Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Donnerstag, 7. März 1850. ^^ 112. Morgen - Ausgabe.
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Deutschland.
^ Hanau, 20. Febr. Mit dem Februar 1850 scheint aus unserer Stadt jede Noth verschwunden zu sein. Die früher stockenden Geschäfte sind wieder im Schwung; Bälle folgen aus Bälle, mit und ohne Masken, vor und nach Fast- nacht; bald ist Schützenball, bald Turnerball, bald Schreinerball u. s. w. Aber wenn wir die Bücher der hiesigen Armenverwaltung zu Rathe ziehen, so finden wir ein ganz anderes Bild, da sehen wir, daß sich die Zahl der Armen von Jahr zu Jahr und unverhältnißmäßig zur wachsenden Bevölkerung vermehrt; daß trotz der größten Mühe und Oronung die Mittel zur Unterstützung fast nicht mehr beschafft werden können. Es zeigl^sich das dringende Bedürfniß, der fortschreitenden Verarmung Einhalt zu thun. Wir halten es deßhalb für Pflicht, dieses Gebrechen, an welchem wohl andere Orte in gleicher Weise wie unsere Statt leiden mögen, öffentlich zur Sprache zu bringen und einen Weg, auf dem etwa zu helfen sein möchte, wenigstens anzudeuten. Vor Allem müssen wir uns den Mangel unserer Armenpflege klar zu machen suchen. Liegt er etwa in der nachlässigen unordentlichen Verwaltung ? In unserer Stadt durchaus nicht. Da herrscht in der Central - Armenkommission die größte Ordnung und Pünktlichkeit; ja die Männer, welche die eigentliche Arbeit besorgen, haben sich durch ihre unausgesetzte aufopfernde Thätigkeit einen Anspruch auf ehrende Anerkennung und Dankbarkeit ihrer Mitbürger erworben. Nein ter Mangel liegt in der Organisation der Armenunterstützung selbst. Fast überall und so auch hier hat man nämlich bis jetzt nur tar- auf Hingewirkl, die Armen zu verpflegen, die Armuth zu unterhalten, anstatt daß man die Armuth selbst aufheben, ihre Ouellen verstopfen sollte. Aber wie soll denn das geschehen? Die Armenverwaltung, ein Verein von wenigen auch sonst noch beschäftigten Männern, kann das durchaus nicht. Sie erfüllt ihre Pflicht, wenn sie die Einnahme und gerechte Verwendung der Beiträge überwacht und leitet. — Es kann nur geholfen werden, wenn die Sorge für die Armen alö Gemeindesache im wahren Sinn des Wortes aufgefaßt wird, wenn alle Einwohner, die ein Herz für die Noth ihrer Brüder haben, an der Armenpflege sich persönlich beteiligen. Geldunterstützungen sind nur bei denen wohl angebracht, welche unfähig sind zu arbeiten und also in der Armuth verbleiben müssen; bei den Andern ist persönliche Beihülfe offenbar das bessere Mittel. Zu diesem Zweck würde eine Theilung der Stadt in möglichst viele durch Armcnpflegcr überwachte Bezirke, eine enge Verbindung dieser Armenpflegcr mit der Centralveiwaltung und Anderes der Art erforderlich sein. Es genüge für heute den Gegenstand angeregt zu haben. Nur erlauben wir uns noch auf eine Schrift aufmerksam zu machen, in welcher die Ausführbarkeit uno der segensreiche Erfolg einer solchen Armenpflege näher beschrieben wird. Das Werk heißt: Die kirchliche Armenpflege. Nach dem Englischen des Dr. Thomas Chalmers, von Otto v. Gerlach. Berlin 1847. Das Ergebniß, welches Chalmers in einer 18jährigen Wirksamkeit für die Armen gefunden hat, faßt er in den Worten zusammen: Während die Zwangs- Armenpflege das Wohlbefinden des Volks nicht vermehrt, sondern
in ihren Folgen alle Reichen arm und alle Armen ärmer macht als zuvor, dabei den Charakter beider verderbt, hebt die freiwillige durch die Allgewalt moralischer Ursachen die Wohlfahrt der arbeitenden Klasse leiblich und geistig.
t Schmalkalden, 4. März. In unserem Bezirke wird gegenwärtig eine Adresse an unsere Landstände unterzeichnet, in welcher die Bürger der Stadt- und der Landgemeinden und zwar die Gemeindebehörden an der Spitze ihre Uebereinstimmung mit dem von den Landständen gegen das Ministerium Hassenpflug ausgesprochenen Mißtrauensvotum erklären. Obgleich das Verfahren unserer Kammer in ganz Kurhessen laute Billigung findet, so ist doch zu wünschen, daß jene Adresse auch in anderen LandeStheilcn Nachahmung finden möge.*)
Berlin, 2. März. Wie man heute vernimmt, soll am 26. Februar zwischen Baiern, Württemberg und Sachsen ein neuer Dreikönigsbund unterzeichnet worden sein. Hannover hält sich fern, und die Hoffnung der Verbündeten, man werde dort Stüve jetzt beseitigen können, ist fehlgeschlagen. Die hannoversche Majorität in den Kammern ist keine ministerielle, sondern eine Stüve'sche. Könnte man in Hannover eine halbwegs haltbare Selbstständigkeit erlangen, so würde man das einem Anschlusse an den „preußischen" Bundesstaat weit vorziehen; aber einen Anschluß an diesen verwandten Bundesstaat würde man doch tausendmal möglicher und erträglicher finden, als eine Einordnung und Unterordnung unter eine Politik süddeutsch-österreichischer Interessen. So wird es Hannover nun mit der Jsolirung und vollen Selbstständigkeit einstweilen versuchen. Das neue Dreikönigsbündniß wird inzwischen ziemlich unschädlicher Natur sein und, wenn es demnächst wieder platzt, mehr die Wirkung einer Seifenblase als einer Bombe gehabt haben. — Heute Mittags um 10 Uhr sind die Ehrenbürgerbriefe den beiden Ministern v. Brandenburg und v. Manteuffel in ihren Hotels durch eine Deputation feierlich überreicht worden.
Berlin, 4. März. (84. Sitzung des VerwaltungS- raths. (Forts.) Der großh. m e ck l e n b u r g - st re liß- sche Bevollmächtigte hat auf die zunächst hcrvorgeho- bene zweite Frage in schriftlicher Fassung zu Protokoll gegeben: „Mit Bezug auf dasjenige, was von ihm zum 78sten Protokolle Seite 76 bereits ausgesprochen worden, habe er zu erklären, daß seine Regierung Bedenken trage, in Bezug auf solche Modifikationen oder Additionalartikel zur Reichsverfassung, wodurch diese zu einer bloßen Vereinsverfassung für einen Komplex deutscher Bundesstaaten, welche eine politische Gesammtheit in dem bestehenden deutschen Bund^ bilden will, umgestaltet würde, einem Theile der deutschen Bundesstaaten gegenüber für jetzt irgend welche vertragsmäßigen Ver-
*) Wir können uns diesem Wunsche nur aufs Entschiedenste anschließen. Es wird zwar nicht leicht Jemand zweifeln, daß die Beschlüsse der Ständeversammlung in dieser unseligen Angelegenheit die Billigung des ganzen Landes für sich haben, indessen wird es doch von größester Bedeutung sein, wenn auch die Wähler sich unmittelbar aussprechen.
Die Red.