend ein. Der Posener Abgeordnete Graf Dzialinski beabsichtigt unmittelbar nach Einlegung eines Protestes im Namen der polnischen Nationalität Erfurt wie­der zu verlassen. Die Abgeordneten beschäftigen sich augen­blicklich lebhaft mit der angeregten Frage der Vertagung. Bei ter Nähe des Osterfestes wird man zunächst allerdings nur die Formalitäten der Konstiluirung erledigen können. Sehr wahr­scheinlich aber würde man damit im Laufe einer Woche auch wirklich zu Ende kommen, da die Prüfung der Wahlen sich namentlich im Staatenhause sehr einfach gestalten und lo sehr rasch vorschreiten wird. Es erhält sich jedoch das Gerücht, daß von Seiten des Verwaltungsrathes eine mehrwöchentliche Vertagung beabsichtigt wird. Dieselbe wurde jedenfalls nicht eher eintreten, als bis irgend ein positives Resultat erreicht, die Verfassung en bloc angenommen, und. eine UnionSregie- rung eingesetzt ist. Für die Revision der Verfassung und die Berathung der übrigen Vorlagen dürfte dann vielleicht